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Draghi und die GeldpolitikBreite Front gegen „Quasi-Diktatur“ der EZB

Mario Draghi kämpft mit allen Mitteln gegen den Preisverfall und für mehr Wachstum im Euro-Raum. Für manche Politiker, Ökonomen überspannt der EZB-Chef damit jedoch den Bogen. Auch ein Unternehmerverband rebelliert.Dietmar Neuerer 23.03.2016 - 10:50 Uhr Artikel anhören

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB): Der Notenbank sollen Grenzen aufgezeigt werden.

Foto: dpa

Berlin. Angesichts der extremen Niedrigzinspolitik der EZB ist eine Debatte darüber entbrannt, ob die Kompetenzen der Europäischen Zentralbank beschnitten werden sollen. Auslöser ist die Forderung des FDP-Vorsitzenden Christian Lindner nach eine stärkeren Einmischung der Bundesregierung in die Geldpolitik.

Lindner hatte sich im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom Montag verwundert darüber gezeigt, dass der Präsident der Bundesbank, Jens Weidmann, vernehmbarer sei als Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). „Mehr Unterstützung von Herrn Weidmann durch Herrn Schäuble wäre keine Verletzung der Unabhängigkeit der EZB, sondern eine zwingende Notwendigkeit zum Erhalt der Stabilität im Interesse von Millionen Sparern“, sagte Lindner.

Wie Lindner halten es inzwischen auch Ökonomen und Politiker für geboten, dass der EZB die Grenzen aufgezeigt werden. Der Chef des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, brachte gar eine Neufassung des EZB-Mandats ins Spiel, um die Zentralbank-Aufgaben rechtlich enger zu fassen. Selbst der Präsident des Verbandes Die Familienunternehmer, Lutz Goebel, sieht nunmehr dringenden Handlungsbedarf.

Was die Kritiker der EZB umtreibt, sind die jüngsten geldpolitischen Beschlüsse der Währungshüter. Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hatte kürzlich den Schlüsselsatz zur Geldversorgung der Banken erstmals auf 0,0 Prozent gesenkt. Zudem weiteten die Euro-Wächter den monatlichen Umfang ihrer umstrittenen Anleihenkäufe aus und erhöhten den Strafzins für Banken, wenn diese bei der Notenbank über Nacht Geld parken. Bundesbank-Chef Weidmann war auf der EZB-Ratssitzung nicht stimmberechtigt.

