Geldanlage: Warum Versicherer bei Unwetterschäden auf Profi-Anleger hoffen
Köln. Normalerweise läuft das Versicherungsprinzip wie folgt: Wer monatlich in eine Versicherung einzahlt, bekommt eine Autoreparatur oder die ärztliche Behandlung in der Regel auch von der Versicherung bezahlt. Doch wer zahlt, wenn der Gesamtschaden, etwa bei einer Naturkatastrophe, deutlich höher ist als die Summe aller Einzahlungen?
Früher lautete die Standardantwort: Rückversicherer wie etwa der Dax-Konzern Munich Re kommen gegen eine Gebühr für Großschäden wie Naturkatastrophen auf. Doch sie bekommen Konkurrenz – und zwar von Investoren.
Inzwischen wetten immer mehr Kapitalanleger auf Unwetter – und verdienen damit viel Geld. „Investoren bekommen eine viel höhere Rendite als bei anderen Anlageklassen“, erklärt Ralph Gasser von der Investmentfirma GAM, „und diese Rendite ist völlig unabhängig von anderen Entwicklungen an den Finanzmärkten.“ Sie hängt nur davon ab, ob die Katastrophe eintritt oder nicht.
Versicherer wie die Allianz oder die Versicherungskammer umgehen damit vermehrt die zuletzt teurer gewordene klassische Rückversicherung, die normalerweise für Großschäden bezahlt:
- Der Rückversicherer Swiss Re hatte zum Jahreswechsel die Preise für Schutz gegen Naturkatastrophen im Schnitt um zwölf Prozent angehoben.
- Bei Hannover Rück lagen die Preissteigerungen 2,3 Prozentpunkte höher als die generelle Inflation in den jeweiligen Ländern, in denen der Dax-Konzern Geschäfte macht.
- Die Beratungsfirma Guy Carpenter hat errechnet, dass die Kosten für Rückversicherungsschutz in den USA seit 2017 um 116 Prozent gestiegen sind.
Versicherer, die für diesen Schutz bezahlen müssen, suchen andere Lösungen und bieten immer häufiger Anlegern versicherungsgebundene Anlageprodukte wie etwa Katastrophenanleihen an. Damit können institutionelle Investoren sich an dem Risiko beteiligen, ob der Hurrikan oder die Flut stattfindet oder nicht. Bleibt die Katastrophe aus, winkt eine hohe Risikoprämie – im Katastrophenfall ist das Geld jedoch weg.
Das ist riskant, trotzdem ist der Bedarf ungebrochen. Allein in diesem Jahr sind bereits verbriefte Versicherungsprodukte im Wert von sieben Milliarden US-Dollar auf den Markt gekommen, zeigen Daten des Fachportals Artemis. Insgesamt rechnen Experten wie Gasser mit einem Volumen in Höhe von 20 Milliarden US-Dollar für dieses Jahr. Die Versicherer haben ein großes Interesse, die Risiken auszulagern – und zahlen daher hohe Zinsen.
Und das hat sich zuletzt gelohnt:
- Profiinvestoren und Hedgefonds, die auf Versicherungsrisiken gewettet haben, konnten 2023 eine überdurchschnittliche Rendite erzielen.
- Nach Angaben der Finanzagentur Bloomberg erwirtschaftete etwa der Londoner Hedge Fonds Tenax im vergangenen Jahr eine Rendite von 18 Prozent.
- Ein Index des Schweizer Rückversicherers Swiss Re für sogenannte Katastrophenanleihen kommt sogar auf 19,7 Prozent.
Dominik Hagedorn, Mitbegründer des Fondsmanagers Tangency Capital, sagt, das Interesse von Hedgefonds an versicherungsgebundenen Wertpapieren habe in den vergangenen zwölf bis 18 Monaten „ziemlich deutlich zugenommen“.
Zu den Emittenten der sogenannten „Cat Bonds“ zählt auch der weltgrößte Versicherer: die Allianz. Mit einer Anleihe im Volumen von 250 Millionen Euro sichert der Konzern im Zeitraum von Januar 2024 bis Dezember 2026 Windsturmrisiken in Europa ab. „Die Neuauflage unserer Cat-Bond-Strategie erweitert unser Instrumentarium zur Risikominderung“, sagt Allianz-Manager Thorsten Fromhold. Auch die Versicherungskammer, ein öffentlicher Versicherer aus Bayern, emittierte im Herbst eine solche Anleihe in Höhe von 175 Millionen Euro. Der britische Spezialversicherer Hiscox ist seit mehr als zwei Jahrzehnten zum ersten Mal wieder in dem Markt tätig geworden.
