Kapitalmarktgeschäft: Dauerkrise im Investmentbanking – Wann kommt die Zeit der großen Deals zurück?
New York, Frankfurt. Das Jahr 2023 ist, um es vorsichtig auszudrücken, ernüchternd für die Investmentbanker an der Wall Street, der Londoner City und im Frankfurter Finanzviertel gewesen. Die Folge: Deutlich niedrigere Boni und Entlassungen auf breiter Front. Im neuen Jahr soll alles nun besser werden – aber die Risiken bleiben.
Deutlich zu erkennen ist das an den Zahlen, die eine eindeutige Sprache sprechen. So ist das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2022 um rund 15 Prozent eingebrochen. Bei den Börsengängen fiel die Bilanz mit einem Minus von rund 30 Prozent noch schlechter aus.
Aus diesem Grund sackten die Gebühreneinnahmen im Investmentbanking 2023 weltweit im Vergleich zum ohnehin schwachen Vorjahr um gut sieben Prozent auf 106 Milliarden Dollar ab. Noch im Jahr 2021 hatten sich dagegen die Einnahmen aus dem Investmentbanking auf 166 Milliarden Dollar summiert.
Die Misere wird sich auch in den Bonuszahlungen für das vergangene Jahr niederschlagen. So könnten die Boni für Investmentbanker, die Unternehmen bei Fusionen und Übernahmen beraten, in diesem Jahr um 15 bis 25 Prozent niedriger ausfallen als 2022. Das geht aus einer Studie des Personalberaters Johnson Associates hervor, der sich auf die Finanzbranche fokussiert.
Laut der Prognose müssen sich auch die Wertpapierhändler auf bis zu zehn Prozent niedrigere Prämien einstellen. Lediglich für die Berater bei Aktienplatzierungen stellt Johnson Associates höhere Boni in Aussicht.
Wall-Street-Banker „werden ein weiteres Jahr auf eine Erholung warten müssen“, warnt Firmeninhaber Alan Johnson. Es wäre die zweite schwache Bonussaison in Folge. Bereits 2022 sanken die Prämien im Schnitt um mehr als ein Viertel. Aber der Ärger über deutlich niedrigere Boni dürfte für viele Banker noch das kleinere Problem sein. Denn die Branche strich in den vergangenen zwölf Monaten so viele Jobs wie seit der Finanzkrise nicht mehr.
Zehntausende Stellen werden abgebaut
Die großen US-Institute bauten im vergangenen Jahr immer wieder Stellen ab, das galt für die Bank of America genauso wie für die Citigroup, die sich in einer tiefen Restrukturierung befindet. Allein Goldman Sachs strich im vergangenen Jahr 3200 Stellen, und die prominente Investmentbank Lazard kündigte im vergangenen Frühjahr den Abbau von zehn Prozent der Mitarbeiter an.
Nach Berechnungen des Börsensenders CNBC strichen die US-Banken bis zum Herbst des vergangenen Jahres bereits rund 20.000 Stellen, so viele wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Als Ausnahme gilt der Branchenprimus JP Morgan Chase, der weiterhin Jobs aufbaut.
In Europa stehen ebenfalls zehntausende Stellen auf dem Spiel, unter anderem durch die Notübernahme des Schweizer Bankriesen Credit Suisse durch den Konkurrenten UBS. Aber auch die britische Barclays hat im Rahmen von Sparmaßnahmen konzernweit 5000 Stellen abgebaut, vor allem im Abwicklungsbereich, dem sogenannten Back Office.
Gegen den Trend stockt die Deutsche Bank im Investmentbanking auf. Man wolle die Flaute nutzen, um sich gezielt zu verstärken, erläuterte ein Sprecher. So hat die Bank gerade erst die Ex-Citi-Bankerin Alison Harding-Jones als neue globale Leiterin des Übernahmegeschäfts angeheuert. Im Oktober schloss das größte heimische Geldhaus den größten Zukauf seit über einem Jahrzehnt ab und übernahm den britischen Börsenmakler Numis für 410 Millionen Pfund.
Verkäufer und Käufer finden nicht zusammen
Hinter der Dauerflaute im Investmentbanking stecken gleich mehrere Gründe: Die deutlich gestiegenen Leitzinsen sorgten für schwierigere Finanzierungsbedingungen, was zu niedrigeren Bewertungen sowohl im Aktien- als auch im Übernahmegeschäft führte. Die Preisvorstellungen von Käufern und Verkäufern klafften deutlich auseinander. Hinzu kommt die Angst vor Rezession und vor einer instabilen geopolitischen Lage..
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Im neuen Jahr hoffen viele Banken nun auf eine Trendwende. So setzt die Bank of America auf das Comeback des Investmentbankings. Amerikas zweitgrößte Bank geht davon aus, dass Kunden demnächst wieder sowohl große als auch kleinere Deals abschließen werden. Allein die Frage nach dem genauen Timing der Trendwende beantwortet das Management derzeit ungern.
„Das Investmentbanking kann sehr, sehr schnell zurückkommen“, sagte Finanzchef Alastair Borthwick bei der Veröffentlichung der jüngsten Quartalszahlen im Oktober. „Es ist nur so, dass wir es leid sind, vorherzusagen, wann das sein wird.“
Das liegt daran, dass die Topmanager der großen Banken mit dem Timing zuletzt immer wieder daneben lagen. Gleich mehrfach keimte die Hoffnung auf ein Comeback auf – zunächst im Sommer, dann im zweiten Halbjahr, dann zum Jahresende. Doch bislang warten die Investmentbanker vergebens auf mehr Deals.
Die geopolitischen Spannungen könnten weiter zur Vorsicht in den Vorstandsetagen gemahnen. Einige Ökonomen, wie der Kapitalmarktexperte Mohamed El-Erian, rechnen zudem mit einer Rezession in den USA und in Europa, was wiederum für Unruhe an den Kapitalmärkten sorgen könnte.
Hoffnung auf sinkende Zinsen
Rückenwind könnte es dagegen von der US-Notenbank Fed geben, die in den kommenden Monaten die Zinsen wieder senken dürfte. Um die hohe Inflation zu bekämpfen, hatten die Währungshüter die Zinsen im Rekordtempo auf die Spanne von 5,25 bis 5,5 Prozent angehoben. Die Zinswende könnte schon im Frühjahr beginnen. Ökonomen erwarten mehrere Zinssenkungen in diesem Jahr.
„Zu Jahresbeginn ist der Optimismus traditionell groß, aber wenn man ehrlich ist, werden die meisten Risiken, die das vergangene Jahr geprägt haben, nicht so schnell verschwinden“, meint ein ranghoher deutscher Investmentbanker. Und auch Personalberater Johnson sieht 2024 als „weiteres herausforderndes Jahr“.
Doch zumindest der historische Trend spricht dafür, dass sich die Hoffnungen der Banker erfüllen könnten. „Das dritte Quartal war das siebte in Folge mit Einnahmen deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt, frühere Abschwünge haben normalerweise nicht länger als acht Quartale angehalten“, meint Michael McTamney von der Ratingagentur DBRS Morningstar.
Neue Erkenntnisse zu den Aussichten im Investmentbanking wird es schon Ende dieser Woche geben. Dann werden die ersten großen US-Banken ihre Jahresergebnisse für 2023 vorlegen und einen Ausblick auf das neue Jahr geben.