Beschlüsse der EZB am 10. März 2016
Die EZB senkt den Leitzins von 0,05 auf 0,00 Prozent. Der Schritt selbst hat wenig direkte Auswirkungen. Hierbei geht es vor allem um das damit verbundene Signal, dass die EZB entschlossen handelt.
Die EZB senkt den Einlagenzins im Euro-Raum von minus 0,3 auf 0,4 Prozent. Das heißt: Banken, die über Nacht Geld bei der EZB parken, zahlen dafür eine noch höhere Strafe. Damit will die Notenbank die Geldhäuser dazu animieren, mehr Kredite zu vergeben, statt überschüssige Liquidität bei ihr zu horten. Je höher die Strafe, desto stärker der Anreiz, so das Kalkül. Allerdings belastet dies den labilen Bankensektor. Deshalb war im Vorfeld der Ratssitzung auch über eine Staffelung des Einlagezinses diskutiert worden, ähnlich wie in der Schweiz. Dabei würde der negative Einlagenzins erst dann greifen, wenn die bei der Notenbank geparkte Liquidität einer Bank eine bestimmte Obergrenze überschreitet. Draghi hat sich aber gegen ein solches Modfell entschieden. Dies sei in einer Währungsunion mit sehr unterschiedlichen Banken nur schwer umzusetzen, sagte er.
Die EZB weitet das Volumen ihrer monatlichen Anleihekäufe von 60 auf 80 Milliarden Euro aus. Dadurch erhöht sich Gesamtvolumen bis März 2017 um 240 Milliarden auf 1,74 Billionen Euro. Anleihekäufe seien ein Signal, das der Markt versteht, hatte der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding im Vorfeld gesagt.Dieser Schritt galt aber als durchaus umstritten. Für die Deutsche Bundesbank, die eine weitere Lockerung der Geldpolitik kritisch sieht, ist diese Pille schwerer zu schlucken, als die Senkung des Einlagenzinses. Draghi sagte jedoch, der EZB-Rat habe die Maßnahmen mit einer „überwältigenden Mehrheit“ beschlossen. Durch das höhere Volumen stößt die EZB bei ihren Käufen schneller an Grenzen: Ihren selbst auferlegten Regeln zufolge darf sie keine Bonds kaufen, deren Zinsen unter dem Einlagesatz liegen (jetzt minus 0,4 Prozent). Und sie darf auch nicht mehr als 33 Prozent der ausstehenden Anleiheschulden eines Landes erwerben.Bei Anleihen von internationalen Organisationen oder Entwicklungsbanken wie der Europäischen Investitionsbank (EIB) weitet sie dieses Limit nun auf 50 Prozent der ausstehenden Anleihen aus.
Um Knappheit zu verhindern, weitet die EZB außerdem die Auswahl der von ihr gekauften Anleihen aus. Im Dezember hat sie das Sortiment bereits um Anleihen von Regionen und Kommunen im Euro-Raum erweitert. Nun kauft sie außerdem auch von in Euro notierenden Unternehmensanleihen mit gutem Rating (Investment Grade).
Die EZB weitet ihr Programm aus, mit dem sie Banken zu sehr günstigen Konditionen langfristig Geld leiht, wenn sie mehr Kredite vergeben. Ab Juni sollen vier spezielle Kreditlinien – im Fachjargon TLTRO II genannt – für die Finanzinstitute mit einer Laufzeit von vier Jahren aufgelegt werden. Die Kosten orientierten sich am Einlagenzins, den die EZB jetzt auf minus 0,4 Prozent gesenkt hat. Banken können also Geld damit verdienen, sich Geld zu leihen.Bereits seit 2014 bieten die Währungshüter gezielte Geldspritzen an. Sie sollen Geschäftsbanken dazu bewegen, mehr Kredite an Firmen zu vergeben. Allerdings brauchen viele Banken gar nicht mehr Liquidität. Dies hilft deshalb wohl lediglich einigen angeschlagenen Instituten.

Gegenüber den Zeitungen der Funke-Mediengruppe äußerte der Chef der deutschen Notenbank indes Zweifel an der Wirkung der ultralockeren Geldpolitik. Zugleich warnte er vor zunehmenden „Risiken und Nebenwirkungen“. So könnten Blasen an den Finanzmärkten entstehen, Lebensversicherer gerieten zudem in schwieriges Fahrwasser. „Und die Gefahr steigt, dass die Anreize für solides Haushalten untergraben werden und die Notenbank von der Politik vereinnahmt wird“, sagte Weidmann.

Selbst Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) bezog Position, wenn auch nur indirekt. Der Weg des zu leichten Geldes führe „am Ende ins Unglück“, zitierte ihn die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ). Doch wegen der Unabhängigkeit der Notenbank ging er nicht direkt auf einzelne Beschlüsse ein. Am Rande des G-20-Treffens wenige Tage vor der EZB-Entscheidung habe er jedoch erst gesagt, er warte ab, was die EZB entscheide, berichtete die FAZ. Dann habe er noch nachgeschoben: „Ich selbst würde mir natürlich für Deutschland eine andere Geldpolitik ein Stück weit vorstellen können.“

