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Serie Anlegen 2022 - Teil 15: RohstoffeOpec-plus hält an Förderpolitik fest – Die Rohstoffrally dürfte weitergehen

Die Ölnachfrage wird 2022 wohl auf ein Rekordhoch steigen. Gleichzeitig leeren sich die Lager rasend schnell – das treibt den Ölpreis.Jakob Blume 04.01.2022 - 16:40 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Analysten erwarten einen mehrjährigen Bullenmarkt beim Rohöl.

Foto: AP

Zürich. Mehr als 100 Millionen Barrel Rohöl pro Tag, umgerechnet mehr als 15,9 Milliarden Liter: So viel Öl dürfte die Weltwirtschaft durchschnittlich im kommenden Jahr verbrauchen. Damit dürfte die Ölnachfrage nach Einschätzung vieler Analysten den Rekordwert aus dem Jahr 2019 noch übertreffen.

So sagt Ryan Fitzmaurice, Rohstoffstratege der Rabobank: „Es herrscht weithin die Erwartung, dass die Ölnachfrage ein neues Allzeithoch über der Marke von 100 Millionen Barrel pro Tag markiert.“ Auch Giovanni Staunovo, Rohstoffexperte der UBS, rechnet mit einem „robusten Wachstum der Ölnachfrage“ über das Vorkrisenniveau, getrieben von der Erholung des weltweiten Flugverkehrs.

Das Ölangebot hält die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) jedoch weiter knapp: Am Dienstag entschieden die 23 Mitgliedstaaten der um Saudi-Arabien und Russland erweiterten Opec-plus-Allianz, ihre Förderpolitik aus dem vergangenen Jahr nahtlos fortzusetzen. Beim ersten – virtuell abgehaltenen – Treffen der Energieminister 2022 kamen sie überein, die Ölproduktion um 400.000 Barrel pro Tag anzuheben. Der Ölpreis verteuerte sich am Dienstag um bis zu zwei Prozent, der Preis für die Nordseesorte Brent stieg auf ein Fünfeinhalb-Wochen-Hoch von 80,55 Dollar pro Barrel.

Behalten die Opec-plus-Staaten dieses Tempo bei, verlängern sie damit die künstliche Verknappung auf den Ölmärkten bis September. Erst im Herbst, nach knapp zweieinhalb Jahren, laufen die Förderbeschränkungen aus, die sich die Exportstaaten angesichts des historischen Ölpreiscrashs im Frühjahr 2020 selbst auferlegt haben.

Doch selbst wenn die Opec-plus-Staaten den Ölhahn wieder voll aufdrehen, dürfte die Ölpreisrally nach Einschätzung vieler Analysten weitergehen. UBS-Stratege Staunovo erwartet, dass die europäische Ölsorte im Jahresverlauf zwischen 80 und 90 Dollar pro Fass gehandelt werden wird. Als Zwölfmonatsziel hat die UBS 85 Dollar pro Fass ausgegeben.

Etwas vorsichtiger ist Michael Tran, Rohstoffstratege bei RBC Capital Markets: Er rechnet erst ab 2023 mit Ölpreisen deutlich über 80 Dollar. Doch er ist überzeugt: „Wir sind nach wie vor der Ansicht, dass der Ölmarkt am Anfang eines starken, mehrjährigen Aufwärtszyklus steht.“ Zudem müssen sich Anleger nach Ansicht von Ehsan Khoman, Experte beim Vermögensverwalter MUFG, auf starke Schwankungen am Ölmarkt einrichten „angesichts einer Vielzahl von Risikofaktoren“.

Niedrige Lagerbestände sorgen für Unsicherheit

Einer dieser Risikofaktoren sind die niedrigen Rohöl-Lagerbestände in den Industriestaaten der OECD. Diese befanden sich der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge bereits zum Beginn des Winters deutlich unter dem Fünf-Jahres-Durchschnitt – und nach vorläufigen Daten ging der Abbau der Lagerbestände am Jahresende weiter.

Dieser Rückgang ist ein Zeichen dafür, dass der Markt angespannt ist und die kurzfristige Nachfrage das Angebot übersteigt. Doch es drohen Verwerfungen, sollten die Lagerbestände zu stark sinken, denn das würde die Fähigkeit des Marktes beeinträchtigen, kurzfristige Nachfragespitzen abzufedern.

Daher befürchten die Rohstoffstrategen der Bank of America (BofA): „Setzt sich der Rückgang der Lagerbestände im ersten Halbjahr 2022 fort, könnte der Ölpreis auf bis zu 120 Dollar pro Barrel steigen, bevor die Preise im zweiten Halbjahr wieder nachgeben.“

Opec behält den Zugriff auf den Ölmarkt

Ein Preissprung am Ölmarkt würde den Konflikt zwischen den USA und der Opec erneut anheizen. Bereits Ende November des vergangenen Jahres wurde der Ton zwischen den Erdölexporteuren und den USA rauer. Die US-Administration von Joe Biden machte das Opec-Kartell für die Preissteigerungen am Energiemarkt und die hohe Inflation mitverantwortlich. Damals gab US-Präsident Biden Teile der strategischen US-Ölreserve frei, um den Anstieg der Benzinpreise vor den Feiertagen abzubremsen. Doch der Effekt verpuffte weitgehend.

