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BilanzskandalWirecard-Skandal: Ex-Chef Braun legt Haftbeschwerde ein

Der inhaftierte ehemalige Topmanager Markus Braun wehrt sich gegen die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft. Die Aussagen des Wirecard-Kronzeugen werfen Fragen auf.René Bender, Volker Votsmeier, Felix Holtermann 22.09.2020 - 12:12 Uhr Artikel anhören

Der langjährige Wirecard-Chef wehrt sich gegen seine Inhaftierung.

Foto: dpa

Düsseldorf, Frankfurt. Seit rund zwei Monaten spielt sich sein Leben im Wesentlichen auf zehn Quadratmetern ab. Mr. Wirecard, so wurde Markus Braun genannt, sitzt in Augsburg-Gablingen in Untersuchungshaft, immerhin einer der modernsten Haftanstalten Deutschlands. Braun stand für den Aufstieg des Zahlungsdienstleiters wie kein Zweiter.

Vor zwei Jahren saß genau dort wegen des Dieselskandals Rupert Stadler für vier Monate ein, der einstige Audi-Chef. Stadler wurde festgenommen, als er sich auf den Weg zur Arbeit machte. Auch für Braun war die Festnahme eine böse Überraschung. Sie erfolgte am 22. Juli, als er sich innerhalb der Meldeauflagen für seinen vorherigen Haftbefehl, den er gegen eine Millionenkaution außer Vollzug gesetzt hatte, selbst bei der Münchener Polizei meldete.

Bereits am Tag zuvor hatten die Ermittler der Staatsanwaltschaft München I bei Gericht einen neuen Haftbefehl erwirkt. Die Tatvorwürfe seien noch mal „ganz erheblich“ erweitert worden, sagte damals eine Behördensprecherin.

Seither schweigt Braun und äußert sich nicht zu den Vorwürfen. Gegen seine Inhaftierung wehrt er sich trotzdem. Nach Informationen des Handelsblatts hat der langjährige Wirecard-Chef über seine Anwälte vor wenigen Tagen eine Haftbeschwerde eingelegt. Darin weist der Beschuldigte den von der Staatsanwaltschaft unterstellten dringenden Tatverdacht zurück. Außerdem sei die Begründung der Untersuchungshaft nicht nachvollziehbar.

Auf insgesamt 70 Seiten legen Brauns Anwälte dar, warum ihr Mandant aus ihrer Sicht nicht hätte in Haft genommen werden dürfen und die U-Haft beendet werden müsse. Brauns Verteidiger Alfred Dierlamm wollte sich auf Anfrage nicht zu der Haftbeschwerde äußern.

Mit dem Verfahren vertraute Personen berichten, dass verschiedene Beschuldigte vor allem die Aussagen des ehemaligen Wirecard-Managers Oliver B. anzweifeln. B. war im Wesentlichen verantwortlich für das Geschäft des Zahlungsdienstleisters in Dubai, das zeitweise rund ein Drittel des Konzernumsatzes beisteuerte.

B. ist selbst beschuldigt und sitzt auch in Untersuchungshaft. Er hat sich der Staatsanwaltschaft gestellt und lässt sich bereitwillig vernehmen. Auf Fragen des Handelsblatts reagierte der Verteidiger von B. nicht.

B. soll neben Braun auch andere Ex-Wirecard-Manager schwer belastet haben, darunter den flüchtigen Asienvorstand Jan Marsalek. Seit 2015 sollen die verdächtigen Führungskräfte die Bilanzsumme und das Umsatzvolumen von Wirecard durch das Vortäuschen von Einnahmen aufgebläht haben, teilte die Staatsanwaltschaft anlässlich der Inhaftierung Brauns mit.

Die Aussagen des Kronzeugen deuteten in diese Richtung. „Das Unternehmen sollte finanzkräftiger erscheinen“, sagte die Behördensprecherin. Wirecard habe für andere Unternehmen attraktiver aussehen wollen. Es sei aber spätestens Ende 2015 klar gewesen, dass Wirecard Verluste machte.

Kronzeuge im Zwielicht

Durch die Täuschung hätten Banken und Investoren 3,2 Milliarden Euro bereitgestellt, die nun „höchstwahrscheinlich“ verloren seien. Strafrechtlich werde den Männern gewerbsmäßiger Bandenbetrug, Untreue, unrichtige Darstellung und Marktmanipulation in mehreren Fällen vorgeworfen.

Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft zeigte sich erschüttert vom Ausmaß der Vorwürfe. „Auch wir fragen uns, wie ein solches System etabliert werden konnte.“ Aussagen deuteten darauf hin, dass bei Wirecard ein „streng hierarchisches System“ mit einem Korpsgeist und Treueschwüren gegenüber Braun geherrscht habe.

