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Versicherungen Verbraucherschützer und Lebensversicherer uneins über Zustand der Branche

Der Bund der Versicherten bezeichnet die Lage als dramatisch. Aus Sicht des Versichererverbands GDV muss sich dagegen kein Kunde um seine Lebensversicherung sorgen.
24.06.2021 - 15:50 Uhr Kommentieren
Versicherer müssen genügend Kapital vorhalten, um auch extreme Situationen zu überstehen. Quelle: imago/imagebroker
Versicherungsschein einer Lebenspolice

Versicherer müssen genügend Kapital vorhalten, um auch extreme Situationen zu überstehen.

(Foto: imago/imagebroker)

Frankfurt Der Streit über die Situation der deutschen Lebensversicherer, den sich Verbraucherschützer und Branchenvertreter regelmäßig liefern, geht in eine neue Runde. Als „dramatisch“ bezeichnet Axel Kleinlein, Vorstandssprecher des Bunds der Versicherten (BdV), die Lage. Etwa die Hälfte der Unternehmen erreiche die erforderliche Mindestsolvenz nur mithilfe von Übergangsmaßnahmen oder durch den Griff in die Tasche der Versicherten. Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Versichererverbands GDV, betont hingegen, dass sich kein Kunde Sorgen um seine Lebensversicherung machen müsse: „Die garantierten Leistungen sind gesichert.“

Die konträren Meinungen prallen immer wieder aufeinander, wenn der BdV gemeinsam mit dem Analysehaus Zielke Research Consult die jährliche Solvenzanalyse veröffentlicht. Im Kern geht es um die Finanzstabilität der Lebensversicherer und die Frage, ob die Unternehmen den Verpflichtungen gegenüber ihren Kunden auch in Extremsituationen nachkommen können. Ein Maßstab ist die Solvenzquote. Sie beschreibt das Verhältnis von vorhandenen zu erforderlichen Eigenmitteln. Die Versicherer müssen diese Kennzahl dauerhaft über 100 Prozent halten.

Doch Solvenzquote ist nicht gleich Solvenzquote. Zur Berechnung können die Versicherer entweder eine Standardformel oder ein internes Modell verwenden. Bei der Einführung der Solvency-II-Regeln wurden den Versicherern zudem Übergangsmaßnahmen gewährt, die bis 2032 schrittweise auslaufen. Auch Volatilitätsanpassungen können die Gesellschaften nutzen.

Die Verbraucherschützer fokussieren ihren Blick auf die reinen Solvenzquoten ohne all diese Hilfsmaßnahmen. Das Ergebnis: 20 der 80 untersuchten Versicherer kommen so auf eine Quote von unter 100 Prozent. Der BdV kritisiert zudem, dass die Lebensversicherer Überschüsse, die den Kunden noch nicht zugewiesen wurden, als Eigenmittelersatz nutzen. Ohne diese Kundengelder stünden noch mehr Versicherer vor großen Herausforderungen. Sogar 42 Unternehmen reißen so die Solvenzhürde.

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    Die reine Solvenzquote ohne Kundengelder liegt dem BdV zufolge bei den Lebensversicherern im Schnitt bei 102 Prozent; bei den Run-off-Gesellschaften nur bei 93 Prozent. Etwas besser stehen mit 296 Prozent die Biometrieversicherer da, die sich auf Berufsunfähigkeits- und Risikolebensversicherungen konzentrieren.

    Konsolidierung dürfte sich weiter beschleunigen

    Asmussen vom GDV bezeichnet die Methodik als willkürlich: „Die Solvenzlage der deutschen Lebensversicherer ist nachweislich besser als vom BdV dargestellt.“ Die nach Solvency II berechneten ausgewiesenen Quoten der Versicherer sind indes auch deutlich höher: Wie aus der BdV-Auswertung hervorgeht, kommen Lebensversicherer im Schnitt auf 382 Prozent, Run-off-Anbieter auf 343 Prozent und Biometrieversicherer auf 485 Prozent.

    Dass es bei einigen Versicherern Handlungsbedarf gibt, steht jedoch außer Frage. Gerade im Corona-Jahr 2020 sind die Solvenzquoten bei einigen Versicherern deutlich zurückgegangen. Bereits seit einiger Zeit hat die Finanzaufsicht Bafin auffällige Unternehmen unter „intensivierter Aufsicht“. Die deutschen Lebensversicherer hätten sich in der Niedrigzinsphase als sehr robust erwiesen, teilte die Bafin erst kürzlich dem Handelsblatt mit. Dennoch könne es für den einen oder anderen Lebensversicherer perspektivisch schwierig werden, die Kapitalanforderungen langfristig zu erfüllen.

    Auch andere Versicherungsexperten, die die Solvenzberichte für das Jahr 2020 ausgewertet haben, kamen zu durchwachsenen Einschätzungen, was die Zukunft der Lebensversicherer in der lang anhaltenden Niedrigzinsphase betrifft. „Ob die anstehenden Herausforderungen von allen Anbietern bewältigt werden können, ist eher zweifelhaft“, sagt Reinhard Klages, Chefredakteur des Map-Reports. „Insofern dürfte sich die Konsolidierung am Markt weiter beschleunigen – sei es durch Bestandsübertragungen, Fusionen oder Run-off.“

    Lob gibt es für die Transparenz der deutschen Lebensversicherer

    Erstmals haben BdV und Zielke in ihrer aktuellen Analyse auch die Solvenzberichte der großen Lebensversicherer aus anderen europäischen Ländern durchleuchtet. In einem Punkt verteilen sie ein deutliches Lob an die deutschen Versicherer: Sie seien im Vergleich besonders transparent, betont Carsten Zielke, geschäftsführender Gesellschafter von Zielke Research Consult. Vorreiter sind für ihn vor allem die Alte Leipziger und die Sparkassenversicherung Sachsen.

    Zugleich fordert er die Politik zum Handeln auf. Aktuell müssten Versicherer hohe Solvenzmittel vorhalten, um das Langlebigkeitsrisiko bei Rentenverträgen abzubilden. Das heißt: Versicherer müssen einkalkulieren, dass der Versicherte sehr lang leben könnte und dass sie die Rente bis zu dessen Tod zahlen müssen. Ein Ende des Verrentungszwangs bei Riester- und Rürup-Renten könnte daher die Solvenzquoten erhöhen.

    Außerdem animiert Zielke Versicherer zu einer Änderung der Rechtsform: von einem Unternehmen in Kundenbesitz, etwa einem Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit (VVaG), in eine Aktiengesellschaft. So könnten Versicherer leichter dringend benötigtes Eigenkapital aufnehmen.
    Hier widerspricht mancher Versicherer jedoch vehement. Ihr Gegenargument lautet, dass gerade die Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit in der Vergangenheit viel Eigenkapital aufbauen konnten, weil sie nicht laufend Gewinne an die Aktionäre ausschütten müssen.

    Mehr: Warum die Lebensversicherer beim Thema Kapitalausstattung jetzt schnell handeln müssen

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