Dax-Umfrage: Angst und Panik unter den Anlegern signalisieren: Für Verkäufe ist es viel zu spät
Laut Sentimenttheorie ist die Anlegerstimmung ein Kontraindikator für die weitere Entwicklung an den Märkten.
Foto: dpaDüsseldorf. Seit drei Wochen herrschen Angst und Panik unter Anlegern. Das zeigen die Daten der Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment. Solch eine Situation gilt laut Sentimentanalyse als Kontraindikator: Weil viele Anleger ihre Aktien bereits verkauft haben, ist die Wahrscheinlichkeit für eine Gegenbewegung derzeit deutlich höher als das Risiko eines Crashs.
Sentimentexperte Stephan Heibel erläutert: „Weitere negative Meldungen können aufgrund der ohnehin schon depressiven Stimmungslage nur schwerlich weitere Verkäufe auslösen. Ein Ausbleiben weiterer negativer Schlagzeilen könnte den Verkaufsdruck bremsen, was steigende Kurse nach sich zieht.“
Aber kann die Stimmung noch weiter abrutschen und dann noch weiter fallende Notierungen nach sich ziehen? Natürlich kann es noch schlimmer kommen. Dafür haben in der Vergangenheit viele externe Schocks gesorgt.
Der Krieg in der Ukraine im vergangenen Jahr, Corona-Crash 2020 oder die Finanzkrise 2008 beispielsweise ließen die Stimmung und die Kurse noch deutlich tiefer abrutschen. Diese Crashs waren nicht binnen weniger Tage abgefrühstückt, sondern nahmen mehrere Wochen, teilweise Monate in Anspruch. Der Krieg in Israel scheint dagegen bislang nur überschaubare Auswirkungen auf die Märkte zu haben.
Somit ist es nach Meinung von Heibel, der auch den Börsenbrief Heibel-Ticker herausgibt, für Verkäufe sicherlich bereits viel zu spät. Käufe können getätigt werden, allerdings sollten Anleger noch etwas Cash halten, denn es gibt noch immer Platz nach unten für noch schlechtere Stimmungswerte.
Doch in positiven Börsenjahren, wie 2023 eines ist, gab es nach solch schlechten Stimmungswerten meist eine Trendwende. Beispielweise herrschte auch im August 2019 drei Wochen lang Panikstimmung unter den Anlegern. Das war der Auftakt für eine Jahresendrally mit einem Plus von 15 Prozent.
Maximaler Stress bei den Anlegern
„Die Sentimentanalyse kann nicht punktgenau bestimmen, wann die Märkte drehen“, erläutert Heibel. Doch in der zeitlichen Betrachtung kann man Markttiefs auf wenige Wochen genau bestimmen.
Und die Vergangenheit habe gezeigt, dass der Aktienmarkt, je stärker er unter dem Eindruck von Angst und Panik einbricht, umso schneller anschließend die Verluste wieder aufholt. „Sollte es dennoch wider Erwarten zu einem Crash kommen, dürfte der Dax das aktuelle Niveau spätestens in zwei bis drei Monaten wieder überspringen“, meint er.
Lediglich um ein Prozent ist der Dax in der vergangenen Woche gefallen, dennoch waren es turbulente Tage an den Finanzmärkten: Anleihen wurden ausverkauft, der Ölpreis rutschte deutlich ab, und an den Aktienmärkten waren Profiteure schwer zu finden. Kein Wunder, dass weiter Angst und Panik unter den Anlegern herrschten.
Das Sentiment fiel auf den Wert von minus 4,7 Punkte und signalisierte damit maximalen Stress bei den Anlegern. Auch die Verunsicherung befand sich mit einem Wert von minus 4,6 auf einem Extremniveau. Die Erholung, auf die viele Anleger mit dem Monatswechsel gesetzt hatten, blieb bislang aus. Viele Anleger fühlen sich nun falsch positioniert.
Die Zukunftserwartung für den Dax-Kurs in drei Monaten ist auf plus 6,0 gestiegen. Nur zweimal in den vergangenen neun Jahren war der Zukunftsoptimismus noch größer: zuletzt im August 2017. Es folgte eine Rally von plus neun Prozent binnen drei Monaten. Im Jahr 2014 war der Zukunftsoptimismus gleich dreimal höher. Zweimal folgte ein Ausverkauf, erst nach dem dritten Mal folgte eine fulminante Rally.
Flankiert wird der große Zukunftsoptimismus von einer nach wie vor hohen Investitionsbereitschaft von plus 3,5. Der Wert ist zwar gegenüber dem Wert der Vorwoche von plus 5,5 deutlich zurückgegangen, doch noch immer ist die Investitionsbereitschaft damit vergleichsweise hoch.
Das Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart, an der Privatanleger handeln, ist auf plus 7,5 gestiegen, das ist der höchste Wert seit einem Jahr. Privatanleger spekulieren also auf steigende Kurse, weil ein positiver Wert einen hohen Anteil von Call-Hebelprodukten auf den Dax anzeigt.
Das Put/Call-Verhältnis an der Frankfurter Terminbörse Eurex, über die sich institutionelle Anleger absichern, ist auf 2,4 gesprungen und zeigt eine gestiegene Absicherungsneigung der Profis. Ein ähnliches Bild zeigt das Put/Call-Verhältnis an der Chicagoer Terminbörse CBOE, das ebenfalls auf eine gestiegene Absicherungsneigung der US-Anleger deutet.
Vergangene Woche wurde an der CBOE innerhalb eines Handelstages (Intraday) ein Put/Call-Verhältnis von 1,97 gemessen. Ein solches Extrem wurde nur 20 Mal in den vergangenen 30 Jahren gemessen und war häufig ein Signal für einen bevorstehenden Richtungswechsel.
Die Investitionsquote der US-Fondsmanager ist auf 36 Prozent gefallen und notiert damit wieder auf extrem niedrigem Niveau. Die Bulle/Bär-Differenz der US-Privatanleger liegt bei minus 11,5 Prozentpunkten. Mit 41,6 Prozent haben die Bären die Oberhand gegenüber den Bullen, deren Anteil bei 30,1 Prozent liegt.
Der anhand technischer Marktdaten berechnete „Angst-und-Gier Indikator“ der US-Märkte zeigt mit einem Wert von 22 Prozent extreme Angst an. Kurzfristige technische Indikatoren zeigen eine extrem überverkaufte Marktsituation an und signalisieren damit eine bevorstehende Gegenbewegung.
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