Nachhaltige Anlagen: Fonds ohne grünen Anspruch sind am beliebtesten
Frankfurt. Für alle, die auf Nachhaltigkeit setzen, ist es eine Enttäuschung: Grüne Anlagestrategien sind keine Absatzschlager, zumindest nicht in diesem Jahr. Das hat die Agentur Morningstar für das Handelsblatt errechnet.
„Wir erwarten, dass die Europäische Union ihre Regeln für nachhaltige Fonds ändert, sodass dieser Markt künftig völlig anders aussehen dürfte“, schätzt Hortense Bioy, Leiterin Nachhaltigkeit bei Morningstar.
Die Rechnung der Agentur berücksichtigt alle Fonds, die nach den EU-Regeln Ucits aufgelegt wurden. Von Januar bis August investierten Anleger netto 54,5 Milliarden Euro in Fonds mit Nachhaltigkeitsanspruch, zogen 14,1 Milliarden Euro aus Strategien ab, die darüber hinaus Wirkung erzielen wollen. In die Fonds ohne Nachhaltigkeitsanspruch flossen dagegen 156,9 Milliarden Euro.
Diese Einteilung folgt der sogenannten Offenlegungsverordnung, nach der alle Anbieter ihre Fonds einer der drei beschriebenen Gruppen zuordnen müssen. Besonders ernüchternd ist das Zwischenergebnis des laufenden Jahres vor dem Hintergrund des Aktienbooms für Investments in erneuerbare Energien und entsprechende Unternehmen für Windkraft und Solarenergie in den Jahren 2020 und 2021.
Die nachhaltigen Fonds nach Artikel 8 der Offenlegungsverordnung zogen allein 2021 mehr als 400 Milliarden Euro an. Bei den härteren Anforderungen der auf Wirkung zielenden Strategien nach Artikel 9 war die Summe noch fast dreistellig. Die ohne Nachhaltigkeitsansprüche aufgelegten Produkte nach Artikel 6 brachten es auf weniger als 200 Milliarden Euro.
Henrik Pontzen hält die ESG-Idee für Investments nach Umwelt- und Sozialkriterien sowie Prinzipien guter Organisationsführung trotz der moderaten Neuanlagen in der jüngeren Zeit nicht für überholt. „Für uns ist das eher eine Normalisierung, als dass wir von einer Absatzflaute reden würden“, sagt der Leiter Nachhaltigkeit bei Union Investment.
Ein schlichter Renditevergleich liefert zumindest keine Argumente gegen ESG-orientierte Investments. Laut Scope Fund Analysis brachten internationale Aktienfonds in diesem Jahr durchschnittlich 11,7 Prozent Rendite, die mit Nachhaltigkeitsanspruch 11,6 Prozent. In den beiden Vorjahren hatten ESG-Produkte einen leichten Nachteil, in den erwähnten Boomjahren davor wiederum einen deutlichen Vorteil.
Beim Ausblick gibt sich Experte Pontzen optimistisch: „Nachhaltigkeit wird nicht verschwinden, wir reden über einen Megatrend.“ Der Union-Investment-Mann argumentiert dabei so: Von den wieder fallenden Zinsen profitierten die häufig als nachhaltig eingeschätzten Wachstumsfirmen besonders, und der vom Klimawandel ausgelöste Problemdruck auf die Unternehmen steige.
Außerdem vernebele der Blick auf kurzfristige Bilanzen das entscheidende langfristige Bild. So wie Unternehmen ihren nachhaltigen Umbau über große Zeithorizonte planen müssten, sollten auch Anleger entsprechend denken: „Es gibt kein nachhaltiges Day-Trading, um es überspitzt zu sagen.“ Die entsprechenden Zahlen von Scope deuten in diese Richtung. Danach lieferten internationale Aktienfonds über zehn Jahre im Schnitt eine jährliche Rendite von 7,8 Prozent, die mit ESG-Ausrichtung 8,5 Prozent.
