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Pagonxt„Moralisch verwerflich“ – Verdi moniert Verhalten von Santander

Die Gewerkschaft kritisiert das Vorgehen der Santander-Tochter Pagonxt bei der Schließung des Deutschlandgeschäfts. Der Streit könnte noch härter werden: Verdi wirbt um neue Mitglieder.Elisabeth Atzler 19.06.2024 - 08:23 Uhr
Santander-Filiale: Die spanische Großbank schließt die deutsche Pagonxt-Tochter. Foto: IMAGO/Shotshop

Frankfurt. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi greift die Santander-Zahlungstochter Pagonxt, die in Deutschland schließt und fast 400 Jobs streicht, scharf an. „Santander hat den Beschäftigten bei Pagonxt in München am 6. Juni den Schritt der kompletten Betriebsschließung mitgeteilt. Es gab vorher weder Verhandlungen mit dem Betriebsrat, noch hat Pagonxt den Betriebsrat rechtzeitig benachrichtigt“, kritisiert Verdi-Gewerkschaftssekretär Stefan Wittmann.

„So ein Vorgehen ist uns bei einem Finanzdienstleister noch nie untergekommen“, moniert Wittmann, der bei Santander in Deutschland Verhandlungsführer für den Haustarifvertrag ist. Die Entscheidung ist Pagonxt-Betriebsrat Wittmann zufolge nur 30 Minuten vor einem Treffen mit den Beschäftigten zu der bevorstehenden Schließung verkündet worden.

Aus Wittmanns Sicht ist klar, dass der Arbeitgeber den Betriebsrat früher hätte informieren müssen, sobald über den Schritt der Betriebsschließung entschieden wurde oder diese entscheidungsreif gewesen sei. Er geht davon aus, dass Santander die Entscheidung mindestens Wochen zuvor gefällt habe.

Das Pagonxt-Vorgehen sei „sowohl unangemessen als auch rechtlich extrem zweifelhaft, in jedem Fall aber moralisch verwerflich“. Zuvor hatte bereits der Newsletter „Finance FWD“ über die Vorwürfe berichtet.

Vorvergangene Woche war bekannt geworden, dass die spanische Großbank das Pagonxt-Geschäft in München einstellen will. Betroffen von der Entscheidung sind in Deutschland rund 380 Beschäftigte. Zudem gibt es rund 150 IT-Fachkräfte in Dubai sowie im indischen Chennai.

Pagonxt weist die Verdi-Vorwürfe zurück. Das Unternehmen erklärte, dass es Gespräche mit dem Betriebsrat aufgenommen habe, und zwar unter Einhaltung aller arbeitsrechtlichen Vorschriften und Bestimmungen. In Finanzkreisen hieß es, die Entscheidung für die Betriebsschließung sei nicht bereits vor Wochen gefällt worden.

Santander hatte Wirecard-Reste übernommen

Hintergrund des Vorwurfs ist eine Regelung aus dem Betriebsverfassungsgesetz. Paragraf 111 besagt im Kern, dass das Unternehmen den Betriebsrat über geplante Betriebsänderungen „rechtzeitig und umfassend“ unterrichten muss. Was genau als rechtzeitig gilt, ist Expertinnen und Experten zufolge in der Praxis oft umstritten.

„Die Unterrichtung des Betriebsrats ist rechtzeitig, wenn die Entscheidung des Arbeitgebers noch nicht unumkehrbar ist oder der Arbeitgeber noch keine unumkehrbaren Maßnahmen eingeleitet hat“, erklärt Peter Groll, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht in Frankfurt. „Selbst wenn der Betriebsrat nach der Information der Beschäftigten unterrichtet wird, ist die Unterrichtung dann noch rechtzeitig.“ Häufig allerdings werden Betriebsräte früher eingebunden.

Als Begründung für die Einstellung des Pagonxt-Geschäfts in Deutschland verweist das Unternehmen unter anderem auf die „sich entwickelnde Marktdynamik“. Der Wettbewerb unter Zahlungsfirmen in Europa ist nach wie vor heftig, zumal das Geschäft gerade bei Onlinezahlungen weniger stark wächst als erhofft. Die Santander-Tochter, die auch in anderen Ländern aktiv ist, hat im vergangenen Jahr 77 Millionen Euro Verlust gemacht.

Vor gut drei Jahren hatte Santander Teile des insolventen Wirecard-Konzerns übernommen, die spanische Bank wollte das entsprechende Zahlungsgeschäft in Deutschland ausbauen. Allerdings verlief der Start holprig.

Beschäftigte aus dem Ausland extra angeworben

Die rund 500 übernommenen Wirecard-Mitarbeiter vermissten zu Beginn eine klare Perspektive, wie es weitergehen sollte, und monierten, dass in Ermangelung eines eigenen Chefs altbekannte Manager aus den Wirecard-Jahren weiterhin die Geschäfte leiteten, wie das Handelsblatt berichtet hatte. Im Herbst 2022 übernahm dann mit Nicole Mantow eine Managerin von außen die Geschäftsführung bei Pagonxt Merchant Solutions in München. Sie hat die Firma inzwischen wieder verlassen.

Der Zahlungsdienstleister Wirecard war im Juni 2020 zusammengebrochen, nachdem der damalige Dax-Konzern ein angebliches Milliardenvermögen auf Treuhandkonten nicht hatte auffinden können. Das Geld sollte aus dem Drittpartnergeschäft stammen, das Wirecard vor allem in Asien für Kunden aus der Porno- und Glücksspielbranche betrieb.

Der Streit zwischen Unternehmen und Arbeitnehmern könnte bei Pagonxt noch härter werden. Laut Wittmann ist Verdi derzeit dabei, neue Mitglieder bei Pagonxt zu akquirieren. „Aktuell sind rund 15 Prozent der Beschäftigten Verdi-Mitglied, aber es werden mehr.“

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Er verwies zudem darauf, dass bei rund 15 Prozent der Pagonxt-Beschäftigten der Aufenthaltsstatus oder gar ihre persönliche Sicherheit von der Beschäftigung abhänge. „Pagonxt hatte einige Beschäftigte, meist IT-Beschäftigte, aus Indien, Pakistan, Sudan, Iran, Russland und der Ukraine extra angeworben.“

Erstpublikation: 18.06.2024, 14:29 Uhr.

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