Tagung Dekarbonisierung: „Wir brauchen eine neue, starke Industriepolitik“
Düsseldorf. Trotz Krise halten deutsche Unternehmen an ihren Zielen und Umbauplänen zum Klimaschutz fest. Der Politik hingegen machen sie schwere Vorwürfe: Sie habe bisher nicht für Rahmenbedingungen gesorgt, die den grünen Umbau der Unternehmen ausreichend beschleunigen und unterstützen. Dieses Stimmungsbild aus der Wirtschaft ergab am Donnerstag eine Umfrage auf der Handelsblatt-Tagung „Dekarbonisierung der Industrie“ in Düsseldorf.
Eine deutliche Mehrheit der rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zeigte sich überzeugt: Das Thema Nachhaltigkeit sei auch in der aktuell wirtschaftlich schwierigen Phase nicht auf der Management-Agenda nach hinten gerückt. Anders sei dies in der Bevölkerung insgesamt, wo die Mehrheit der Befragten ein abflauendes Interesse an Umwelt- und Klimaschutz beobachtet.
Der grüne Umbau in Deutschland stellt sich aus Sicht von Michael Nimtsch, Geschäftsführer von Trailer Dynamics, aktuell so dar: „Die Industrie agiert mit hohem Tempo, die Politik wie eine Schnecke“, sagte der Unternehmer, dessen Firma elektrische Trailer-Systeme für Langstrecken-Lkw herstellt, auf der Handelsblatt-Tagung.
Der Appell geht somit an die Regierung: „Wir brauchen eine neue, starke Industriepolitik, damit wir die Transformation stemmen können und die Arbeitsplätze hier im Land behalten“, sagte Thomas Bünger, Chef der Flachstahlsparte vom Stahlkonzern Arcelor-Mittal in Deutschland.
Für Bünger darf das Thema Brückenstrompreis in Deutschland daher noch nicht vom Tisch sein, also ein zeitlich befristet gedeckelter Strompreis für die Industrie. „Das ist sicher nicht beliebt, aber wir müssen uns dem widmen.“
Verschärfter Standortwettbewerb über den Strompreis
Der erfahrene Stahlmanager fordert dies nicht allein mit Blick auf die billigere Konkurrenz aus Asien. Länder wie Frankreich und Belgien machen seiner Beobachtung nach eine nationale Industriepolitik, die innerhalb Europas den Standortwettbewerb verschärfe – etwa über den Strompreis.
Dass der Standort Deutschland in Schwierigkeiten steckt, zeigt eine groß angelegte Studie des Bundesverbands der Deutschen Industrie. Die in dieser Woche vorgelegte Analyse sieht ein Fünftel der industriellen Wertschöpfung gefährdet – vor allem die Grundstoffindustrie und den Automobilbau.
Der BDI sieht in den Ergebnissen einen „lauten Weckruf“ für die Politik. Für den klimagerechten Umbau der Wirtschaft seien in den nächsten Jahren 1,4 Billionen Euro an Investitionen nötig.
Bei der Suche nach den Ursachen sind die Autoren immer wieder auf die Preise für Strom und Gas gestoßen. Die hohen Energiekosten seien zwar nicht die einzige schwere Bürde für die Unternehmen, sie fielen aber besonders ins Gewicht, heißt es in dem Bericht. Sie ließen sich mittlerweile durch traditionelle Stärken der deutschen Industrie – etwa die hohe Produktivität und die Innovationskraft – vielfach nicht mehr kompensieren.
Grüner Strom in ausreichender und stabiler Menge zu bezahlbaren Preisen – das ist aus Sicht der energieintensiven Industrie der Schlüssel für eine erfolgreiche Transformation. Mit Strom aus erneuerbaren Quellen soll auch der grüne Wasserstoff gewonnen werden, der als Energieträger der Zukunft gilt. Doch der Aufbau einer Infrastruktur stockt.
Beim Aufbau einer Wasserstoff-Infrastruktur ist noch viel Luft nach oben
Folge: Zwar haben Unternehmen Tausende Projekte zur Wasserstoffnutzung gestartet. Doch die wenigsten seien so weit, dass im größeren Stil investiert wird, beobachtet Cetin Nazikkol, Chief Strategy Officer bei Thyssen-Krupp Decarbon Technologies.
„Wir brauchen viel mehr Geschwindigkeit beim Aufbau der Wasserstoff-Infrastruktur“, sagte er auf der Handelsblatt-Tagung. „Die Covid-Impfstoffentwicklung hat doch gezeigt: Wenn alle an einem Strang ziehen, können Probleme schnell gelöst werden.“
Die Industrie in Deutschland hat insgesamt aber nicht nur mit den Stromkosten zu kämpfen. In vielen Unternehmen stellt sich die Situation so dar: Sie entwickeln klimafreundlichere Produkte und Verfahren, die aber teurer sind als die hergebrachten. In konjunkturell unsicheren Zeiten scheuen Kunden vor dem Kauf zurück – Verbraucher ebenso wie die verarbeitende Industrie.
Das zeigt sich etwa beim Einsatz recycelter Kunststoffe. Deren Verwendung sei mangels Nachfrage aus der Industrie sogar rückläufig, sagt Reinhard Schneider, geschäftsführender Gesellschafter der Werner & Mertz GmbH. Die Mainzer Firma stellt Wasch- und Reinigungsmittel unter der bekannten Marke Frosch her und setzt nahezu komplett auf Verpackungen aus recycelten Kunststoffen.
Kunststoffe aus Öl sind aber immer noch billiger. Den Durchbruch für recycelte Produkte können nach Ansicht von Chemiemanagern feste, staatlich festgesetzte Quoten bringen. Mit wachsender Produktionsmenge würden die Kostenvorteile von Öl-Kunststoffen verschwinden, argumentiert Jürgen Pfitzer, geschäftsführender Gesellschafter der Tecnaro GmbH, die Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen wie Zucker, Pflanzenöl und Holz produziert.
Pfitzer forderte für die grüne Transformation in Deutschland einen auf 30 Jahre angelegten Plan mit festen Vorgaben, in denen sich die Regierungsparteien bewegen müssten. Eine entscheidende Rolle sollte dabei der Umbau zu einer Kreislaufwirtschaft spielen, sagte Werner-&-Merz-Chef Schneider. Dabei geht es darum, dass Rohstoffe in einem Kreislauf immer wieder neu in der Produktion verwendet werden, anstelle sie auf den Müll zu werfen oder zu verbrennen.
„Im Koalitionsvertrag steht sehr viel zur Kreislaufwirtschaft“, sagte Schneider. „Doch kaum etwas davon ist umgesetzt worden.“ Dabei habe Deutschland das Zeug dazu, in diesen Zukunftstechnologien führend zu werden.