Best of Mario Draghi
„Wir werden von niemandem gedrängt. Wir sind unabhängig. Wir bilden uns unsere eigene Meinung. Das ist es.“ (Draghi bei seiner ersten Pressekonferenz nach seinem Amtsantritt am 3.11.2011 in Frankfurt)
„Die EZB ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir: Es wird genug sein.“(Draghi am 26.7.2012 in London)
„Der EZB-Rat ist sich einig, dass die EZB gegebenenfalls auch weitere unkonventionelle Maßnahmen im Rahmen ihres Mandats einsetzen wird, um die Risiken einer zu langen Periode niedriger Inflationsraten in den Griff zu bekommen.“ (Draghi nach der Sitzung des EZB-Rates am 3.4.2014 in Frankfurt)
„Wir werden nicht zulassen, dass die Inflation zu lange auf zu niedrigem Niveau bleibt.“ (Draghi am 26.5.2014 bei einer EZB-Konferenz im portugiesischen Sintra)
„Das ist ein bedeutendes Maßnahmenpaket. Sind wir schon am Ende? Nein. Wir sind hiermit nicht am Ende, solange wir uns im Rahmen unseres Mandates bewegen.“ (Draghi am 5.6.2014 in Frankfurt nachdem die Notenbank ein ganzes Bündel von Maßnahmen gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche im Euroraum beschlossen hat)
„Wir mussten etwas tun, das ist unsere Pflicht.“ (Draghi am 4.9.2014 in Frankfurt zum EZB-Beschluss, Kreditverbriefungen und Pfandbriefe zu kaufen)
„Ich könnte ein paar Witze dazu erzählen. Aber ich lese einfach noch mal das Eingangsstatement vor. Denn das ist alles, was wir heute sagen können. Und ich vermeide Witze in dieser Sache lieber.“ (Draghi am 22.1.2015 auf die Frage eines Journalisten: „War's das jetzt? War's das - oder können die Leute erwarten, dass die Geldpolitik demnächst noch verschärft wird?“)
„Wir haben den Willen und die Fähigkeit zu reagieren, falls dies notwendig ist.“ (Draghi am 3.9.2015 zu einer möglichen Ausweitung des Anleihenkaufprogramms)
„Unsere Geldpolitik war erfolgreich.“ (Draghi am 9.3.2017 zum Anstieg der Inflation auf zwei Prozent)
„Es gibt nicht mehr das Gefühl, dass das Risiko einer Deflation drängend ist.“(Draghi am 9.3.2017 zum Erfolg seiner expansiven Geldpolitik)

Wesentlicher offener in Richtung EZB äußerte sich Hans Michelbach, Obmann der Unions-Fraktion im Bundestagsfinanzausschuss und Vorsitzender der CSU-Mittelstands-Union. „Die Bundesregierung sollte deutlicher als bisher herausstellen, dass die gegenwärtig anhaltende verdeckte und offene Staatsfinanzierung seitens der EZB nicht mit den europäischen Verträgen vereinbar ist“, sagte Michelbach dem Handelsblatt. Eine solche Positionierung sei kein Eingriff in die Unabhängigkeit der Zentralbank, sondern ein Beharren auf abgeschlossene Verträge.

„Mit ihren Anleiheaufkäufen füttert die EZB Börsenzocker und Reformverweigerer, dafür müssen Sparer und verantwortungsvolle Bürger, die private Vorsorge betreiben, mit Eigentumseinbußen zahlen“, kritisierte Michelbach und fügte hinzu: „Was die EZB hier treibt, ist nicht nur zutiefst unsozial, es verfehlt auch immer stärker erkennbar die selbst gesetzten Ziele.“

Scharfe Kritik kommt auch vom Generalsekretär des CDU-Wirtschaftsrats, Wolfgang Steiger. „Die EZB bewegt sich gefährlich nah an der Grenze der Akzeptanz“, sagte Steiger dem Handelsblatt. Die gefährlichen Nebenwirkungen ihre Geldpolitik ließen sich längst nicht mehr schönreden. „Die perpetuierte Manipulation des Zinses setzt vollkommen falsche Anreize und verhindert eine heilsame Disziplinierungswirkung“, kritisierte Steiger. Auch die „fatalen“ Folgen der Niedrigzinspolitik für die Sparer in Deutschland würden „auf schmerzhafte Weise“ sichtbar. „Altersvorsorgepläne drohen im großen Stil zur Makulatur zu werden - das ist gesellschaftlicher Sprengstoff“, warnte der CDU-Mann.

