Handelsblatt Insurance Summit: Versicherer spüren Krisenstimmung der Verbraucher – Allianz-CEO Bäte: Müssen Vertrauen schaffen
Der Manager sieht die Widerstandsfähigkeit des Konzerns belegt.
Foto: BloombergDüsseldorf. Die hohe Inflation wird für immer mehr Menschen zum Problem. Nicht nur Energie- und Lebenshaltungskosten steigen massiv an, sondern auch die Versicherungsprämien. Viele Verbraucher fürchten, dass sie sich diese Prämien bald nicht mehr leisten können. „Die Kunden sehen nicht auf den ersten Blick, dass sie ein Produkt kaufen, das gut für sie ist“, sagte Giovanni Liverani, Chef des Versicherers Generali in Deutschland, Österreich und der Schweiz, auf dem „Handelsblatt Insurance Summit“.
Liverani zufolge macht sich im aktuell schwierigen Umfeld diese Schwäche des Geschäftsmodells von Versicherern besonders bemerkbar. In Zeiten, in denen viele Menschen weniger Geld ausgeben könnten, müsse der Nutzen einer Versicherung daher noch deutlicher herausgestellt werden.
Aus Sicht von Allianz-Chef Oliver Bäte besteht die Hauptaufgabe der Versicherer allerdings darin, in diesem schwierigen Umfeld Vertrauen zu schaffen. Gesellschaften funktionieren laut Bäte auf Basis von Vertrauen. Doch in vielen Bereichen der Gesellschaft sei dies in den vergangenen Monaten verloren gegangen. Unternehmen müssten nun ihren Teil dazu beitragen, Lösungen für die Probleme zu finden.
„Es wird mehr von der Wirtschaft erwartet, als unternehmerischen Erfolg rein über finanzielle Indikatoren zu steuern“, sagte der Allianz-Chef. Zukunftsfähig seien Firmen nur, wenn die Kundinnen und Kunden sowie die Belegschaft ihnen auch in diesen schwierigen Zeiten vertrauen könnten.
Für Versicherer ist das keine leichte Aufgabe. Noch immer ist der Ruf der Branche in der Öffentlichkeit eher mäßig. Auch das Image der Allianz bekam zuletzt Kratzer. Durch fehlgeschlagene Hedgefonds-Strategien der US-Tochter AGI hatten Großinvestoren im sogenannten Structured-Alpha-Skandal in der Coronapandemie viel Geld verloren. Hierfür hatte der Konzern milliardenschwere Straf- und Entschädigungszahlungen akzeptiert.
Doch Bäte hält den Fall nun für abgeschlossen. Er betonte, dass die Position der Allianz im diesjährigen Interbrand-Markenranking trotz des US-Skandals weiter gestiegen sei. Er wies zudem darauf hin, dass die Allianz bei internen Untersuchungen zur Kundenzufriedenheit sehr gut abschneide. Dennoch muss er vor allem bei Anlegern und Analysten weiter daran arbeiten, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen: In Analystenstudien wird der US-Skandal immer wieder als Belastungsfaktor genannt.
Kooperationen mit Insurtechs vorantreiben
Einen anderen Schwerpunkt setzt Zurich-Chef Mario Greco: Er hält es für besonders wichtig, die Probleme der Versicherten zu verstehen und sie zu lösen. Neben der persönlichen Betreuung sollten Versicherer noch stärker auf digitale Tools setzen, um etwa die Schadenbearbeitung zu vereinfachen und zu beschleunigen. Der Schweizer Konzern investiere viel, um Kundenprofile zu analysieren und individuelle Angebote zu machen. Zudem arbeite man verstärkt mit Start-ups, im Versicherungsbereich Insurtechs genannt, zusammen.
Das geschieht aus Sicht des Start-up-Investors Carsten Maschmeyer hierzulande noch zu selten. Auch bei den Investments von Versicherern in Insurtechs gebe es in Deutschland im Vergleich zu den USA ein riesiges Nachholpotenzial, sagte der Investor, der mit seinen Fonds unter anderem an Neodigital und Clearcover beteiligt ist.
„Die etablierten Spieler profitieren momentan noch davon, dass Versicherungskunden häufig zu träge sind, um den Anbieter zu wechseln“, so Maschmeyer. Doch wer sich gegen eine Zusammenarbeit mit den Start-ups stemme, werde langfristig Kunden verlieren. In der Anfangsphase hätten sich zwar viele Gründer überschätzt und gedacht, sie könnten Versicherer ersetzen: „Inzwischen gibt es aber viele Insurtechs, die stark datenorientiert arbeiten und der Branche eine wichtige Hilfe sein können.“
Auch David Stachon, der das operative Geschäft des Insurtechs Wefox verantwortet, plädierte für eine stärkere Kooperation. Beim iPhone von Apple würde etwa ein Großteil der Komponenten von der Konkurrenz kommen. Versicherer würden dagegen nahezu alles selbst machen. Wer sich aber auf digitalen Plattformen zusammenschließe, könne sich besser um seine Kunden kümmern – und so Vertrauen schaffen.