Prognosen für Märkte und Politik: Diese zehn Überraschungen an den Märkten prognostiziert Blackstone fürs Jahr 2022
Der Vice Chairman des Finanzinvestors und Vermögensverwalters Blackstone gehört zu den angesehensten Analysten an der Wall Street.
Foto: ReutersFrankfurt.. Es ist schon eine Prognose mit Tradition – Byron R. Wien, der Vice Chairman des Finanzinvestors und Vermögensverwalters Blackstone, hat seine „Zehn Überraschungen für 2022“ veröffentlicht. Im nunmehr 37. Jahr enthüllt Wien seine Voraussagen für Unerwartetes aus der Wirtschaft, dem Finanzmarkt und aus der Politik.
Wien geht auf die 90 Jahre zu und gehört zu den angesehensten Analysten der Wall Street. Auf seine Liste kommen Ereignisse, denen er eine mehr als 50-prozentige Wahrscheinlichkeit zuordnet, dass sie auch eintreffen.
Der Manager begann damit 1986, damals war er als US-Chefanlagestratege für die Investmentbank Morgan Stanley tätig. 2009 erfolgte der Wechsel zu Blackstone. Seit 2018 erstellt er seine Prognosen zusammen mit dem Chefanlagestrategen seines Hauses, Joe Zidle.
Hier nun ihre Voraussagen:
- 1. Starke Unternehmensgewinne treffen auf steigende Zinsen, im Ergebnis kommt der US-Aktienindex S&P 500 in 2022 nicht vom Fleck. Substanzwerte laufen besser als Wachstumsaktien. Die hohen Kursschwankungen halten an, und es wird eine Marktkorrektur geben, die aber nicht mehr als 20 Prozent ausmachen wird.
- 2. Die Preise einiger Rohstoffe werden wieder nachgeben, aber Löhne und Mieten steigen weiter und werden zu einer Inflation von 4,5 Prozent im Jahresverlauf führen. Rückläufige Preise im Verkehr und bei der Energie werden die Verfechter der Theorie der „vorübergehenden Inflation“ zwar bestärken, aber die hartnäckig hohen Teuerungsraten bleiben das beherrschende Thema.
- 3. Der Anleihemarkt reagiert auf die Teuerungsrate und die straffere Geldpolitik der US-Notenbank Fed, die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe steigt auf 2,75 Prozent. Die Fed beendet ihre Anleihekäufe und erhöht vier Mal im laufenden Jahr die Zinsen.
- 4. Trotz der Omikron-Variante normalisiert sich das öffentliche Leben in den USA. Ende 2022 finden wieder Gruppenveranstaltungen und Messen statt wie vor Ausbruch der Coronapandemie. Das Virus bleibt zwar ein Problem, trotzdem kehren die Menschen zu ihrem gewohnten Alltag zurück und besuchen Theatervorstellungen, Konzerte und Sportveranstaltungen in Massen. Im Büro sind die Menschen wieder drei bis vier Tage die Woche.
- 5. Die Regierung in Peking reagiert auf die jüngsten Verwerfungen am Immobilienmarkt und dämmt spekulative Investments ein. Deshalb verbleibt den Chinesen mehr Geld für andere Anlagen, was zur Entfaltung der Vermögensverwalter und Asset-Manager führt. Daraus ergeben sich Chancen für westliche Anbieter.
- 6. Der Goldpreis steigt um 20 Prozent auf einen neuen Rekordstand. Die Investoren suchen Sicherheit und einen Inflationsschutz. Die neuen Milliardäre entdecken Gold wieder als sicheren Hafen für ihre Anlagen, auch Kryptowährungen legen weiter zu.
- 7. Die wichtigsten ölproduzierenden Staaten wissen zwar, dass hohe Ölpreise die Einführung erneuerbarer Energien begünstigen und den Abbau von Ölschiefer wieder profitabel machen. Trotzdem können die Produzentenländer nicht genügend Öl fördern, um die Nachfrage zu befriedigen. In der Folge steigt der Preise für ein Fass Rohöl der Sorte West Texas Intermediate auf über 100 Dollar.
- 8. Vor diesem Hintergrund wird die Kernkraft auf einmal wieder eine Alternative zur Stromerzeugung. Die Ängste vor den Gefahren der Atomkraft werden durch die entwickelten Sicherheitsmaßnahmen zurückgedrängt, im Mittleren Westen der USA wird die Genehmigung für eine neue Anlage erteilt. Die Fusionsreaktor-Technologie wird als mögliche Energiequelle der Zukunft gehandelt.
- 9. Die ESG-Kriterien für Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung sind nicht mehr nur Statements in der Unternehmenspolitik. Regierungsstellen entwickeln neue regulatorische Vorschriften und sorgen dafür, dass sie auch umgesetzt werden. Die Unternehmen müssen dokumentieren, wie sie bei verschiedenen Kennzahlen vorangekommen sind. Die US-Notenbanker der Fed setzen auf Stresstests, um die Verwundbarkeit der Finanzinstitutionen gegenüber verschiedenen Szenarien zur Klimakrise abschätzen zu können.
- 10. Die USA erleben einen Rückschlag bei der Umsetzung des „Green Energy Programs“. Es mangelt an Lithium-Batterien für die geplante Produktion von Fahrzeugen mit E-Antrieb. China kontrolliert den Lithium-Markt und auch die Märkte für Kobalt und Nickel, die bei der neuen Antriebstechnik gebraucht werden. Peking entschließt sich, den Großteil der Rohstoffe für die inländische Produktion zu reservieren.
Außerdem rechnet Blackstone noch mit weiteren Überraschungen, die aber weniger Tragweite haben dürften, darunter:
- 11. Die US-Gesundheitsbehörde FDA genehmigt die Anwendung neuer Methoden in der Gentechnik. Bei der Ex-vivo-Gentherapie zum Beispiel werden Gene in Zellen eingeschleust, die einem Individuum zuvor entnommen und verändert worden waren.
- 12. Die digitale Wirtschaft erhält neuen Schub, als Jamie Dimon, der Chef der US-Großbank JP Morgan, ankündigt, man wolle bei Kryptowährungen eine führende Rolle einnehmen.
- 13. Die USA und China wollen ihre Kapazitäten bei Halbleitern ausbauen, um die Abhängigkeit von der Fertigung im Ausland zu reduzieren.
- 14. Puerto Rico wird zu einem bevorzugten Ziel für Pensionäre. Niedrige Steuersätze und gutes Wetter verdrängen die Ängste vor den Wirbelstürmen.
Die Blackstone-Experten hatten auch für das vergangene Jahr zehn Überraschungen prognostiziert, die Trefferquote ist gemischt. Die Rendite bei den zehnjährigen Anleihen war mit zwei Prozent etwas zu hoch angesetzt, tatsächlich wurde sie 2021 zuletzt mit 1,5 bis 1,6 Prozent festgestellt. Die S&P-Prognose mit 4500 Punkten war leicht zu niedrig angesetzt, der Index notierte Ende 2021 bei fast 4800 Zählern. Die Annahmen zur Coronapandemie waren ziemlich genau, ebenso die Schätzungen zum US-Wirtschaftswachstum.