GAM-Experte Gasser erläutert, dass die Risikokompensation bei Katastrophenanleihen zuletzt rund 8,5 Prozentpunkte höher ausfiel als die von herkömmlichen US-Anleihen. Das Ausfallrisiko liege wiederum bei gut zwei Prozent. „Das Verhältnis zwischen Ertrag und Risiko ist um ein Vielfaches besser als bei anderen Hochrisikogeschäften.“
Für Profianleger eine gute Beimischung fürs Depot
Der wichtigste Punkt ist aber: Kuponzahlung und Rückzahlung des Nennwerts hängen bei gewöhnlichen Anleihen von der Zahlungsfähigkeit des Schuldners ab. Die Zahlung einer Katastrophenanleihe ist hingegen von einem strikt festgelegten Parameter abhängig. Risiken aus Naturkatastrophen haben nichts mit dem Leitzins oder der Weltkonjunktur zu tun. Und hier wird es vor allem für Profianleger interessant: Investments in Naturkatastrophen sind eine gute Beimischung für das Depot – und noch dazu äußerst ertragreich.
95 solcher Emissionen gab es im abgelaufenen Jahr. Das Volumen dieser Transaktionen lag bei mehr als 16,4 Milliarden Dollar. Das ist ebenfalls ein Rekordwert und entspricht fast einem Drittel des Volumens der derzeit ausstehenden Anleihen. In den ersten Wochen des neuen Jahres wurden bereits neue Katastrophenanleihen im Wert von knapp einer Milliarde Dollar ausgegeben.
Natürlich sind die Investments trotzdem riskant. Das Jahr 2023 verlief Branchenexperten zufolge mild. Es habe nur einen größeren Hurrikan gegeben, der das amerikanische Festland erreicht hatte, berichtet Harald Steinbichler von der Investmentberatung Axessum.
Auch das ist ein Grund für den Run auf Wetten gegen Naturkatastrophen. Allein im November 2023, nach der milden Hurrikansaison, wurden acht Katastrophenanleihen mit einem Volumen von 1,725 Milliarden US-Dollar begeben.
Ob das aktuelle Jahr auch so mild verläuft, was große Naturschäden angeht, kann niemand vorhersagen. Klar ist: Allein durch den Klimawandel nimmt die Anzahl und Schwere von Unwettern zu. „Der Klimawandel hat große Auswirkungen auf Naturkatastrophen wie etwa Waldbrände“, bei denen einzelne Ereignisse zu Verlusten zwischen zehn und 30 Milliarden US-Dollar führen werden, erklärt Karen Clark, eine Expertin für die Modellierung für Natur- und Klimarisiken. Sie glaubt allerdings, dass das gut für den Markt sei: „Dadurch wird der Cat-Bond-Markt wachsen.“
Investoren setzen jetzt auf ein neues Risiko
Anleger haben derweil ein neues Feld entdeckt, von dem sie sich hohe Renditen erhoffen: die Übernahme von Cyberrisiken. Dabei geht es – ähnlich wie bei Naturkatastrophen – um die Wette von Anlegern, ob eine Attacke mit Computerviren oder anderer Schadsoftware einen größeren Schaden hervorrufen könnte.
Der Spezialversicherer Axis Capital von den Bermudainseln hat im November erstmals eine sogenannte Cyber-Katastrophenanleihe an den Markt gebracht. Die Anleihe war mit einem Volumen von 75 Millionen US-Dollar eher klein, jedoch lief laut Axessum-Experte Steinbichler „die Platzierung erfolgreich“.
Später folgte der Schweizer Rückversicherer Swiss Re. Hier beträgt das Volumen der Anleihe 50 Millionen Dollar, die Rendite liegt Branchenexperten zufolge zwischen zehn und elf Prozent. Zum ersten Mal hat mit Swiss Re ein Versicherer bei Cyber-Cat-Bonds auch die Schadensumme festgelegt, ab der es zu einem Totalausfall kommt.
Demnach müsste eine Cyberattacke einen Schaden von mehr als neun Milliarden US-Dollar verursachen, damit Anleger ihren Einsatz verlieren. Zum Vergleich: Die Überschwemmungen und Sturzfluten in Deutschland und Mitteleuropa im Sommer 2021, zu denen die Flut im Ahrtal zählt, kosteten die Versicherer laut Munich Re 13 Milliarden US-Dollar. Offenbar hält die Branche es für möglich, dass auch digitale Attacken bald zur teuren Katastrophen werden können – und damit zum Spekulationsobjekt.