Solche Zahlen sind auf den ersten Blick für Anleger eher ermutigend. Allerdings trifft sie das allgemeine Börsengeschehen wie die beschriebene Boomphase für alternative Energien und der anschließende Crash. Problematisch sind laut Experten aber vor allem die geltenden Regeln für nachhaltige Investments im Fondsbereich.
Gemeint sind EU-Instanzen wie die Kommission und die Wertpapieraufsicht Esma. „Um es in der Handwerkersprache zu sagen: Wenn man die Schraube zu weit anzieht, dann dreht die durch“, sagt Pontzen. Das sei ein Stück weit passiert. „Die Regeln sind immer komplexer und komplizierter geworden“, urteilt Roland Kölsch, der unter anderem verantwortlich ist für die sogenannten Siegel, die vom Forum Nachhaltige Geldanlagen an Fonds vergeben werden.
Die Rede ist dann von unbestimmten Rechtsbegriffen und interpretationsbedürftigen Anforderungen. Das wird augenfällig, wenn der Anleger mit Begrifflichkeiten wie Taxonomie, SFDR, PAI, DNSH oder Mifid konfrontiert würde. Genau das ist seit etwas mehr als zwei Jahren der Fall. Seitdem muss der Berater seine Kunden zwingend auf das Thema Nachhaltigkeit ansprechen.
Zeigt der Kunde dann Interesse, muss er dem Berater sagen, ob er das Thema nach Taxonomie (die nachhaltige Wirtschaftsbereiche definiert), nach SFDR (und damit der Offenlegungsverordnung) oder PAIs (nachteiligen Nachhaltigkeitsauswirkungen) angehen möchte. Das überfordert nach Ansicht mancher Experten viele Beteiligte. „Manche Berater empfehlen daher dem Kunden, sich gegen ein Interesse an Nachhaltigkeit auszusprechen, sodass man dann freier reden könne“, berichtet ein Insider.
EU kämpft gegen Greenwashing
„Die Regulierungssituation wird sich jedoch ändern, weil die EU-Kommission die Offenlegungsverordnung verbessern will, um Greenwashing, also die übertriebene Angabe von Nachhaltigkeitsanstrengungen, weiter einzudämmen“, sagt Masarwah. Außerdem hat die europäische Börsenaufsicht Esma bereits neue Leitlinien zur Verwendung von ESG-Begriffen in Fondsnamen verabschiedet, die für neue Fonds ab November und für bestehende ab kommenden Mai gelten.
„Wir glauben, dass damit neuer Schwung in die Debatte kommt“, sagt Experte Kölsch. Er wie auch andere Experten fühlen sich vor allem durch die Einführung einer neuen Fondsgruppe bestätigt. „Es gibt jetzt zwischen ‚braun‘ und ‚grün‘ auch Transitionsfonds, die in Unternehmen investieren, die ihr Geschäftsmodell in Richtung Nachhaltigkeit umbauen“, ergänzt der Fachmann.
Praktiker Pontzen findet das „richtig und gut, denn wir wollen in glaubwürdige Transformation investieren“. In diese Kategorie würden nicht nur viele bekannte Tech-Firmen mit ambitionierten Klimazielen fallen. Er nennt aus deutscher Sicht etwa BMW mit seinen Plänen zur Elektromobilität, auch wenn Autoaktien derzeit an der Börse nicht gefragt seien. BASF tue sich ebenfalls schwer, wie der Aktienkurs zeige: „Aber der Konzern steht für glaubwürdige Transformation.“
Die Schwierigkeiten auf einem weiteren problematischen Feld könnten ebenfalls gemindert werden. Es geht um die ESG-Ratings bekannter Agenturen wie MSCI, Sustainalytics oder ISS Oekom. Deren Bewertungen des gleichen Unternehmens liegen teilweise weit auseinander, weil unterschiedliche Daten verwendet, einzelne Nachhaltigkeitsfaktoren unterschiedlich gewichtet werden und die Bewertungszeiträume variieren.
Experte Masarwah blickt optimistischer nach vorn: „Die Transparenzpflichten werden verschärft, das soll die Rating-Prozesse für Anleger nachvollziehbarer machen.“