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Bilanzskandal Insider-Verdacht: Dubiose Manöver kurz vor Wirecard-Crash

Die Staatsanwaltschaft untersucht, ob Insider ihr Wissen um die Probleme der Bilanzprüfung bei Wirecard zu Geld gemacht haben. Brisant ist unter anderem ein Eintrag in einem Börsen-Forum.
13.07.2020 Update: 13.07.2020 - 18:50 Uhr Kommentieren
Die Holding des Zahlungsdienstleisters hat Insolvenz angemeldet. Quelle: dpa
Wirecard

Die Holding des Zahlungsdienstleisters hat Insolvenz angemeldet.

(Foto: dpa)

Frankfurt Es war nur ein kurzer Post in einem Onlineforum. Aber er enthielt Sprengstoff: „Ich möchte hier vollkommen wertfrei und neutral darauf aufmerksam machen, dass E&Y nicht uneingeschränkt testieren wird“, schreibt der Nutzer „Lilalaunebaer“ am Morgen des 10. Juni, genau acht Tage vor dem Absturz Wirecards, auf finanzen.net, einem der größten deutschen Anlegerportale.

Die Wirecard-Geschäftsführung habe nach mehrmaligen Aufforderungen und Nachbesserungen bis heute nicht die erforderlichen Nachweise erbringen können, „woher erhebliche Summen als Sicherheiten auf Treuhandkonten stammen. Woher ich diese Kenntnis habe, bleibt mir überlassen“, heißt es in dem Beitrag weiter. Mitarbeiter hätten diesen Wissensstand auch an Leerverkäufer weitergegeben. „Näheres wird am 18.06.2020 bekanntgegeben“, schließt der Nutzer.

Die Moderatoren des Forums reagieren sofort: Der Post wird gelöscht, kurz darauf der Account des Nutzers deaktiviert. Doch bis heute findet sich die daraufhin startende Debatte im Netz. „Ein Account, der vor zehn Minuten erstellt wurde, gibt uns allen Insiderinfos, dass es kein Testat gibt. 100 Prozent vertraulich Leute, alle verkaufen“, ätzt ein Nutzer. „Einfach nur noch lächerlich“, schreibt ein anderer. Ein Dritter droht: „Sehr geehrter Lilalaunebär, eine Anzeige gegenüber einer Polizeidienststelle in BW ist raus.“

Im Forum ist die Episode schnell vergessen. Doch nach dem, was Wirecard am 18. Juni bekanntgeben sollte – dass nämlich Nachweise über 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten gefälscht sind, immerhin ein Viertel der Bilanzsumme –, erscheint sie heute in einem völlig anderen Licht.

Zu konkret sind die Informationen des Forennutzers, als dass es sich um einen Zufall handeln kann. Mit den Stichworten „erhebliche Summen“ auf „Treuhandkonten“ und fehlende „Nachweise“, die ein Testat unmöglich machten, hat er alle relevanten Stichworte bereits genannt, die zum Absturz des einstigen Börsenlieblings führen werden.

Der Forenbeitrag ist nicht der einzige erstaunliche Vorgang in den Tagen vor Wirecards Fall, der Beobachtern Rätsel aufgibt. Das Agieren mancher professioneller Anleger, der rechtzeitige Ausstieg großer Partner und gut informierte Stimmen aus dem Konzern lassen viele an der Variante des völlig überraschenden Absturzes zweifeln. Im schlimmsten Fall hätten Insider – Prüfer, Manager, Aufseher – Informationen durchgestochen und am Ende womöglich selbst von Wirecards Untergang profitiert.

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Wie immer bei Wirecard geht es um sehr viel Geld: Beim Absturz des einstigen Dax-Lieblings wurde binnen sieben Tagen ein Börsenwert von über zwölf Milliarden Euro vernichtet. In der Spitze war Wirecard 24 Milliarden Euro schwer. Zugleich haben Short-Spekulanten, also Akteure, die auf den Kursverfall setzten, beim Crash Kasse gemacht. Allein der gefürchtete Londoner Investor Chris Hohn von TCI bezifferte gegenüber dem Handelsblatt seine Gewinne mit Short-Wetten auf „rund 200 Millionen Dollar“.

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft

Wirecard-Kleinaktionäre betrachten den Vorgang im Onlineforum mit Argusaugen: „Ich bin sehr besorgt darüber, wie Kleinanleger, die auf Basis von öffentlichen Informationen Investitionsentscheidungen treffen, zukünftig vor solch drastischen Konsequenzen geschützt werden können“, sagt einer, der Anzeige bei der Finanzaufsicht Bafin gestellt hat, aber seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Ich möchte erreichen, dass sich zukünftig kein am Markt Beteiligter mehr durch das Erlangen von Insiderinformationen solch erhebliche Vorteile verschaffen kann und dadurch, zum Schaden vieler Privatanleger und Kleinaktionäre, Profite schöpfen kann“, begründet er seinen Schritt.

