Serie Anlegen 2021 – Teil 9: Schwellenländer: Diese Schwellenländer-Anleihen sind im neuen Jahr interessant
Chinas Wirtschaft erholt sich gut von der Coronakrise.
Foto: ReutersFrankfurt. Wer heute Zinsen sucht, muss in die Ferne schauen. Während in den klassischen Industrieländern die Anleiherenditen überwiegend bei null oder noch darunter liegen, ist in den Schwellenländern noch etwas zu holen.
In den Emerging Markets hingegen gibt es recht solide, auf Dollar laufende Papiere, die selbst mit einer Kurssicherung für den Euro-Anleger noch rund 2,5 Prozent Rendite bringen. Das rechnet Markus Weis, Anleiheexperte von Vanguard Deutschland, vor. Ken Leech, Chefinvestor von Western Asset Management, kommentiert: „Trotz der enormen medizinischen und finanzpolitischen Herausforderungen macht die ständig wachsende Aussicht auf eine weltweite wirtschaftliche Erholung für die Investoren Schwellenländer-Anleihen attraktiv.“
Eine wichtige Rolle spielt dabei nach Meinung von Experten China, zumal das Land ja gerade ein Investitionsabkommen mit der Europäischen Union abgeschlossen hat. Goldman Sachs erwartet 2021 ein weltweites Wachstum von 6,2 Prozent und damit mehr als den Durchschnitt der Prognosen von 5,2 Prozent. Davon sollte vor allem Asien profitieren, heißt es in einer Studie.
Die US-Bank setzt unter anderem auf Anleihen von chinesischen Banken und anderen Unternehmen mit noch guter Bonität, also einem Rating von BBB. Im Hochzinsbereich, bei schwächerer Bonität, sei der chinesische Immobilienbereich interessant. Außerdem finden die Experten von Goldman Bonds aus Indien und Indonesien attraktiv.
Weis von Vanguard nennt China ebenfalls „hochinteressant“, weil das Land die Corona-Pandemie gut überwunden habe und mit dem neuen US-Präsidenten Joe Biden einen verlässlicheren Handelspartner bekomme. Die US-Fondsgesellschaft ist vor allem für passive Fonds bekannt, aber ihr Vanguard Emerging Markets Bond Fund wird aktiv geleitet, wobei als Vergleichsmaßstab der JPMorgan EMBI Global Diversified Index gilt. Mike Ridell, Portfoliomanager bei Allianz Global Investors, setzt auch auf Länder, deren Wirtschaft von China abhängt, und nennt als Beispiel die Kupferexporte von Chile.
Kräftige Nachfrage
Die Nachfrage nach Schwellenländer-Anleihen ist groß. Allein im November flossen per Saldo fünf Milliarden Dollar in diesen Sektor, sagt Weis. Für die Wirtschaft sei auch der relativ schwache Dollar „sehr hilfreich“, fügt er hinzu. Robin Brooks, Chefökonom der Großbankenorganisation IIF in Washington, spricht von einem „Geldschwall“, der zurzeit in die Schwellenländer fließt und sich zum Beispiel segensreich für die Türkei auswirkt. Weil die meisten Experten mit weiterhin niedrigen Zinsen und einem eher schwachen Dollar rechnen, sehen sie auch gute Chancen für die Schwellenländer. Vanguard rechnet erst in fünf Jahren wieder mit einer Zinsanhebung in den USA.
Wer in diese Regionen investiert, hat die Auswahl zwischen lokaler und harter Währung, Letztere ist meist der Dollar, aber zum Beispiel in Osteuropa auch der Euro. In lokaler Währung ist das Ausfallrisiko gering, weil die Länder ihre eigenen Notenbanken einsetzen können, dafür kann in der Krise aber schnell ein Währungsverlust eintreten. Umgekehrt sind Länder mit hohen Hartwährungsschulden einem stärkeren Risiko ausgesetzt, pleitezugehen, bieten aber ansonsten stabilere Kurse.
Vanguard findet langfristige Hartwährungsanleihen günstiger bewertet als entsprechende Papiere in lokaler Währung; Letztere zeigten bei den Renditen im Bereich von fünf bis zehn Jahren Laufzeit kaum noch Risikoprämien, sagt Weis. In einem Kommentar von Aviva Asset Management heißt es ähnlich: „Wir ziehen Hartwährungsanleihen weiterhin vor. Lokalwährungsanleihen könnten jedoch zunehmend attraktiver werden, wenn die Lage der Weltwirtschaft sich schneller bessert, als wir derzeit erwarten – etwa infolge der Impfkampagnen.“
Entscheidend bei der Auswahl der Länder ist: Sie müssen von ihrer wirtschaftlichen Struktur her in der Lage sein, genug Devisen für die Bedienung ihrer Schulden in Dollar oder Euro zu verdienen.
Vanguard setzt unter anderem auf Mexiko, Panama, Russland und mit Abstrichen auch Südafrika. In Ausnahmefällen wählt die Fondsgesellschaft aus Bewertungsgründen statt Staatspapieren auch Unternehmensanleihen, etwa in Brasilien mit Petrobras, dem halb-staatlichen Energieversorger. Ridell nennt ebenfalls Mexiko, Russland und Südafrika als Favoriten. Brooks warnt allerdings, dass die Währungen in Lateinamerika, etwa in Mexiko, zuletzt deutlich angestiegen seien. Das könne die Exporte und damit die Wirtschaftskraft schwächen.
Osteuropa profitiert von EU-Hilfen
Die Türkei sieht Vanguard als „neutral“ an. In Osteuropa sei dagegen die Euro-Anleihe von Rumänien interessant. Ganz ähnlich hält David Zahn, der Chef für Europäische Anleihen bei Franklin-Templeton, Euro-Papiere aus Rumänien und Ungarn für gut bewertet, weil durch die Corona-Hilfen der Europäischen Union das Risiko dieser Länder deutlich gemildert werde.
Die Schwellenregionen sehen also recht vielversprechend aus, was jedoch vor allem am Kontrast zu den nicht vorhandenen Renditen in den klassischen Industrieländern liegt. Die Risiken dürfen aber nicht übersehen werden. Aviva Investors etwa hält für möglich, „dass die Anleger früher oder später die Fähigkeit einiger Länder infrage stellen werden, die 2020 stark gestiegene Staatsverschuldung wieder unter Kontrolle zu bekommen. Auch die Nachhaltigkeit der Geldpolitik könnte in Zweifel gezogen werden.“
Goldmann befürchtet trotz der Begeisterung für China, dass es dort in der zweiten Jahreshälfte zu Kreditausfällen kommen könnte. Denn gerade wenn die Wirtschaft gut läuft, werde die Regierung die Zügel anziehen, heißt es. Und das führt dazu, dass Unternehmen mit hohem Risiko nur noch schwer an Kredite kommen.
Schwellenländer-Anleihen haben also ein ähnliches Problem wie allgemein Unternehmens-Bonds: Die Kurse steigen und fallen mit der Risikofreude der Anleger – und bewegen sich daher oft ähnlich wie Aktien.