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Aktien-DesasterWirecards Absturz – Auf der Suche nach den Schuldigen

Der Dax-Konzern verschiebt erneut den Jahresabschluss. Den Prüfern fehlen Belege für Guthaben in Milliardenhöhe. Weitreichende Konsequenzen zeichnen sich ab. 19.06.2020 - 03:00 Uhr aktualisiert

Der Zahlungsdienstleister steht im Fokus der Anleger.

Foto: imago images/Sven Simon

Frankfurt, Düsseldorf. Wirecard galt lange Jahre als einzigartige Erfolgsgeschichte: In nur 20 Jahren schaffte der Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München den Weg vom Start-up in die Eliteklasse des deutschen Aktienmarkts, den Dax. Vorstandschef und Großaktionär Markus Braun galt als Visionär, der mit seiner Vorstellung vom Bezahlen der Zukunft einen Konzern formte, der sogar die Deutsche Bank übertrumpfte und die Commerzbank aus dem Dax verdrängte. Am Donnerstag fand diese Geschichte mit einem beinahe beispiellosen Kursrutsch der Aktie ein abruptes Ende. Um bis zu zwei Drittel sackte der Aktienkurs ab.

Auslöser für die Kurskatastrophe war die vierte Verschiebung der Jahreszahlen für 2019. Die Wirtschaftsprüfer von EY, die seit einem Jahrzehnt die Bilanzen von Wirecard prüfen, sehen nun Hinweise, dass ihnen von einem Treuhänder oder von Banken, die die Treuhandkonten führen, „unrichtige Saldenbestätigungen zu Täuschungszwecken“ vorgelegt wurden. Dahinter vermuten die Prüfer die Absicht, sie sollten so eine unrichtige Vorstellung über vorhandene Bankguthaben oder Bankkonten erhalten, die zugunsten von Wirecard geführt werden.

Dabei geht es um insgesamt 1,9 Milliarden Euro, was rund einem Viertel der Konzernbilanzsumme entspricht: Die Prüfer monieren, dass über diese Konten keine ausreichenden Prüfungsnachweise zu erlangen waren. Nach Informationen des Handelsblatts handelt es sich um jeweils zwei Konten bei zwei asiatischen Banken. Bei der einen Bank sollen zum 31. Dezember 2019 insgesamt 1,123 Milliarden Euro gelegen haben. Bei der anderen Bank sollen es zu diesem Zeitpunkt insgesamt rund 800 Millionen Euro gewesen sein. Laut Wirecard besitzen die beiden Banken ein Investmentgrade-Rating und nehmen in Asien zahlreiche andere Treuhandmandate wahr.

Der von den Prüfern ausgesprochene Verdacht wiegt für Wirecard schwer, weil der den Kern des Geschäftsmodells trifft: Zahlen Kunden an der Ladenkasse oder im Internet für ihren Einkauf, wickelt Wirecard die Zahlung ab und bekommt einen kleinen Anteil. Für seine Geschäfte in fernen Ländern, etwa in Asien, greift Wirecard dabei auf Drittpartner und Treuhänder zurück. Und ebenjenes Asiengeschäft steht seit einer Reihe von kritischen Artikeln in der britischen Zeitung „Financial Times“ („FT“) im vergangenen Jahr besonders im Fokus.

Die „FT“ hatte Wirecard Bilanzmanipulation und andere Unregelmäßigkeiten vorgeworfen. Eine Sonderprüfung von KPMG der Geschäftsjahre 2016 bis 2018 fand Ende April zwar keine Belege für eine Bilanzfälschung, konnte die Vorwürfe aber auch nicht restlos ausräumen. KPMG sprach von „Untersuchungshemmnissen“, nachdem Wirecard-Manager nur begrenzt zusammengearbeitet hatten und Belege und Kontoauszüge fehlten.

Der Konzern begründete die Notwendigkeit der hohen Treuhandsumme von 1,9 Milliarden Euro stets damit, dass das Geld als Sicherheit für Vorleistungen an Kunden des Abwicklers dient. Einzelhändler bekommen von Wirecard nach einem Verkauf schnell ihr Geld. Wirecard dagegen muss oft Wochen warten, bis die Kreditkartenfirmen das Geld überweisen.

Bis 2019 hatte der Konzern mit einem anderen asiatischen Treuhänder zusammengearbeitet. Nach einer Hausdurchsuchung wurde der Dienstleister gewechselt. Der neue Treuhänder habe daraufhin neue Konten bei anderen Banken eröffnet, heißt es aus Finanzkreisen. Nun steht die Vermutung im Raum, der Treuhänder oder die kontoführenden Banken könnten das Geld abgezweigt haben.