Bei der Bafin nimmt man die Eingabe ernst: Die Behörde hat die Staatsanwaltschaft München über den Vorgang informiert. Auf Handelsblatt-Anfrage will eine Bafin-Sprecherin den Sachverhalt nicht kommentieren und verweist an die Ermittler.

Diesen liegt der verräterische Post vor. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München verweist auf die bereits laufenden Ermittlungen wegen Marktmanipulation. Man habe „insgesamt sehr umfangreiche Ermittlungen gegen den Beschuldigten Dr. Braun und mögliche weitere Mittäter eingeleitet. Mehr Details können wir im Moment aus ermittlungstaktischen Gründen nicht offenbaren.“

Neben Ex-Wirecard-Vorstandschef Markus Braun sind damit auch andere Manager und Akteure im Fokus der Ermittler. Klar ist, dass konzernintern schon früh über Probleme mit den Prüfern von KPMG und EY gesprochen wurde. Das Handelsblatt berichtete am 14. März unter Berufung auf Insider über Probleme mit der Prüfung der Drittpartner „an exotischen Lokationen“: Einige von ihnen wollten die Bücher demnach nicht für KPMG öffnen.

Am 22. April berichtete das Handelsblatt darüber, dass Wirecard mit KPMG über die Schärfe von Formulierungen im Sonderprüfbericht ringe. Die Prüfer „formulierten deutlich negativer als gedacht“, hieß es damals aus Konzernkreisen. Von Problemen mit Nachweisen über „erhebliche Summen“ auf den Treuhandkonten war noch keine Rede.

Am 17. Juni, dem Tag vor der schließlich geplanten Vorlage der Jahresbilanz, berichteten Insider gegenüber dem Handelsblatt dann von widersprüchlichen Nachrichten aus der Konzernzentrale. So sei etwa Konzernchef Braun abgetaucht und auch für Vertraute, Großinvestoren und Geschäftspartner nicht mehr erreichbar gewesen.

Während sich das vernichtende Urteil der Prüfer intern offenbar abzeichnete, war die Erwartung am Markt eine andere: Auch aufgrund der wiederholten Mitteilung des Konzerns, man rechne mit einem guten Ausgang der Sonderprüfung, etwa in den Ad-hoc-Mitteilungen vom 12. März und 22. April, die später die Bafin untersuchen sollte, setzten die meisten Privatanleger, aber auch institutionelle Akteure auf eine Kurserholung.

Hochkomplexe Finanzvehikel

Das war zum Beispiel auch über Zertifikate möglich, wie Produktinformationsblätter zweier Vehikel für Profi-Anleger zeigen, die die französische Großbank BNP und die Schweizer Bank Vontobel wenige Wochen vor dem Wirecard-Absturz aufgelegt hatten.

Am 25. Mai 2020 – die Wirecard-Aktie lag bei rund 83 Euro – legten die BNP-Investmentbanker ein hochspezialisiertes Zertifikat auf mit dem Namen „1Y Autocallable Reverse Convertible on Wirecard AG in EUR“. Die Zertifikate mit dem Nominalwert von 1000 Euro versprachen einen Zinskupon von 7,5 Prozent bis Ende August. Sollte der Kurs der Wirecard-Aktie unter 41,56 Euro fallen, entfällt der Kupon und es werden statt des eingesetzten Kapitals Aktien ausgezahlt – die inzwischen bei rund zwei Euro dümpeln. BNP wollte das aufgelegte Zertifikat auf Anfrage nicht kommentieren.

Am 28. Mai zogen die Experten von Vontobel nach und legten das Produkt „14.55% (58.20% p.a.) Vonti on Wirecard AG“ auf, ebenfalls zum Nominalwert von 1000 Euro und einem Zinskupon von 14,55 Prozent bis Ende August. Das Volumen: 25 Millionen Euro. Die vorgesehene Rückzahlung in Aktien sollte ausgelöst werden, wenn der Preis der Aktie unter 70,41 Euro fällt – was er am 18. Juni dann auch tat, als der Kurs nach dem Auffliegen der gefälschten Bankbestätigungen abstürzte.

Ein Vontobel-Sprecher erklärt auf Anfrage, das Produkt sei im Kundenauftrag aufgelegt worden und nur im Direkthandel (OTC) vertrieben worden. Laut Finanzkreisen war der Kunde eine Schweizer Bank.

„Es gab offensichtlich eine Nachfrage nach strukturierten, hochspekulativen Produkten, die mit einem Hebeleffekt auf den Turnaround von Wirecard gesetzt haben. Bis fast zuletzt herrschte bei professionellen Anlegern ganz offenbar die Ansicht vor, dass die Bilanzprüfung gut ausgeht. Das zeigt das Ausmaß der Irreführung des Markts“, sagt Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Universität. „Die Anleger haben den Großteil ihres Investments verloren, was auch für die Reputation der ausgebenden Banken schädlich ist.“

Die Deutsche Bank steigt aus

Innerhalb des Konzerns war die Sicht spätestens seit der Vorlage des KPMG-Sonderprüfberichts im April deutlich trüber. „Ich war schockiert, als ich den Bericht vorliegen hatte und durchgelesen habe“, berichtet ein hochrangiger Insider. Auch die EY-Prüfer notierten die Warnsignale genau.

