Strafprozess: Wirecard-Chefbuchhalter droht langjährige Gefängnisstrafe
Düsseldorf. Im Betrugsprozess um den Zahlungsdienstleister Wirecard will das Landgericht München den angeklagten Ex-Chefbuchhalter Stephan von Erffa zu einem Geständnis bewegen. Der Vorsitzende Richter Markus Födisch stellte von Erffa für den Fall einer Verständigung eine Freiheitsstrafe zwischen zwei und acht Jahren in Aussicht.
Födisch sagte am Mittwoch in der Verhandlung, dass von Erffa derzeit noch die Möglichkeit habe, mit einem Geständnis etwas zu gewinnen. Wirecards ehemaliger Vizefinanzchef solle aber nicht noch Monate bis zu einem weiteren Verständigungsgespräch warten, wenn er profitieren wolle.
Das Handelsblatt hatte zuvor über ein Rechtsgespräch berichtet, zu dem von Erffas Verteidiger, die Staatsanwaltschaft und das Gericht am Freitag zusammengekommen waren. Ein solches Gespräch ist in einem Strafverfahren der Versuch, außerhalb der Verhandlung einen Kompromiss mit einem Angeklagten herbeizuführen.
Thema des Gesprächs war mehreren mit den Vorgängen vertrauten Personen zufolge, ob von Erffa und seine Verteidiger ein Geständnis erwägen. Die Anwälte des früheren Wirecard-Vizefinanzchefs haben demnach signalisiert, dass sie prinzipiell bereit dazu seien, über einen solchen Schritt zu sprechen.
Ob es wirklich zu einem Geständnis kommt und wenn ja, wie umfangreich dieses ausfällt, ist jedoch noch völlig unklar. Bevor eine Entscheidung fällt, wollen seine Verteidiger, das Gericht und die Staatsanwaltschaft mindestens ein weiteres Verständigungsgespräch führen, womöglich auch mehrere.
Prozess kann schnelleres Ende nehmen
Wirecard war im Juni 2020 zusammengebrochen, nachdem ein angebliches Milliardenvermögen des Dax-Konzerns auf Treuhandkonten plötzlich nicht mehr auffindbar gewesen war. Das Geld sollte aus dem Drittpartnergeschäft stammen, das Wirecard vor allem in Asien für Kunden aus der Porno- und Glücksspielbranche betrieb.
Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass es dieses Geschäft nicht gab. Sie wirft von Erffa, dem früheren Vorstandschef Markus Braun und dem ehemals für Wirecard in Dubai tätigen Manager Oliver Bellenhaus unter anderem Bilanzfälschung und gewerbsmäßigen Bandenbetrug vor.
Bellenhaus hat die Vorwürfe zum Großteil eingeräumt und damit neben sich selbst auch Braun und von Erffa schwer belastet. Der seit Sommer 2020 in Untersuchungshaft sitzende Ex-Vorstandschef Braun bestreitet sämtliche Vorwürfe und bezichtigt seinerseits Bellenhaus der Lüge.
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Von Erffa, der als Chefbuchhalter dafür gesorgt haben soll, dass gefälschte Zahlen in die Bilanzen gelangten, galt lange als großer Unbekannter in dem Prozess. Er stritt zunächst jegliche Beteiligung an dem Skandal ab. Später räumte er ein, die Autorisierung eines Geldflusses gefälscht zu haben – aber nur in einem Fall.
Födisch zeigte sich am Mittwoch überzeugt, dass von Erffa bei der Aufklärung helfen könne. Die Kammer habe bis ins Jahr 2025 Zeugen geladen, sagte der Vorsitzende Richter. Es bestehe im Falle eines Geständnisses die große Chance, den sehr teuren Prozess zu einem zügigeren Ende zu bringen.
Eine Einstellung des Verfahrens oder ein Freispruch für von Erffa sei nicht in Sicht, sagte Födisch. Die Konzernbilanzen seien falsch gewesen und der Schaden hoch. Eine Bewährungsstrafe sei illusorisch. Aber der Angeklagte habe ein Jahr in U-Haft gesessen und könne mit einer Verständigung Pluspunkte sammeln.
Von Erffa wäre nach Bellenhaus der zweite Angeklagte, der ein Geständnis ablegen würde. Für den Kronzeugen wurde soweit bekannt noch kein möglicher Strafrahmen in Aussicht gestellt.
Mit Material von dpa