Steiger befürchtet zudem, dass der EZB-Chef Mario Draghi mit seiner Politik des billigen Geldes die gesamte Zentralbank in Misskredit bringen könnte. „Egal wie weit wir den Geldhahn noch aufdrehen, auch künftig werden sich wirtschaftspolitische Probleme nicht mit geldpolitischen Maßnahmen überdecken lassen“, warnte er. „Durch die schnellen und zunehmend erfolglosen Schüsse, die die EZB abfeuert, droht sie jedoch ihr kostbarstes Gut zu verlieren: Vertrauen.“

Der Vize-Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Carsten Schneider, betonte indes im Gespräch mit dem Handelsblatt, dass die EZB geldpolitisch intervenieren dürfe, wenn das Inflationsziel nicht erreicht werde. Dies sei der Fall. Sie sei zudem geldpolitisch für alle Euro-Staaten zuständig.

„Wirtschaftspolitik ist aber Sache von gewählten Regierungen, die bislang nicht hinreichend im Stande sind, die südlichen Staaten der Euro-Zone auf Wachstums- und Beschäftigungskurs zurückzuführen“, fügte der SPD-Politiker hinzu. „Das wäre eine echte und notwendige Alternative zur Politik der EZB, denn die Einzelmaßnahmen werden in der Tat zunehmend fragwürdiger und schieben eine Rückkehr zu normaler Geldpolitik in weite Ferne.“ Bliebe die EZB bei ihrem Kurs, so schätzt Schneider, würden die Auswirkungen weit mehr Bereiche betreffen als die Zinsen auf Sparguthaben.

Was hinter dem „Helikoptergeld“ steckt
Die Idee ist denkbar einfach: Man muss nur im großen Stil Geld unter der Bevölkerung verteilen, schon kommt die Wirtschaft durch den Geldregen in Schwung und die Inflation zieht an. Was zunächst wie ein Scherz klingt, wird aktuell in Finanzkreisen ernsthaft diskutiert.
Nein, das reine Verschenken von Geld wurde von führenden Notenbanken noch nicht in die Tat umgesetzt. Während der Finanzkrise 2008 verteilte die US-Regierung zwar Steuergutschriften an Privathaushalte. Allerdings gibt es einen Unterschied zum „Helikoptergeld“: Die US-Notenbank verschenkte in der Krise kein Geld, sondern sicherte ihre Geldschwemme über den Kauf von Wertpapieren ab. Ähnlich geht zurzeit die EZB vor. Werden einmal gekaufte Wertpapiere wieder verkauft oder fällig, fließt das Geld zurück zur Notenbank. Dies wäre bei „Helikoptergeld“ nicht der Fall.
Notenbankchef Mario Draghi versicherte zwar, dass innerhalb des EZB-Rates nicht ernsthaft über die Idee des „Helikoptergeldes“ gesprochen wurde. Auf der Pressekonferenz nach der jüngsten Zinsentscheidung der Notenbank hatte er aber auf die Frage eines Journalisten die Idee nicht rundweg abgelehnt, sondern als „ein sehr interessantes Konzept“ bezeichnet. Etwas konkreter wurde EZB-Chefvolkswirt Peter Praet. In einem Interview mit der Zeitung „La Repubblica“ stellte der Vordenker der EZB klar, dass theoretisch alle Notenbanken dieses „extreme Instrument“ einsetzen könnten. Es stelle sich nur die Frage, ob und wann der Einsatz Sinn mache.
So einfach das Konzept in der Theorie wirkt, so schwierig wäre die Umsetzung. Zunächst einmal hat die EZB nicht die Kontonummern der etwa 337 Millionen Bürgern der Eurozone, um das Geld zu überweisen. Allein an der Zahl der Konten zeigt sich die bürokratische Herkules-Aufgabe, die mit einer solchen Maßnahme verbunden wäre. Schwierig wird es auch aus bilanztechnischen Gründen. Bisher gilt das Prinzip: Frisches EZB-Geld gibt es nur gegen Sicherheiten als Gegenleistung. Wenn die EZB das Geld aber einfach verschenken würde, dann stellt sich die Frage: Wie soll das verbucht werden? Nach Einschätzung von Commerzbank-Experte Michael Schubert wäre das Auszahlen von „Helikoptergeld“ unter dem Strich nur indirekt über die Euroländer denkbar. „De facto würde die EZB den Euroländern also eine Art Kredit gewähren“, erklärt Schubert.
Zu den Kritikern einer solchen Maßnahme zählt Bundesbankchef Jens Weidmann: „Ob und wie Geld an die Bürger verschenkt wird, ist eine hochpolitische Entscheidung, die Regierungen und Parlamente fällen müssen“, sagte Weidmann in einem Interview mit der Funke-Mediengruppe. Hier habe die EZB einfach kein Mandat. Schon die bisher beschlossenen Maßnahmen werden nach Einschätzung von Weidmann schwächer in der Wirkung, je länger sie dauern, während Risiken und Nebenwirkungen der lockeren Geldpolitik zunähmen. Aber auch unter Volkswirten ist das Konzept höchst umstritten. Der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding, bezeichnet die Idee des „Helikoptergeldes“ schlichtweg als „Quatsch“. Es würde die Illusion nähren, die Notenbank könne für die Bürger einfach immer mehr Geld drucken und damit die Probleme lösen. Politisch würde man damit in Europa einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen, meint Schmieding.
Das ist eher unwahrscheinlich. Auch wenn immer mehr Experten warnen, dass die Möglichkeiten der EZB im Kampf gegen die niedrige Inflation ausgeschöpft seien, sieht sich die Notenbank selbst noch lange nicht am Ende ihrer Möglichkeiten. Sollten am Konjunkturhimmel wieder düstere Wolken aufziehen und große Eurostaaten wie Frankreich oder Italien stärker unter Druck geraten, dann verfüge die EZB immer noch über genügend Munition, versicherte jüngst EZB-Chefvolkswirt Praet in einem Interview. Ganz ähnlich äußerte sich zuletzt auch EZB-Direktor Benoît Coeuré.