Brauns langjährige Begleiterin, die Deutsche Bank, hat rechtzeitig vor dem Absturz das Weite gesucht. Ende 2017 hatte Braun knapp die Hälfte seines 7,0-Prozent-Anteils an Wirecard – rund vier Millionen Aktien zum damaligen Kurs von rund 350 Millionen Euro – an die Deutsche Bank verpfändet und im Gegenzug einen Kredit über 150 Millionen Euro erhalten.

Als Wirecards Aktienkurs Ende Juni 2020 ins Bodenlose stürzte, musste Braun fünf Millionen seiner Aktien binnen zwei Tagen abstoßen, wofür er rund 155 Millionen Euro erlöste. Die Deutsche Bank war da bereits ausgestiegen.

Sie soll laut Finanzkreisen schon im Herbst 2019 ihre Beziehung zu Braun überdacht und den ihm gewährten Kredit an zwei andere Banken syndiziert haben. Offiziell kommentiert das größte deutsche Geldhaus den Vorgang nicht. Mitte Mai 2020 unterzeichnete dann die Oldenburgische Landesbank (OLB) einen Kreditvertrag über 120 Millionen Euro mit Braun, wie die „Financial Times“ berichtete.

So rätselhaft, wie Brauns Manöver in den finalen Wochen vor dem Untergang seines Lebenswerks waren, so undurchsichtig ist das Handeln eines anderes Mannes: Jan Marsalek, flüchtiger Organisationsvorstand und Herr des Asiengeschäfts. Marsalek war in der Vergangenheit immer wieder damit aufgefallen, seinen eigenen finanziellen Vorteil im Blick zu haben: Er suchte Investments in Problemstaaten wie Libyen, beteiligte sich an der Finanzierung der russischen Messenger-App Telegram und steht unter Verdacht, auch privat von einem dubiosen 320 Millionen Euro schweren Wirecard-Zukauf in Indien im Jahr 2015 profitiert zu haben.

Gegenüber dem Handelsblatt hatte Marsalek beteuert, nichts über den Hintergrund des Fonds zu wissen: Es sei ein Fehler gewesen, die Hintermänner nicht geprüft zu haben. Sein Umfeld hält es heute nicht mehr für ausgeschlossen, dass Marsalek selbst auf den Absturz Wirecards gewettet haben könnte. „War er long, war er short? Bei ihm ist alles möglich“, sagt ein Vertrauter. Sein aktueller Aufenthaltsort ist unbekannt; die Staatsanwaltschaft München sucht mit Hochdruck nach Marsalek.

Eine Show für die Prüfer?

Mit der Nachricht von „Lilalaunebaer“ acht Tage vor dem Absturz geraten nun auch die Gralshüter des Insiderwissens in den Fokus: die Prüfer von EY, die Wirecard zehn lange Jahre ohne größere öffentliche Beanstandungen testiert hatten. Wenn jemand von allen Problemen mit der Bilanzprüfung 2019 und der der Vorjahre wissen musste, dann sie. Dass es Probleme mit Treuhandkonten gibt, war spätestens seit dem 28. April bekannt: Damals hatten die Sonderprüfer von KPMG gerügt, dass es für 2018 keine ausreichenden Belege für die Summe von 1,0 Milliarden Euro gebe.

Wirecard hatte auch gegenüber EY Probleme, unzweifelhafte Belege über die Ende 2019 dann schon 1,9 Milliarden Euro an Treuhandgeldern aufzutreiben. Marsalek war nach Handelsblatt-Informationen schon Mitte März mit EY-Experten in die philippinische Hauptstadt Manila geflogen, um die Treuhandbanken vor Ort zu besuchen. Womöglich bestochene Banker sollen dort eine Show für die Prüfer organisiert haben. Auch Video-Calls, in denen Bankangestellte ihre Dienstausweise gegenüber den Prüfern in die Kameras halten sollten, sprechen für eine zunehmend problematische Prüfung.

Über all diese Schwierigkeiten wurde bei EY genau Buch geführt. Dass die Prüfer von ihrem intimen Wissen Gebrauch gemacht und in die eigene Tasche gewirtschaftet haben, gilt als höchst unwahrscheinlich: Innerhalb der Gesellschaften existieren strenge Verschwiegenheitspflichten selbst gegenüber anderen Prüferteams. Dennoch wird der böse Verdacht in Prüferkreisen bereits diskutiert. EY dürfte ihm bereits intern nachgehen, um ihn mit absoluter Sicherheit ausschließen zu können.

Mehr: Stur und mit gutem Timing – wie Shortseller gegen Wirecard wetten.

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