Sparkassen: Ulrich Reuter erwartet 2024 deutlichen Gewinnrückgang
Frankfurt. Die Sparkassen stellen sich im laufenden Jahr auf einen deutlichen Gewinnrückgang ein. Das Vorsteuerergebnis von 17 Milliarden Euro aus dem Vorjahr werde 2024 „nicht mal annährend“ erreicht, sagte Sparkassenpräsident Ulrich Reuter am Donnerstag auf dem Bankengipfel. Gründe dafür seien die gestiegene Vorsorge für ausfallgefährdete Kredite, das verhaltene Neugeschäft und die gesunkene Zinsmarge.
Im vergangenen Jahr hatten die Sparkassen wie alle Geldhäuser stark von den Zinsanhebungen der Europäischen Zentralbank (EZB) profitiert. Sie erhielten vier Prozent Zinsen, wenn sie über Nacht Geld bei der Notenbank parkten, und gaben oft nur relativ wenig von den Notenbankzinsen an ihre Kundinnen und Kunden weiter.
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Wegen des härteren Wettbewerbs um Spareinlagen zahlen mittlerweile jedoch auch viele Sparkassen mehr Zinsen, besonders auf Festgeld. Zudem hat die EZB die Einlagenzinsen im Juni erstmals wieder reduziert auf 3,75 Prozent. Weitere Senkungen dürften folgen.
In der aktuellen Zinslandschaft könnten die Sparkassen zwar nicht die gleichen Ergebnisse wie 2023 erzielen, als sie mehr Gewinn einfuhren als die Deutsche Bank und die Commerzbank, erklärte Reuter. „Wir sind aber gut unterwegs.“
Wegen der mauen Wirtschaftsentwicklung und steigender Insolvenzzahlen würden die Sparkassen „in der Risikovorsorge als vorsichtige Kaufleute das eine oder andere ergänzen im nächsten Jahresabschluss. Allerdings sehen wir derzeit noch nichts, was uns große Sorgen macht.“
Kunden ziehen Einlagen bei den Sparkassen ab
Die Unternehmen seien bei der Inanspruchnahme von Kreditlinien zwar „sehr zurückhaltend“. Die meisten Firmen verfügten aber über eine hohe Liquidität. Ihre Umsätze und Erträge seien stabil. Bei einzelnen Firmen und Branchen gebe es zwar Schwierigkeiten. „Wir sehen aber keine breite Welle an Problemen“, betonte Reuter.
Das gelte auch für private Immobilienfinanzierungen. Bei der Verlängerung von Baufinanzierungen müssten Kunden aktuell zwar 3,5 bis 3,6 Prozent bezahlen statt 2,3 bis 2,4 Prozent wie vor zehn Jahren, sagte der Sparkassenpräsident. Damit kämen die Menschen aber zurecht. „Wir sind da mit unseren Kunden sehr gelassen.“
Das Neugeschäft erholte sich im ersten Halbjahr ebenfalls. Die Sparkassen sagten in den ersten sechs Monaten des Jahres gut 19 Prozent mehr private Immobilienfinanzierungen zu als vor einem Jahr. Reuters führt dies unter anderem auf das zuletzt wieder leicht gesunkene Zinsniveau und die teils kräftig gestiegenen Löhne zurück.
Darüber hinaus profitieren die Sparkassen laut Reuter im laufenden Jahr von weiteren Zuschreibungen auf Wertpapiere. Sparkassen und Volksbanken mussten 2022 wegen des kräftigen Zinsanstiegs fast 14 Milliarden Euro auf Anleihen und andere Wertpapiere abschreiben. Wenn sie diese bis zur Endfälligkeit halten und diese dann vollständig zurückgezahlt werden, gibt es jedoch wieder entsprechende Wertaufholungen.
Die rund 350 Sparkassen sind in Deutschland Marktführer im Geschäft mit kleinen Unternehmen und privaten Kundinnen und Kunden. Reuter ist seit Jahresanfang Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DGSV). Zu seinen wichtigsten Zielen zählt es, die Kundenzufriedenheit zu erhöhen.
Daran müssten die Institute „wirklich hart arbeiten“, hatte Reuter Anfang des Jahres in einer Rede vor Sparkassenvorständen gefordert – und darauf hingewiesen, dass die vergleichsweise geringen Zinsen auf Tages- und Festgeld Spuren hinterlassen hätten. „Die ökonomisch begründete Zurückhaltung bei der Verzinsung von Einlagenbeständen hat uns im Marktvertrauen belastet.“
Im ersten Halbjahr ist das Einlagenvolumen der Sparkassen um 0,2 Prozent auf 1,146 Billionen Euro gesunken. Die Volksbanken bauten ihren Einlagenbestand laut Daten von Barkow Consulting dagegen um 0,8 Prozent aus, die Privatbanken sogar um 1,8 Prozent.
Reuter ist mit der Entwicklung dennoch zufrieden, zumal die Sparkassen wegen der verhaltenen Kreditnachfrage nicht mehr Einlagen zur Refinanzierung ihres Geschäfts brauchen. Das relativ stabile Einlagenvolumen zeige, dass das Vertrauen der Kunden in die Sparkassen hoch sei. „Das wollen wir natürlich pflegen“, sagte Reuter.
Warten auf Marktstart von JP Morgan
Dass mit JP Morgan und BBVA 2025 voraussichtlich zwei ausländische Geldhäuser mit Onlineangeboten ins Privatkundengeschäft in der Bundesrepublik einsteigen wollen, zeigt aus Sicht von Reuter, wie attraktiv der deutsche Markt ist. Für seine alten und neuen Wettbewerber hat er eine klare Botschaft: „Wir werden freiwillig keine Marktanteile aufgeben. Wir kämpfen für unsere Marktanteile.“
JP-Morgan-Chef Jamie Dimon hatte den Start einer Onlinebank in Deutschland bereits im Juli 2023 im Handelsblatt-Interview angekündigt – und damit lebhafte Debatten in der Finanzbranche ausgelöst. Die US-Bank hat in Berlin inzwischen ein Team aufgebaut. Wann und mit welchem Angebot sie startet, ist aber nach wie vor unbekannt.
Sven Deglow, der Chef der zweitgrößten deutschen Direktbank DKB, kann Fragen zu JP Morgan deshalb mittlerweile nicht mehr hören. „Ich würde mir wünschen, dass die endlich auf den Markt kommen, dass wir mal wissen, was die anbieten, dass ich auch weiß, warum ich nachts besorgt sein soll“, sagte er spöttisch.
Die Commerzbank, die im ersten Halbjahr zusätzliche Einlagen von 18 Milliarden Euro einsammelte, nimmt den Markteintritt von JP Morgan und BVVA sportlich. „Wir haben keine Angst vor Konkurrenz“, erklärte Finanzchefin Bettina Orlopp auf dem Bankengipfel.