Wirecard-Chef Markus Braun bestätigte am Donnerstag, dass man im Austausch mit den Treuhändern stehe. Alle Beteiligten seien um schnelle Aufklärung bemüht. „Ob betrügerische Vorgänge zum Nachteil von Wirecard vorliegen, ist derzeit unklar“, erläuterte Braun. Wirecard hat am Donnerstag bereits Strafanzeige gegen unbekannt erstattet. Laut einem Sprecher sei man möglicherweise Opfer eines „gigantischen Betrugs“ geworden. Braun bestätigte in einer Stellungnahme, die in der Nacht zu Freitag auf der Videoplattform Youtube veröffentlicht wurde, den möglichen Betrug. „Es kann derzeit nicht ausgeschlossen werden, dass die Wirecard AG in einem Betrugsfall erheblichen Ausmaßes zum Geschädigten geworden ist“, erklärte der Vorstandschef.

Die Prüfungsgesellschaft EY will auf Nachfrage keine weiteren Aussagen zum Fall machen. Zum einen sei das Bilanztestat bei Wirecard noch nicht abgeschlossen, zum anderen unterliege man der Verschwiegenheitspflicht. EY unterstrich aber: „Wir haben Hinweise darauf, dass falsche oder gefälschte Saldenbestätigungen im Zusammenhang mit den Konten vorgelegt wurden.“

Die Prüfer geraten im Zuge des Skandals selbst in die Kritik, stellt sich doch die Frage, warum die Unstimmigkeiten nicht schon früher entdeckt wurden. In jedem Fall muss EY nun die Abschlussprüfung und die Aufarbeitung bis zum Schluss vorantreiben: In Deutschland ist es einem Wirtschaftsprüfer gesetzlich untersagt, sein Mandat für ein Bilanztestat niederzulegen.

Problematische Darlehen

Einen neuen Termin für die Vorlage des Jahresabschlusses 2019 gab Wirecard nicht bekannt. Dadurch könnte der Konzern nun Probleme mit Darlehen bekommen: Solange ein testierter Jahres- und Konzernabschluss nicht bis zum 19. Juni vorgelegt werde, könnten Wirecard Kredite in Höhe von circa zwei Milliarden Euro gekündigt werden, erklärte der Konzern.

Das Unternehmen hat 2018 eine revolvierende Kreditlinie über 1,75 Milliarden Euro mit einem Bankenkonsortium vereinbart. Als sogenannte Lead Arranger fungieren die Commerzbank, die Landesbank Baden-Württemberg und die beiden niederländischen Geldhäuser ING und ABN Amro. Das geht aus einem Wirecard-Anleiheprospekt hervor. Keine der Banken wollte die Turbulenzen kommentieren.

In Finanzkreisen hieß es, dass an dem Konsortium eine zweistellige Zahl an Instituten beteiligt sei, sodass sich das Kreditrisiko für die einzelnen Häuser in Grenzen halte. Bei Vorfällen wie bei Wirecard sei es eher unüblich, Kreditlinien über Nacht zu kündigen, hieß es. Erst einmal müssten sich die Banken sortieren und Verhandlungen mit dem Schuldner aufnehmen.

Durch den Absturz an der Börse ist eine Klagewelle enttäuschter Investoren absehbar. Die Anwaltskanzlei Tilp, die bereits im Mai Klage gegen Wirecard eingereicht hatte, erklärte, sie sehe sich in ihrer Auffassung bestätigt, dass Wirecard „mehrfach erheblich gegen deutsches und europäisches Kapitalmarktrecht verstoßen hat“. Auch die Fondsgesellschaft DWS, die zeitweise erheblich in Wirecard investiert war, erwägt nun rechtliche Schritte.

Die Finanzaufsicht Bafin ist ebenfalls alarmiert: „Wir beziehen das in unsere laufenden Prüfungen ein“, betonte eine Sprecherin. Derzeit prüft die Aufsicht unter anderem den Vorwurf der Marktmanipulation bei Wirecard. Dabei stehen die Aufseher selbst in der Kritik. Der Finanzexperte der Linken-Bundestagsfraktion, Fabio De Masi, sieht das Handeln der Aufsicht auch aufgrund ihrer Anzeigen gegen Journalisten der britischen Zeitung „Financial Times“ kritisch: „Den Schaden haben nun auch etliche Kleinanleger. Die Bafin muss ihre Aufsichtskultur radikal ändern.“

Darüber hinaus ist auch die Bundesregierung Informationen des Handelsblatts zufolge „beunruhigt“ über die Vorgänge in Aschheim.

