Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Zahlungsdienstleister Wirecard: Aufklärung in Raten

Wirecard hat Teilergebnisse der Sonderprüfung von KPMG veröffentlicht. Die Aktie zieht deutlich an. Doch nicht alle Experten betrachten das Ergebnis positiv.
14.03.2020 - 19:54 Uhr Kommentieren
Der Wirecard-Vorstandschef muss für Aufklärung sorgen. Quelle: Bloomberg/Getty Images
Markus Braun

Der Wirecard-Vorstandschef muss für Aufklärung sorgen.

(Foto: Bloomberg/Getty Images)

Frankfurt/München Markus Braun kann aufatmen, zumindest vorerst. Die Sonderprüfung von KPMG hat Wirecard in großen Teilen entlastet. In anderen Bereichen steht die Klärung noch aus. Gut möglich ist also, dass der Vorstandschef des Zahlungsdienstleisters aus Aschheim bei München schon im April weitere Fragen beantworten muss. Initiiert hatte der Konzern die Sonderprüfung im Oktober. Ihr Ziel: endlich einen Schlussstrich ziehen unter die gravierenden Vorwürfe, die die britische Wirtschaftszeitung „Financial Times“ (FT) gegen Wirecard erhoben hatte.

In einer Reihe an Artikeln hatte sie 2019 vier Bereiche unter die Lupe genommen: eine teure Übernahme in Indien, finanzielle Unregelmäßigkeiten in Singapur, das Forderungsvorfinanzierungs-Geschäft (MCA, Merchant Cash Advance genannt) sowie die Zusammenarbeit mit Drittpartnern. Überall hatte die FT Abgründe vermutet – und belastende Details zur Hand. Am Ende wurde der Druck so hoch, dass Wirecard die Wirtschaftsprüfer von KPMG an Bord holte. Rund 40 Experten durchforsteten in der Folge die Bilanzen der vergangenen Jahre erneut.

Donnerstagnacht legte Wirecard ein Zwischenergebnis vor. Es bringt eine Teilentlastung: In den ersten drei Bereichen Indien, Singapur und MCA sehen die Prüfer keine Auswirkungen auf die Jahresabschlüsse der Jahre 2016 bis 2018. Die Untersuchung des umstrittenen Geschäfts mit Drittpartnern dauert jedoch an und soll erst am 22. April abgeschlossen sein.

Eigentlich hatte Wirecard den Abschlussbericht für Ende des ersten Quartals versprochen. Doch am Donnerstagabend hatte der sechsköpfige Aufsichtsrat um den neuen Vorsitzenden Thomas Eichelmann beraten und die Zwischenmitteilung abgesegnet.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Erleichterte Anleger

    Anleger erhielten damit erstmals Einblick in die seit dem 21. Oktober laufende Sonderprüfung. Die Last der gravierenden Vorwürfe um unsaubere Bilanzierungspraktiken, Geldwäsche und womöglich erfundene Kundenbeziehungen ist nun zumindest ein wenig leichter geworden.

    Und obwohl die KPMG-Prüfer nicht die volle Absolution erteilt haben, reagierten viele Anleger besänftigt. Zum Börsenstart am Freitag stieg die Wirecard-Aktie um fast 30 Prozent, nachdem sie am Vortag noch mit einem Minus von mehr als 18 Prozent zu den größten Verlierern gehört hatte. Auch im Tagesverlauf hielt sich das deutliche Plus, zum Handelsende blieben zumindest noch 4,5 Prozent.

    Händler führten den Zuwachs nicht allein auf erneuertes Vertrauen zurück: Stattdessen machten sie auch den Kursverfall bis auf 83,50 Euro am Donnerstag verantwortlich. Damit hatte der Aktienkurs niedriger gelegen als zum Tiefpunkt vor rund einem Jahr, als erste schwere Vorwürfe zu Unregelmäßigkeiten in Singapur den Kurs hatten abstürzen lassen.

    Mehrere Hedgefonds, die auch in den vergangenen Wochen noch auf einen Kursverfall gewettet haben, hätten nun mit hohem Gewinn einen Teil ihrer Positionen aufgelöst, hieß es von einem Händler. Das relativiere das deutliche Kursplus vom Freitag.