EZB-Krisenkurs unter Draghi in Zitaten
„Wir werden von niemandem gedrängt. Wir sind unabhängig. Wir bilden uns unsere eigene Meinung. Das ist es.“ (Draghi bei seiner ersten Pressekonferenz nach seinem Amtsantritt am 3.11.2011 in Frankfurt)
„Die EZB ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir: Es wird genug sein.“(Draghi am 26.7.2012 in London)
„Der EZB-Rat erwartet, dass die Zinssätze der EZB für einen längeren Zeitraum auf dem aktuellen Niveau oder darunter bleiben werden.“ (Draghi legt sich nach der EZB-Sitzung vom 4.7.2013 erstmals in der Geschichte der Notenbank auf künftige Zinsentscheidungen fest)
„Wenn wir Deflation verstehen als einen weit verbreiteten Verfall von Preisen in vielen Warengruppen und in mehreren Ländern - das sehen wir nicht.“ (Draghi am 7.11.2013 nach der Senkung des Leitzinses von 0,5 Prozent auf 0,25 Prozent)
„Ich bin sehr bewegt von Helmut Schmidts Worten und sollte dafür wirklich dankbar sein. Komplimente sind Mangelware in diesen Tagen.“ (Draghi am 7.11.2013 in Hamburg bei einer Diskussion mit dem Altkanzler. Schmidt hatte gesagt, auf Draghi könne man sich verlassen)
„Der EZB-Rat ist sich einig, dass die EZB gegebenenfalls auch weitere unkonventionelle Maßnahmen im Rahmen ihres Mandats einsetzen wird, um die Risiken einer zu langen Periode niedriger Inflationsraten in den Griff zu bekommen.“ (Draghi nach der Sitzung des EZB-Rates am 3.4.2014 in Frankfurt)
„Wir werden nicht zulassen, dass die Inflation zu lange auf zu niedrigem Niveau bleibt.“ (Draghi am 26.5.2014 bei einer EZB-Konferenz im portugiesischen Sintra)

Gleichwohl nannte es der SPD-Politiker mehr als verwunderlich, dass ausgerechnet die FDP eine Einmischung der Politik bei der EZB fordere. „Während sie von 2009 bis 2011 im Bund regierte, hat die EZB für die gesamte Euro-Zone die Kohlen aus dem Feuer geholt und Zeit verschafft, weil sich Frau Merkel und Herr Schäuble mit den anderen Staaten auf keine ökonomisch klugen Maßnahmen verständigen konnten“, erinnerte Schneider.