Personelle Konsequenzen

In der Konzernzentrale wird nun nach Informationen des Handelsblatts auch über personelle Konsequenzen diskutiert. Verantwortlich gemacht werden könnte laut Kreisen etwa Organisationsvorstand Jan Marsalek. Am Abend wurde Marsalek bis zum 30. Juni beurlaubt. Auch die Zukunft von Vorstandschef Braun ist demnach offen. Dafür wird James Freis ab sofort – und nicht erst Anfang Juli – als Compliance-Vorstand anfangen. Er wird das neugeschaffene Ressort „Integrity, Legal and Compliance“ verantworten.

„Wirecard steht vor der Frage, ob es personell so weitergehen kann“, meint Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Das Unternehmen brauche dringend eine Erneuerung.

Personelle Veränderungen fordert auch Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei der Fondsgesellschaft der Sparkassen, Deka: „Wir sind fassungslos. Ein personeller Neuanfang ist dringender denn je.“ Speich hatte bereits zuvor den Rücktritt von Wirecard-Chef Braun gefordert.

Die NordLB zählte am Donnerstag zu den Ersten, die Konsequenzen aus den Turbulenzen zogen. Sie stufte die Aktien von „halten“ auf „verkaufen“ zurück und senkte das Kursziel von 80 Euro auf 20 Euro. „Das letzte noch vorhandene Fünkchen an Anlegervertrauen dürfte nun verspielt sein“, schrieb Analyst Wolfgang Donie in einer Studie. „Nachdem schon die monatelange Sonderprüfung von KPMG nicht zu einer vollständigen Entkräftung der Manipulationsvorwürfe geführt hat, weitet sich der Skandal nach der vierten Verschiebung der Bilanzvorlage in Verbindung mit neuen schweren Vorwürfen nun zu einer existenzbedrohenden Krise aus“, warnt der Analyst.

Bislang war Wirecard unter Analysten trotz aller Vorwürfe noch recht beliebt. Der Datendienstleister Bloomberg zählte noch am Donnerstag 13 Kauf- und 11 Halte-Empfehlungen. Nur fünf Analysten rieten zu einem Verkauf der Aktie. Die US-Investmentbank Morgan Stanley beließ ihre Einstufung für Wirecard auch nach der erneuten Bilanz-Verschiebung auf „Equal-weight“. Ein Kursziel nennt Analyst Adam Wood seit Ende April nicht mehr. Damals hatte er das Urteil für Wirecard von „Overweight“ mit Kursziel 190 Euro auf „Equal-weight“ ohne Kursziel abgesenkt.

Wood macht in seinem Report eine Beispielrechnung auf, laut der Wirecard am Ende des dritten Quartals 2019 nur noch auf einen vergleichsweise geringen Cash-Bestand von 220 Millionen Euro käme, wenn Kundengelder über 1,7 Milliarden Euro abgezogen würden und die Treuhandgelder über 1,9 Milliarden Euro sich nicht verifizieren ließen. Mit Blick auf die ausstehenden Kreditlinien schreibt er: „Fordern die Banken die Rückzahlung der Kredite über zwei Milliarden Euro ein, dann erwarten wir, dass die Investoren sich verstärkt die Bilanz und die Liquidität Wirecards anschauen werden.“

Nicht nur an den Aktienbörsen, auch am Anleihemarkt gerieten Papiere von Wirecard in heftige Turbulenzen: Der Kurs einer bis 2024 laufenden Anleihe stürzte in der Spitze um mehr als 40 Prozent ab – ein ungewöhnlich großer Kursverfall für ein Unternehmen, das von der Ratingagentur Moody’s nach wie vor als „investierbar“ (Investmentgrade) bewertet wird. Die Anleihe wird nur noch mit 48 Cent pro Euro gehandelt. Das bedeutet, dass die Investoren davon ausgehen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass die Anleihe nicht zurückgezahlt werden kann, bei rund 50 Prozent liegt.

Im Februar hatte das Unternehmen nach vorläufigen Zahlen angekündigt, dass der Jahresumsatz im Jahr 2019 um 38 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro gestiegen sei, während das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen um 40 Prozent auf 785 Millionen Euro gewachsen sei.

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