    Kritik an verlängerter Prüfung

    Den erhofften Befreiungsschlag kann Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Universität, in der Mitteilung denn auch nicht erkennen. „Als Investor würde mich die Bekanntmachung nicht beruhigen“, sagt der Ex-Investmentbanker. „Die Tatsache, dass der Prüfzeitraum über mehrere Wochen verlängert wurde, zeigt, dass es offenbar noch erheblichen Prüfbedarf im Bereich des kritischen Drittpartnergeschäfts gibt“. Das sei angesichts des seit Oktober andauernden Prüfungshandlungen erstaunlich.

    Ein differenziertes Bild geben auch die Analysten ab, die sich mit Wirecard beschäftigen. Ihre Kursziele reichen von 136 bis 270 Euro. Beim jüngsten Kursniveau von knapp unter 90 Euro böte das auch im schlechtesten Fall noch reichlich Potenzial. Hannes Leitner von der Schweizer Großbank UBS, einer der nüchternsten Analysten, hatte erst in dieser Woche nach einer Fachkonferenz mit Konzernchef Braun seine Einschätzung beibehalten.

    Der Tag nach der Teilentlastung gehörte dennoch den Optimisten: Analyst Knut Woller von der Baader Bank sah in einer ersten Reaktion erste ermutigende Einblicke in die noch nicht beendete Sonderprüfung und behielt sein hohes Kursziel von 240 Euro bei.

    In den Augen von Beobachtern gibt es Anzeichen, dass sich der Konzern endlich öffnet: So versprach Wirecard in der Mitteilung, „im Sinne transparenter Prozesse den vollständigen KPMG-Untersuchungsbericht unmittelbar nach Erhalt auf der Homepage“ zu veröffentlichen.

    In den vergangenen Wochen hatte es immer wieder unterschiedliche Nachrichten dazu gegeben, in welcher Art der Sonderbericht von KPMG veröffentlicht werden würde. Würde er komplett oder nur in Teilen an die Öffentlichkeit gelangen? Und wäre so für Anleger ein tiefer oder doch nur ein gefilterter Einblick möglich? Die Spekulationen hielten an.

    Schon als im vergangenen Jahr die Vorfälle in der wichtigen Niederlassung in Singapur von der externen Anwaltskanzlei Rajah & Tann (R&T) untersucht worden war, war lange Zeit die Rede davon, Wirecard würde den kompletten Bericht veröffentlichen. Am Ende gab es jedoch nur eine dünne Meldung von rund zwei Seiten, was etwa die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz kritisiert hatte (siehe Interview).

    Problematisches Drittpartnergeschäft

    Trotz mancher positiver Signale: Knackpunkt der jetzigen Veröffentlichung bleibt der bisher ungeklärte Teilbereich zum Geschäft mit Drittpartnern. Diese sogenannten „Third Party Acquirer“ übernehmen in Ländern, in denen Wirecard über keine eigenen Lizenzen verfügt, die Abwicklung des Zahlungsverkehrs.

    Genau hier lag zuletzt das größte Problem für Wirecard. Auslöser für die Sonderprüfung durch KPMG war letztendlich ein zehnseitiger FT-Artikel im Oktober. Angereichert durch interne und externe Dokumente wurden dort Zahlungsströme von Wirecard über Partner in Dubai und Irland angezweifelt.

    Im Mittelpunkt stand dabei Wirecards Partner Al Alam aus Dubai. Über den sollen laut FT im Jahr 2016 rund die Hälfte des Unternehmensgewinns vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen erzielt worden sein. Laut interner Unterlagen sei das Unternehmen aus Dubai für einen Umsatz von 265 Millionen Euro und einen „Ebitda-Effekt“ von 173 Millionen Euro verantwortlich, hieß es dort.

    Laut FT wurden 2016 über Al Alam die Geschäfte von 34 wichtigen Kunden von Wirecard abgewickelt. Sie stammen aus den USA, Europa, dem Mittleren Osten, Russland und Japan. Die Wirtschaftszeitung hatte nach eigener Darstellung versucht, alle diese Geschäftspartner zu kontaktieren. Demnach hatten 15 von ihnen niemals den Namen Al Alam gehört, sechs antworteten nicht, fünf konnten nicht identifiziert werden und acht von ihnen haben ihr Geschäft eingestellt. Wirecard bestritt diese Darstellung scharf.