Auch die Grünen sehen die Anti-EZB-Haltung der FDP kritisch. „Es ist bemerkenswert, dass FDP-Chef Lindner den Finanzminister auffordert, sich aktiv in die Auseinandersetzung um die richtige Geldpolitik einzumischen, die innerhalb der EZB stattfindet“, sagte der finanzpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Gerhard Schick, dem Handelsblatt. „Eine liberale Wirtschaftspolitik sollte die Unabhängigkeit der Zentralbank respektieren.“ Da habe sich Lindner in seinem Versuch, die „populäre Kritik“ an der EZB aufzugreifen, „vergaloppiert“.

Schick sieht einerseits zwar, dass die Zentralbank ihrem von der Politik gegebenen Auftrag, für Preisstabilität zu sorgen, folge und dafür Kritik einstecken müsse. Andererseits ist auch er der Auffassung, dass man die immer weitere Ausweitung der geldpolitischen Maßnahmen „mit Sorge“ sehen müsse, weil sie Vermögen von unten nach oben verteile und die Stabilität am Finanzmarkt gefährde.

EZB-Krisenkurs unter Draghi in Zitaten - Teil 2
„Das ist ein bedeutendes Maßnahmenpaket. Sind wir schon am Ende? Nein. Wir sind hiermit nicht am Ende, solange wir uns im Rahmen unseres Mandates bewegen.“ (Draghi am 5.6.2014 in Frankfurt nachdem die Notenbank ein ganzes Bündel von Maßnahmen gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche im Euroraum beschlossen hat)
„Die Zinssätze, die wir festlegen, gelten für Banken, nicht für die Menschen. Die Behauptung, wir wollten Sparer enteignen, ist völlig falsch.“ (Draghi am 5.6.2014 nach der Sitzung des EZB-Rates in Frankfurt)
„Wir mussten etwas tun, das ist unsere Pflicht.“ (Draghi am 4.9.2014 in Frankfurt zum EZB-Beschluss, Kreditverbriefungen und Pfandbriefe zu kaufen)
„Es gab aus unserer Sicht wenig Zweifel, dass wir handeln sollten.“ (Draghi am 22.1.2015 zum Beschluss der Notenbank, ab März monatlich 60 Milliarden Euro in Staatsanleihen und anderen Wertpapieren zu stecken - insgesamt gut 1,1 Billionen Euro bis September 2016)
„Ich könnte ein paar Witze dazu erzählen. Aber ich lese einfach noch mal das Eingangsstatement vor. Denn das ist alles, was wir heute sagen können. Und ich vermeide Witze in dieser Sache lieber.“ (Draghi am 22.1.2015 auf die Frage eines Journalisten: „War's das jetzt? War's das - oder können die Leute erwarten, dass die Geldpolitik demnächst noch verschärft wird?“)
„Wir haben den Willen und die Fähigkeit zu reagieren, falls dies notwendig ist.“ (Draghi am 3.9.2015 zu einer möglichen Ausweitung des Anleihenkaufprogramms)

„Richtig ist allerdings“, betonte Schick, „dass Schäuble für die Lage an den Finanzmärkten und die niedrigen Zinsen Verantwortung trägt und dringend etwas tun sollte.“ Allerdings nicht, wie der Grünen-Politiker unterstreicht, indem er sich in die Geldpolitik einmischt, sondern vielmehr, indem er diese durch „gute Wirtschaftspolitik“ entlastet. „Denn die Bundesregierung zwingt die EZB zu ihren drastischen Maßnahmen, weil sie beim Thema Investitionen kläglich versagt.“

Ohne Stärkung der Investitionen, ist Schick überzeugt, werde die Nachfrage nach Krediten niedrig bleiben und deshalb auch der Zins. Der sogenannte Juncker-Fonds, der 315 Milliarden Euro an Investitionen lostreten soll, entfalte keine Wirkung, weil Berlin diese Initiative ausbremse. Dabei bestehe insbesondere in Deutschland großer Investitionsbedarf für Instandhaltung der Infrastruktur, für bessere Bildung, Klimaschutz und die Integration der Flüchtlinge. Und private Firmen brauchten glaubwürdige, stabile Rahmenbedingungen für ihre Zukunftsinvestitionen. „Das Kapital ist da“, so Schick. „Was fehlt, sind Investitionen. Da ist Schäuble gefragt.“

