Silicon Valley Bank: Einlagenschwund und Konkurrenzdruck: Die SVB steht vor einem schwierigen Neustart
Die Pleite-Bank wurde von der First Citizens übernommen.
Foto: ReutersDenver. Die New Yorker Investmentbank Stifel wollte keine Zeit verlieren. Keine zwei Wochen nach der überraschenden Pleite der Silicon Valley Bank (SVB) im März kündigte das Finanzinstitut eine Offensive an, um den Bereich für Risikokapitalfinanzierungen zu stärken. Dafür habe Stifel drei „wichtige“ Mitarbeiter der SVB abgeworben. Wenige Tage später machte die HSBC ähnliche Schlagzeilen.
Die US-Tochter der britischen Bank rief gleich eine neue Einheit ins Leben, „mit Schwerpunkt auf der Innovationswirtschaft“, wie es in einer Pressemitteilung hieß. Dafür habe die Bank sogar 40 SVB-Mitarbeiter abgeworben. Die britische Mutter hat zudem die SVB-Teile in London übernommen – für den symbolischen Wert von einem Pfund (umgerechnet 1,13 Euro).
Allein die Personalien zeigen: Die Unsicherheit über die Zukunft der einst so renommierten Bank, die einen Großteil von Start-ups und Risikokapitalinvestoren zu ihren Kunden zählte, ist nach wie vor groß. Ein neuer Käufer ist nach langer Suche gefunden, doch aktuelle und ehemalige Kunden warnen: Es könnte laut Branchenexperten ein schwieriger Neustart werden.
Die Regionalbank First Citizens aus dem US-Bundesstaat North Carolina übernahm Ende März die Einlagen und Kredite der SVB. Das hat zwar geholfen, die Verunsicherung mit Blick auf andere Regionalbanken zu besänftigen. Doch die Lage bei der SVB selbst sei noch nicht stabil, wie Peter Bristow, die Nummer zwei bei First Citizens, in einem Interview mit der „Financial Times“ einräumte. So würden Kunden weiterhin Gelder von dem Institut abziehen.
Praktisch keine Erfahrung mit Start-ups und Venture Capital
Der neue Eigentümer hat zwar Erfahrung mit Übernahmen. Die Bank hat in der Finanzkrise mehr als 20 gescheiterte Banken in Zusammenarbeit mit der US-Einlagensicherung (FDIC) übernommen – mehr als jede andere Bank. Allerdings hat First Citizens praktisch keine Erfahrung mit Start-ups und Venture-Capital-Firmen. Das wollen andere Banken ausnutzen.
So sagt etwa ein New Yorker Investor: „Stifel wirbt sehr deutlich damit, dass sie nun stärker Geschäft mit Start-ups und Risikokapitalgebern machen wollen.“ First Citizens sei noch dabei zu prüfen, welche Geschäfte genau weitergeführt werden sollen, so Bristow. Die Marke SVB und die generelle Strategie mit Fokus auf die Technologiebranche soll jedoch erhalten bleiben.
Doch so wie früher wird es nicht mehr werden, gibt Sven Weber, Partner der Investmentgesellschaft Knightsbridge Advisers, zu bedenken. Die Silicon Valley Bank hatte den Ruf, ihren Kunden bessere Konditionen anzubieten, wenn sie möglichst viele Geschäfte dort machten und ihre gesamten Einlagen dort parkten.
Das könne die First Citizens indes nicht mehr verlangen. „Die Hauptlehre des SVB-Zusammenbruchs war, dass Start-ups nicht das ganze Geld bei einer Bank haben sollten“, stellt Weber klar.
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Viele Investoren haben ihre Portfoliounternehmen seit der SVB-Pleite angewiesen, Konten bei mehreren Instituten zu haben. Viele bevorzugen einen Mix aus Großbanken wie JP Morgan Chase und kleineren Instituten, die oft bessere Konditionen anbieten können und weniger bürokratisch sind. „Es bleibt zu beobachten, wie First Citizens die alte SVB integriert“, meint Weber.
Doch aus seiner Sicht spreche nichts dagegen, dass Start-ups weiterhin ein Konto bei der SVB haben. Sie sollten sich jedoch nicht mehr „in die alleinige Abhängigkeit einer Bank begeben“.
Börsengänge zum Erliegen gekommen
Auch die Institute sind vorsichtiger geworden. Seitdem die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) die Zinsen in den vergangenen zwölf Monaten drastisch angezogen hat, sind die für Start-ups wichtigen Börsengänge praktisch zum Erliegen gekommen.
Finanzierungsrunden seien deutlich kleiner geworden, berichten Investoren. Das macht Start-ups als Kunden deutlich unattraktiver. Auch das muss der neue Eigentümer der SVB berücksichtigen.
Die SVB hatte sich auf Kredite und andere Finanzierungsformen für die Technologiebranche spezialisiert und war bereit, Kredite an defizitäre Start-ups zu vergeben, die bei anderen Banken vermutlich keine Chance gehabt hätten. Falsch gemanagte Zinsänderungsrisiken lösten Anfang März schließlich den ersten digitalen Bankrun in der Geschichte der USA aus.
SVB-Kunden hatten versucht, innerhalb von zwei Tagen 142 Milliarden Dollar oder 80 Prozent aller Einlagen abzuziehen. Das führte dazu, dass die SVB der Einlagensicherung FDIC unterstellt wurde und schließlich Insolvenz anmelden musste.
Auch die First Citizens steht eher für eine „umsichtige Kreditvergabe“, wie das Institut bei der Bekanntgabe der Übernahme Ende März betonte. Die Bankmanager verschafften sich nun einen genauen Überblick über die Lage, erklärte Bristow.
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Investoren und Start-ups befürchten, dass es künftig deutlich schwieriger werden wird, Zugang zu Krediten, sogenanntem Venture Debt, zu bekommen. Torsten Slok, Chefökonom des Finanzinvestors Apollo, betont, die US-Bankenlandschaft sei in den ersten Zügen einer Kreditklemme. Die neue SVB wird hier also einen Mittelweg finden müssen.
Investor Weber gibt zu bedenken: „Langfristig ist das vermutlich gesund für die Branche.“ Gerade in der Pandemie, als die Fed die Zinsen senkte, stiegen Bewertungen für junge Technologiefirmen noch einmal deutlich.
Nun tritt in vielen Bereichen eine Ernüchterung ein. Große und kleine Tech-Firmen haben in den vergangenen Monaten Entlassungswellen angekündet. Nur Start-ups, die sich auf Künstliche Intelligenz fokussieren, sind derzeit noch stark gefragt.
Die Aktionäre der First Citizens haben die Übernahme der SVB indes sehr begrüßt. Der neue Eigentümer kletterte in der Rangliste der größten US-Banken von Platz 30 auf Platz 16. Seit der Übernahme hat die First-Citizens-Aktie um mehr als 77 Prozent zugelegt. In der vergangenen Woche erreichte sie sogar ein Rekordhoch.
Erstpublikation: 24.04.2023, 04:04 Uhr.