IPOs: Aktienrally sorgt für konkrete Börsenpläne bei milliardenschweren US-Start-ups
Die nicht unumstrittene US-Firma wagt sich an den Aktienmarkt.
Foto: ReutersFrankfurt. Die vergleichsweise starke Entwicklung der Aktienmärkte in den vergangenen Wochen lässt mehrere milliardenschwere US-Start-ups wieder konkret einen Börsengang in den Blick nehmen. So denkt das geheimnisumwitterte Tech-Start-up Palantir konkret über einen Sprung auf das Parkett in naher Zukunft nach, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg meldet.
Die Aktien der Großdatenfirma könnten bereits im Herbst an der Börse gehandelt werden, berichtet die Agentur mit Verweis auf Quellen, die mit der Angelegenheit vertraut sind. Demnach bereite Palantir derzeit ein Zeichnungsangebot vor, endgültig entschieden sei aber noch nichts.
Das Unternehmen selbst wollte sich zu den Plänen nicht äußern. Palantir Technologies wurde bereits im Jahr 2004 im kalifornischen Palo Alto ins Leben gerufen. Als Mitgründer fungierte unter anderem Starinvestor Peter Thiel, der schon den Zahlungsdienstleister Paypal auf den Weg brachte. Geführt wird das US-Softwarehaus, das sich auf die Analyse großer Datenmengen (Big Data) spezialisiert hat, von Alex Karp.
Palantir gilt als eines der geheimnisvollsten Unternehmen im Silicon Valley, denn weder ist bekannt, wo genau die 2000 Mitarbeiter des Unternehmens arbeiten, noch an welchen Projekten die Angestellten der Firma gerade forschen.
Kaum ein Unternehmen ist so umstritten und so mythenumrankt wie Palantir, benannt nach Kristallkugeln aus Tolkiens Herr der Ringe, die in Wahrheit Instrumente der Knechtschaft sind. Palantir bietet Programme zur Analyse gewaltiger, unsortierter Datenmengen an.
Die Kunden des Unternehmens sind Geheimdienste und Sicherheitsbehörden, die Terroristen und Kriminellen nachspüren. Und neuerdings auch die Jäger eines unsichtbaren Feindes: des Coronavirus.
Palantir bietet seine Datendienste für den Kampf gegen die Pandemie an. Mehr als ein Dutzend Länder nutzt die Software zum Infektionsschutz schon, darunter Großbritannien und die USA. Die nächste Krise, die nächste Wachstumschance – und endlich eine Gelegenheit, das düstere Image aufzubessern, das Palantir vorauseilt. Das Unternehmen bietet seinen Corona-Service kostenlos an.
Vorzeige-Insurtech
Ursprünglich hatte die Firma bereits 2019 an die Börse gewollt, dies dann aber abgesagt, um Gespräche über eine neue Finanzierungsrunde zu führen. Privatinvestoren billigten Palantir in der Vergangenheit eine Bewertung von rund 20 Milliarden Dollar zu. Welche Bewertung die Firma jetzt anstrebt, ist unklar.
Noch früher könnte das ebenfalls mit Milliarden Dollar bewertete US-Start-up Lemonade in New York an die Börse gehen. Das erst seit gut vier Jahren operativ tätige milliardenschwere Versicherungs-Start-up reichte bereits vor wenigen Tagen entsprechende Dokumente zur Registrierung bei der SEC ein. Die Emission soll von den Großbanken Goldman Sachs, Morgan Stanley, Allen & Co sowie Barclays begleitet werden. Das Start-up gilt als eines der wichtigsten Vorzeige-Insurtechs, wie junge Firmen in der Versicherungsbranche genannt werden, weltweit. Bei der letzten Finanzierungsrunde kam Lemonade auf eine Bewertung in Milliardenhöhe.
Der Co-Gründer von Palantir Technologies denkt offenbar sehr konkret über einen Börsengang nach.