    Der jetzt veröffentlichte Zwischenstand der Sonderprüfung bringt zu diesen besonders gravierenden Vorwürfen noch keine Aufklärung: Das Drittpartnergeschäft soll weitere sechs Wochen durchleuchtet werden. Erst dann soll dieser noch ausstehende Teil der Untersuchung abgeschlossen sein.

    Schwierige Abstimmungen

    Ein zentraler Knackpunkt für die Prüfung der Drittpartner „an exotischen Lokationen“ war, dass einige von ihnen die Bücher nicht für KPMG öffnen wollten, berichten Insider. Hier befinde man sich in intensiven Gesprächen. Darüber hinaus habe es auch bei den kooperativen Partnern zahlreiche sprachliche Barrieren und technische Restriktionen gegeben. So seien Buchhaltungsunterlagen der Jahre zwischen 2016 und 2018 bei Drittpartnern nicht in einem einheitlichen Format vorhanden. Entsprechend müssten Daten aufwendig ermittelt werden.

    Die Wirtschaftsprüfer von EY, die seit mehr als einem Jahrzehnt die Bücher von Wirecard prüfen, warten deshalb mit der Testierung des Jahresabschlusses 2019 nun darauf, dass die Sonderprüfer von KPMG ihre Untersuchung final abschließen. Deswegen wurde auch die ursprünglich für den 8. April geplante Veröffentlichung der Bilanz um rund drei Wochen auf den 30. April verschoben. Vor einem Jahr musste die Bilanzverkündung ebenfalls verschoben werden.

    Ein Hinweis auf Probleme? „Dass sich auch die Vorlage des Jahresabschluss 2019 verschiebt, spricht dafür, dass die Prüfer einen Korrekturbedarf nicht ausschließen können“, schlussfolgert zumindest Finanzprofessor Brühl.

    Druck auf KPMG gebe es deswegen allerdings nicht, heißt es bei Wirecard. Die Prüfer fällten ihre Entscheidungen zum Fortgang des Audits in eigener Hoheit. Offenbar hätten sie in der Verlängerung des Prüfungszeitraums die Chance gesehen, offene Fragen im Drittpartnergeschäft aufzuklären. Der neue Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann habe eine besonders gründliche Prüfung wiederholt begrüßt.

    Auch der weltweite Ausbruch der Corona-Krise hatte die Prüfung behindert. Laut Konzernkreisen war seit den ersten Fällen vom Jahresbeginn die Reisebereitschaft der KPMG-Prüfer deutlich gesunken. Insbesondere die Flüge in den Nahen und Fernen Osten seien betroffen gewesen. Gerade dort waren jedoch besonders intensive Prüfungen bei Drittpartnern nötig. Nun habe sich die Lage in Asien jedoch beruhigt. Aktuell würde in Dubai geprüft, außerdem seien KPMG-Vertreter mit einem Wirecard-Vorstand auf den Philippinen unterwegs gewesen, berichten Insider.

    Für das Geschäft von Wirecard hat das Corona-Virus selbst jedoch noch keine spürbaren Auswirkungen. Konzernchef Braun hatte vor wenigen Tagen zwar auf einer Konferenz einen gewissen negativen Einfluss der Pandemie auf sein Unternehmen eingestanden. Ausfällen im Flugverkehr und im Tourismus stünden jedoch höhere Umsätze im Online-Handel gegenüber.

    Unter den Wirecard-Beschäftigten wurde die Mitteilung von Donnerstagnacht jedenfalls sehr positiv aufgenommen. „Das ist der erhoffte Befreiungsschlag. Die Stimmung bei uns ist entspannt“, sagte ein Manager des Zahlungsdienstleisters am Freitag. Zwar sei klar: „Es wäre sicher gut, wenn die Prüfung früher fertig geworden wäre.“ Man müsse jedoch den großen Umfang der Aufgabe sehen.

    Die finale Klärung wird wohl erst die Veröffentlichung des KPMG-Abschlussberichts bringen. Zumindest im eigenen Haus kann Wirecard-Chef Braun bei der Organisation der Aufklärung bis dahin auf Nachsicht bauen.

    Mehr: Für die Münchner Anlegerschützerin Daniele Bergdolt sind im Fall Wirecard noch viele Fragen offen.

    Startseite
    Mehr zu: Zahlungsdienstleister - Wirecard: Aufklärung in Raten
    0 Kommentare zu "Zahlungsdienstleister: Wirecard: Aufklärung in Raten "

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%