Die Episode zeigt jedoch vor allem eines: Die Macht am Ölmarkt hat sich 2021 verschoben, weg von den USA hin zur Opec-plus-Allianz. Daran dürfte sich auch im kommenden Jahr und unter der neuen Opec-Führung nichts ändern.

Am Montag hat die Allianz der Ölexportstaaten Haitham Al Ghais aus Kuwait zum Nachfolger von Mohammed Barkindo als Opec-Generalsekretär ernannt. Al Ghais betonte, dass der Zusammenhalt der erweiterten Opec-plus-Allianz zu seinen obersten Prioritäten zählen werde.

Die Opec-plus-Allianz um Saudi-Arabien und Russland wird ihren Marktanteil voraussichtlich auf rund 50 Prozent im neuen Jahr ausbauen. Die 13 Opec-Staaten werden wohl allein auf einen Marktanteil von über 30 Prozent kommen. Zum Vergleich: Im Sommer 2020 war der Opec-Marktanteil unter 25 Prozent gefallen. „Das Angebot bleibt in der Hand der Opec plus“, ist UBS-Stratege Staunovo überzeugt. Er erwarte, dass „die Gruppe einen Angebotsüberschuss am Ölmarkt vermeidet“.

Mangel an Investitionen verstärkt Knappheiten

Der schrittweise Abbau der Opec-Produktionskürzungen bis September dürfte für einen stetigen Nachschub am Ölmarkt sorgen – doch den Markt treiben vor allem zwei Fragen um: Können die Opec-plus-Staaten liefern, was sie versprechen? Und woher kommt das Angebotswachstum, wenn die staatlichen Ölproduzenten den Ölhahn voll aufgedreht haben?

Bereits im vergangenen Jahr zeichnete sich ab, dass einige Opec-Staaten wie Nigeria oder Angola deutlich weniger Öl produziert haben, als ihnen nach den Opec-Quoten zugestanden hätte. Beobachter sehen darin ein Signal, dass die Infrastruktur dieser Länder nach Jahren des Investitionsstaus die angekündigten Produktionserhöhungen gar nicht hergeben können. „Einige Länder sind bereits an der Kapazitätsgrenze angelangt, und weitere Mitglieder der Gruppe werden Mühe haben, ihre Quoten zu erreichen“, ist Staunovo überzeugt.

Damit wird Saudi-Arabien 2022 einer der wenigen Exporteure mit nennenswerten Reservekapazitäten bleiben – und der saudische Ölminister Prinz Abdulaziz bin Salman ist der größte und mächtigste Verfechter einer strikten Förderpolitik innerhalb der Opec-plus-Allianz.

Gleichzeitig ist das Angebotswachstum außerhalb der Opec begrenzt. Dahinter stecken laut MUFG-Experte Khoman etwa die Anforderungen an die westlichen Ölmultis, ihre Treibhausgasemissionen zu senken. Es werde strukturell zu wenig in neue Projekte investiert, weil Investoren die börsennotierten Ölkonzerne zur Einhaltung von Nachhaltigkeitskriterien drängten.

US-Ölproduktion kommt nur langsam in Gang

Hinzu kommt: Obwohl der Preis für die US-Ölsorte West Texas Intermediate im vergangenen Jahr um rund 60 Prozent gestiegen ist, schwächelt die US-Ölproduktion. 2021 förderten die USA im Schnitt 11,1 Millionen Barrel pro Tag. Vor dem Ausbruch der Coronapandemie waren es noch knapp 12,3 Millionen Barrel täglich.

Auch die Zahl neuer Bohrungen in den amerikanischen Ölrevieren bleibt Daten des Ölausrüstungsspezialisten Baker Hughes zufolge deutlich hinter dem Boomjahr 2019 zurück. „Die US-Ölfirmen werden weiter diszipliniert bleiben“, erwarten die BofA-Experten. Das bedeutet: kein Wachstum um jeden Preis.

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Die US-Schieferölproduzenten waren jahrelang das wichtigste Gegengewicht zu den Opec-Produzenten. Doch dieser Rolle wird die US-Ölbranche vorerst nicht mehr im gleichen Umfang gerecht.

Niedrige Lagerbestände, eine mächtige Opec und ein schwächelndes Angebotswachstum der westlichen Ölmultis dürften die Rally am Ölmarkt im neuen Jahr nach Überzeugung vieler Analysten stützen.

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Anleger sollten sich vor diesem Hintergrund auf einen zyklischen Bullenmarkt bei Rohöl einstellen, rät RBC-Experte Tran. Es zeichne sich das seltene Zusammenwirken einer wachsenden Nachfrage und eines sich verknappenden Angebots ab. „Eine solche Dynamik hat es seit einer Dekade nicht mehr gegeben.“ Tran ist überzeugt: Der „strukturelle Aufwärtstrend am Ölmarkt“ steht erst am Anfang.

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