Braun wiederum, so hört man aus Verteidigerkreisen, bringt über seine Anwälte das Narrativ vor, er sei selbst betrogen und hintergangen worden, insbesondere vom flüchtigen Ex-Vorstand Jan Marsalek. Und die Aussage von B., die Braun mit ins Zentrum der kriminellen Handlungen rücke, sei gespickt mit Unwahrheiten.

Tatsächlich mehren sich die Zweifel, ob die B.-Aussagen immer der Wahrheit entsprechen. Einer, der Einblick in die inzwischen Hunderte Seiten Vernehmungsprotokolle von B. hat, sagt dazu: „Er schont sich zwar selbst auch nicht, zeigt aber vor allem mit dem Finger auf andere. Und passt seine Versionen immer wieder an, wenn die Staatsanwälte ihm vorhalten, dass die ein oder andere laut ihren bisherigen Erkenntnissen gar nicht zutreffen kann.“

Offenbar gibt es in den Schilderungen von B. erhebliche Widersprüche und Ungereimtheiten. Vor allem bezüglich der umstrittenen Geschäfte mit Drittpartnern gebe es Aussagen, die kaum plausibel seien. So soll B. behaupten, dass es solche Geschäfte in den letzten Jahren – anders als in der Bilanz ausgewiesen – gar nicht gegeben habe.

Das Drittpartnergeschäft war ein zentraler Baustein für Wirecards Wachstumsstory, der das um die Jahrtausendwende gegründete Start-up bis in den Dax geführt hat. Nach offizieller Darstellung griff der Konzern in Regionen, in denen Wirecard über eigene Lizenzen verfügte, nicht auf Drittpartner zurück: Einzelhändler und Onlineshops waren dort direkt an die Wirecard-Plattform angebunden.

Fragwürdiges Geschäft mit Drittpartnern

In Regionen, in denen Wirecard nicht über eigene Lizenzen verfügte, kam eine weitere Ebene ins Spiel: die der Drittpartner, „Third-Party Acquirer“ (TPAs) genannt. Das sind Unternehmen, die zwischen die Einzelhändler und die Wirecard-Plattform geschaltet sind. Ihr Einsatz ist in der Payment-Branche nicht ungewöhnlich.

Wie Insider im Gespräch mit dem Handelsblatt berichteten, diente das Drittpartnergeschäft ursprünglich auch zur Verschleierung problematischer Zahlungsströme. „Das ganze Geschäft wurde vom Vorstand sehr autark aufgesetzt“, sagte ein hochrangiger Manager. „Manche Geschäfte sollten nicht mit Wirecard in Verbindung gebracht werden.“ Dazu zählten etwa die Bereiche Onlinecasinos, Trading- und Porno-Seiten inklusive ihrer im Graubereich agierenden Pendants.

Vor mehr als zehn Jahren könnte dann jedoch aus dem Verschleierungs- ein Betrugsmechanismus geworden sein, vermuten Insider wie Ermittler. Die TPAs könnten überhöhte Umsätze der angeschlossenen Händler ausgewiesen haben, Wirecard diese verbucht und die Wachstumsstory so weiter befeuert haben.

Die Provisionen, die die TPAs eigentlich an Wirecard hätten zahlen müssen, flossen auf Treuhandkonten in Singapur und auf den Philippinen und wurden dort als Konzernvermögen verbucht. Letzteres, 1,9 Milliarden Euro, erwies sich im Juni als nicht existent, was den Konzern zu Fall brachte.

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Vom Aufstieg und Fall eines vermeintlichen Börsenwunderkindes

Genau hier liegt ein möglicher Knackpunkt der Aussage von B.: Laut zahlreichen Wirecard-Insidern, mit denen das Handelsblatt gesprochen hat, gab es ein reales Drittpartnergeschäft, etwa im Bereich der Zahlungsabwicklung für Hochrisikokunden. Hiervon scharf zu trennen wäre das aufgeblähte Drittpartnergeschäft über die Partner Al-Alam in Dubai, PayEasy in Manila und Senjo in Singapur, das vermutlich zu großen Teilen nie existiert hat.

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Die Aussagen von B. dazu bieten offenbar eine Menge Diskussionsstoff. Mal widerspreche er sich in zeitlicher Hinsicht, mal bezüglich genannter Orte, etwa wenn es um Besprechungen gehe. Die Staatsanwaltschaft hake an diesen Stellen nur unzureichend nach, sagen Kritiker. Manchmal wirke es so, als ob die Strafverfolger zu froh sind, in der undurchsichtigen Gemengelage endlich einen Kronzeugen zu haben.

Es gebe auch Indizien, dass B. gar nicht so sehr aus freien Stücken nach Deutschland angereist sei, um seine Aussage zu machen, wie bisher oft vermutet. In Dubai seien einige Wirecard-Investoren schwer verärgert gewesen, dort wäre B. womöglich nicht mehr sicher gewesen. Diese Sorge ist der Manager zumindest los. Auch sein Leben spielt sich mittlerweile auf knapp zehn Quadratmetern ab. Er sitzt in München-Stadelheim.

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