Dax-Umfrage: Anleger sind so optimistisch wie selten: Diese zwei Szenarien gibt es für die Zukunft
Privatanleger sichern sich weniger gegen Kursverluste ab.
Foto: BloombergDüsseldorf. Investoren an der Börse blicken aktuell extrem optimistisch in die Zukunft: Trotz des nahenden Lockdowns und des Rücksetzers am vergangenen Freitag rechnen sie mehrheitlich mit steigenden Kursen. Das ist das Ergebnis der Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment unter mehr als 3800 Privatanlegern.
Zumindest am Montag erfüllen sich ihre Erwartungen: Nachdem der Dax am Freitag 1,4 Prozent verloren hat, liegt der deutsche Leitindex zum Wochenstart wieder mehr als ein Prozent im Plus.
„Niemand möchte zu spät kommen, daher wird offensichtlich weiterhin jeder Rücksetzer früh gekauft und somit aufgefangen“, sagt Sentiment-Experte Stephan Heibel, der die wöchentliche Umfrage für das Handelsblatt auswertet.
Damit verharrt der Dax in seiner Handelsspanne von gut 400 Punkten oberhalb der 13.000-Punkte-Marke. Allerdings hat der jüngste Rücksetzer den Dax nahe an die untere Begrenzung der aktuellen Handelsspanne von 13.005 Zählern geführt. Die Gefahr eines Abrutschens nach unten ist also größer geworden.
In den Umfrageergebnissen spiegelt sich das nur bedingt wider. So hat sich die Stimmung des Anlegersentiments nur leicht eingetrübt. Aktuell notiert es bei minus 0,4 nach plus 2,0 in der Vorwoche. Das bedeutet, dass die meisten Anleger einen solchen Rücksetzer erwartet haben.
Ebenso steht für die Anleger fest: Wenn der Dax seine Seitwärtsbewegung verlässt, dann nach oben. Die Bullen, also Investoren, die steigende Kurse erwarten, sind gegenüber den pessimistisch eingestellten Bären klar in der Überzahl. Das zeigt der unverändert hohe Optimismus: Seit Anfang November liegt die Zukunftserwartung oberhalb eines Werte von vier und damit auf einem extrem bullischen Niveau.
Historisch hoher Optimismus
Ein so großer Optimismus über einen solchen Zeitraum hinweg kam seit Erfassung des Dax-Sentiments nur zweimal vor: zwischen Ende Juni und Anfang Oktober 2015 sowie zwischen Ende Juli und Mitte September 2017.
In beiden Fällen sorgte der Optimismus für Unterstützung und weiter steigende Kurse. Zwar gab es keine Kursexplosion nach oben, aber doch leicht ansteigende Kurse im Verlauf der kommenden Monate. „Das ist ein Szenario, mit dem ich mich auch heute anfreunden kann“, sagt Heibel, Geschäftsführer des Analysehauses AnimusX.
Dieses Szenario beinhaltet allerdings die Möglichkeit eines kurzzeitigen Rücksetzers, der auch heftig ausfallen kann. Denn nach den erfolgreichen Impfstoffstudien und dem Wahlsieg Joe Bidens bei der US-Präsidentschaftswahl ist der Dax deutlich gestiegen – in der Spitze um 16 Prozent.
Rücksetzer wäre Kaufgelegenheit
Das Wachstum fand allerdings zum größten Teil bis Mitte November statt, seitdem bewegt sich der deutsche Leitindex wie bereits erwähnt seitwärts. Sollte er diese Seitwärtsspanne nach unten verlassen, „könnte es jederzeit viele junge Anleger geben, die kurz vor dem Jahresende panisch ihre Gewinne sichern wollen und einen Ausverkauf dadurch beschleunigen würden“, sagt Heibel.
An eine nachhaltige Korrektur glaubt Heibel aber nicht: „Es gibt zu viel Optimismus am Markt, als dass sodann nicht wieder schnell steigende Kurse zu erwarten wären.“ Deshalb sieht der Sentimentexperte in einem möglichen Rücksetzer eine Kaufgelegenheit für die vielen optimistisch eingestellte Anleger.
Dementsprechend verbleibt auch die Investitionsbereitschaft mit 2,1 auf einem verhältnismäßig hohen Niveau (Vorwoche: 2,3). „Zwar gibt es eine Reihe von Anlegern, die vor dem Hintergrund der anstehenden Weihnachtstage nun ihre Jahresperformance eintüten möchten und ihre Positionen verkaufen. Doch gleichzeitig bleibt die Kaufbereitschaft hoch“, sagt Heibel.
Allerdings gibt es auch eine Alternative zu dem beschriebenen Szenario: In diesem kommt es gar nicht erst zu einem Rücksetzer. „Dann gäbe es eine anhaltende Seitwärtsbewegung bis ins neue Jahr hinein, denn auf Basis der aktuellen Stimmungslage ist ein Ausbruch nach oben kaum möglich“, sagt Heibel.
Schließlich befinden sich die Kurse bereits auf einem relativ hohen Niveau, in dem viele positive Zukunftserwartungen schon eingepreist sind. Für weiter steigende Kurse bräuchte es dann also neue Nachrichten.
Keine Absicherung gegen Kursverluste
Auf sinkende Kurse sind die Anleger dagegen nicht eingestellt. Das zeigt sich darin, dass sie sich weniger gegen Kursverluste absichern. Das Euwax Sentiment der Privatanleger verändert sich im Wochenvergleich von minus drei auf minus 2,5. Ein negativer Euwax-Wert bedeutet: In den Depots der Privatanleger sind mehr Put-Hebelprodukte, die von fallenden Kursen profitieren, als Call-Derivate.
Hinter der Entwicklung steckt folgende Logik: Sollten die Kurse doch fallen, würden Anleger ihre Gewinne unmittelbar realisieren. Die entsprechende Position muss also nicht mehr abgesichert werden. Anders Profis, die sich über die Eurex absichern: Sie haben ihre Put-Positionen wieder verstärkt. Das Put/Call-Verhältnis ist auf 2,6 angestiegen.
Korrektur in den USA ist wahrscheinlich
Ganz anders verhalten sich die US-Anleger, die ein Put/Call-Verhältnis von nur 0,5 ausweisen und somit mehr Call-Scheine kaufen als ihre deutschen Kollegen. Auch haben US-Fondsanleger ihre Investitionsquote nochmals gesteigert auf nunmehr 106 Prozent. Das bedeutet, dass mindestens sechs Prozent der Käufe kreditfinanziert sind. Das sind drei Prozentpunkte mehr als in der Vorwoche.
Auch bei den US-Privatanlegern dominieren die Optimisten, das Bulle-Bär-Verhältnis notiert nahe den Jahreshochs bei 21 Prozent.
Etwas Mut macht der technische Angst-und-Gier-Indikator des breit gefassten US-Indexes S&P 500. Er sinkt von 85 Prozent auf 77 Prozent. Doch auch auf dem aktuellen Niveau spricht man noch immer von extremer Gier, die eine Korrektur beziehungsweise einen Rücksetzer wahrscheinlich macht.
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