Kapitalmärkte: Wie die Schulden die Kurse treiben
Seit Einbruch der Börsenkurse im März haben die Aktienmärkte rund drei Viertel ihres Absturzes bereits wieder wettgemacht.
Foto: dpaFrankfurt. Wie viel Geld haben die Anleger noch übrig für Aktienkäufe? Diese Frage ist entscheidend dafür, wie weit die derzeitige Aktienrally noch gehen kann. Die US-Bank JP Morgan hat nachgerechnet. Das Ergebnis: Obwohl die Kurse sich seit Ausbruch der Coronakrise grandios erholt haben, besitzen die Investoren noch genug für weitere Käufe. Der wichtigste Grund dafür ist, dass mit dem weltweiten Anstieg der Schulden eine Menge neuer Liquidität geschaffen wird.
Zustrom in Schwellenländer
Die Studie, die unter der Rubrik „Flows and Liquidity“ erschienen ist, konstatiert, seit Einbruch der Märkte im März seien die Aktienmärkte weltweit um rund 40 Prozent gestiegen und hätten so rund drei Viertel des Absturzes wettgemacht. Trotzdem lägen die Barreserven der Investoren „deutlich“ über dem Niveau von vor Ausbruch der Seuche. „Und diese erhöhten Barbestände stellen eine starke Unterstützung für Vermögensgegenstände wie Anleihen und Aktien dar“, heißt es. Weil die Anleiherenditen weltweit im Schnitt unter ein Prozent liegen, gehen die Experten davon aus, dass das Geld vor allem in Aktien fließt.
Eine neue Auswertung der Großbanken-Organisation IIF bestätigt, dass die Kapitalströme wieder eine höhere Risikobereitschaft anzeigen. Im Juni flossen 32,1 Milliarden Dollar in die Schwellenländer, nach nur 3,5 Milliarden im Vorjahr. Das meiste ging mit 23,5 Milliarden dort allerdings in Anleihen. Vor allem Asien hat profitiert.
JP Morgan macht deutlich, wie die neuen Schulden im privaten und im öffentlichen Sektor zu Geld werden: Wenn Banken ihre Kredite erhöhen, was in Europa durch die Europäische Zentralbank (EZB) stark gefördert wird, dann entstehen im gleichen Ausmaß Bankguthaben.
Bei Anleihen passiert dasselbe, wenn diese Papiere von den Notenbanken aufgekauft werden; damit haben zuletzt sogar einige Schwelländer begonnen. Allein bis Ende Mai seien so weltweit flüssige Mittel in Höhe von acht Billionen Dollar neu geschaffen worden, davon allein zwei Billionen in China. Gemeint sind damit Bargeldbestände von Privathaushalten und Firmen sowie deren Bankeinlagen, die für nicht länger als zwei Jahre angelegt wurden – Geld, das Volkswirte unter dem Kürzel M2 erfassen.
Ein Schub wie in der Finanzkrise
Dieser Schub an Geld habe eine ähnliche Größenordnung wie in den Jahren 2008 und 2009 nach der großen Finanzkrise, sei aber wesentlich schneller als damals erfolgt, heißt es. Weil die Entwicklung voraussichtlich anhält, sollten in einem Jahr rund 15 Billionen Dollar oder noch mehr an neuem Geld zur Verfügung stehen.
Die US-Bank stützt sich auf Zahlen des Internationalen Währungsfonds (IWF). Danach haben die Regierungen weltweit Hilfsmaßnahmen im Ausmaß von neun Billionen Dollar – zwölf Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) – auf den Weg gebracht. Die Verschuldung sollte, wenn die Wirtschaft um etwa fünf Prozent schrumpft, im laufenden Jahr von 88 Prozent auf 105 Prozent des BIP wachsen. Dazu kommen private Schulden: bisher fünf Billionen Dollar an zusätzlichen Bankkrediten und Unternehmensanleihen.