Foto: ReutersSeit der dritten Finanzierungsrunde Ende 2017 finanziert die japanische Investmentgesellschaft Softbank den digitalen Versicherer mit. Die beiden Lemonade-Gründer zählen zu den Pionieren des digitalen Versicherns. Sie waren unter den Ersten, die Schadenversicherungen komplett papierlos anboten, setzten auf schnelle digitale Abläufe und versprachen so dem Kunden eine zügigere Auszahlung.
Einschließlich der Finanzierung durch Softbank in Höhe von 300 Millionen Dollar kam der Digitalversicherer Ende 2017 auf einen Wert von 2,1 Milliarden Dollar und war das bestdotierte Insurtech der Welt. Im vergangenen Jahr wagte das Start-up auch den Schritt nach Deutschland und will künftig nach und nach den europäischen Markt aufrollen.
Neue Hoffnung keimt
Dass nun ein Sprung auf das Parkett in die Wege geleitet wird, dürfte auch mit der deutlich verbesserten Stimmung gegenüber Börsengängen in den USA zu tun haben. Eigentlich hatte man den Markt für Börsengänge – auf Englisch „Initial Public Offerings“ (IPOs) – für das laufende Jahr schon abgehakt. „Das IPO-Jahr 2020 könnte eines der schlechtesten der vergangenen fünf Jahre werden“, unkte Ralf Darpe, Leiter Equity Capital Markets bei der Société Générale Deutschland, vor wenigen Wochen.
Doch inzwischen keimt neue Hoffnung auf: Es könnte dieses Jahr doch noch etwas gehen – zumindest ein bisschen was. Denn die positiven Anzeichen sind nicht zu übersehen. Nicht nur die Kaffee-Holding JDE Peet's legte jüngst in Amsterdam einen gelungenen Börsengang hin. Die Aktien des Anbieters von „Jacobs“ – und „Douwe Egberts“-Kaffee starteten mit einem deutlichen Kursplus in den Markt und markierten den bisher größten IPO des Jahres in Europa.
Auch in den USA gelang zwei großen Neuemissionen ein erfolgreicher Sprung auf das Aktienparkett. So kehrte Anfang Juni der US-Musikkonzern Warner Music an die Börse zurück – und übertraf bei der Erstnotierung die Erwartungen der Anleger.
Der erste Kurs lag acht Prozent über dem Ausgabekurs von 25 Dollar. Warner schaffte damit die größte Emission des bisherigen Jahres in den USA. Noch erfolgreicher war der Kurssprung der Softwarefirma Zoom Info, die am ersten Tag des Börsenhandels um mehr als 60 Prozent zulegte.
Softbank mit dem Versuch gescheitert
Doch bei öffentlichen Listings werden die Bewertungen von institutionellen Investoren insbesondere bei defizitären IPO-Kandidaten inzwischen deutlich stärker hinterfragt. Und in dieser Disziplin steht Lemonade ebenso wie Palantir nicht so überzeugend da: Während sich der Umsatz des Onlineversicherers 2019 auf 67,3 Millionen Dollar verdreifachte, verdoppelte sich der Nettoverlust auf 108,5 Millionen Dollar.
Auch Palantir soll bisher noch nie einen Jahresgewinn erzielt haben, strebt dies aber erstmals im laufenden Jahr an, heißt es. Ist der Aktienmarkt also wieder aufnahmefähig für Fintechs, die noch kräftig rote Zahlen schreiben? Die IPO-Pläne des volldigitalen Versicherers und des Data-Mining-Unternehmens werden wohl darüber bald Aufschluss geben. Großinvestor Softbank war im vergangenen Jahr bereits einmal mit einem ähnlichen Versuch gescheitert.
So zog der Büroraum-Anbieter WeWork, an dem Softbank ebenfalls beteiligt ist, seinen geplanten Börsengang im vergangenen Herbst in letzter Minute zurück, nachdem Investoren eine hohe Bewertung angesichts der anhaltenden Verluste der Firma nicht akzeptieren wollten. Insbesondere Softbank steht deshalb nun unter Druck, einen Erfolg vorzuzeigen.