Die Vorsitzende der Linksfraktion, Sahra Wagenknecht, schob Schäuble indes eine Mitverantwortung für Draghis Niedrigzinspolitik zu. Letztlich sei das Vorgehen des Zentralbankchefs nur die Konsequenz des Versagens der Politik, die seit 2008 in Europa schwelende Euro- und Schuldenkrise durch vernünftige politische Gegenmaßnahmen zu überwinden. „Insofern kann man fest davon ausgehen, dass Draghi mit Schäubles stiller Unterstützung handelt“, sagte Wagenknecht dem Handelsblatt.

Für die Linksparteipolitikerin stellen die Negativzinsen faktisch eine Vermögenssteuer für die kleinen Leute dar. „Die einzige Alternative dazu wäre eine europaweite echte Vermögenssteuer für Multimillionäre und eine Zentralbank, die mit ihren Milliarden nicht marode Banken sondern öffentliche Investitionsprogramme finanziert und so Nachfrage und Wachstum im Euro-Raum ankurbelt“, sagte Wagenknecht. Da die Politik aber „zu feige“ sei, die Weichen in diese Richtung zu stellen und dadurch den Schuldenüberhang zu beseitigen, lasse sie Draghi gewähren, der die Lasten auf die Kleinsparer abwälze und die Ungleichheit weiter erhöhe. „Solange das so bleibt, werden Stagnation und hohe Arbeitslosigkeit in den Krisenländern ebenso wie hohe private und öffentliche Schulden kaum zu überwinden sein.“

Der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, plädierte dafür, der EZB die Grenzen aufzuzeigen, indem man ihre Aufgaben neu definiert. Die „übergriffige Interpretation“ des EZB-Mandats sei nicht länger tolerierbar. „Daher sollte die Bundesregierung eine Neufassung und Präzisierung des rechtlichen Rahmens verlangen, innerhalb dessen die EZB agieren kann“, sagte Sinn dem Handelsblatt.

Eine solche Neufassung sollte nach Sinns Vorstellung vorsehen, dass die Stimmrechte der nationalen Notenbanken nach den Haftungsanteilen gewährt und die Target-Salden (Target ist das System für grenzüberschreitende Zahlungen zwischen den Notenbanken im Euro-Raum) jährlich mit Gold getilgt werden, wie es bis 1975 zwischen den Distrikt-Zentralbanken der USA der Fall war. Zudem fordert Sinn eine Sperrminorität im EZB-Rat für solche Zentralbank-Maßnahmen, die zu einer Umverteilung von Vermögen zwischen den Staaten der Euro-Zone führen können.

„Es geht nicht an, dass die EZB-Politik nun schon seit Jahren im Widerspruch zu den Meinungen der Bundesbank steht und die Bundesregierung als Vertreterin des größten Landes der Euro-Zone dem tatenlos zusieht“, sagte der Ifo-Chef. „Wenn Regeln nicht funktionieren, muss man sie ändern.“

Die Unabhängigkeit der EZB hält zwar auch Sinn für ein hohes Gut. „Indes hat die EZB diese Unabhängigkeit missbraucht und sich quasi-diktatorische Vollmachten herausgenommen“, kritisierte der Ökonom. „Sie hat sich zu einer Bail-out-Maschinerie zu Lasten der Steuerzahler der noch gesunden Länder der Euro-Zone entwickelt, die weit über ihr Mandat und das international Übliche hinausgeht.“ Für ihre Politik der „asymmetrischen Geld- und Kreditversorgung“, die durch die Target-Salden gemessen wird, gebe es in den USA keine Parallelen, gab Sinn zu bedenken. „Ebenso fehlt in den USA jegliche Parallele zu den asymmetrischen Staatspapierkäufen aus einzelnen Krisenländern sowie zu der unbegrenzten Deckungszusage, die sie den Käufern der Staatspapiere der Krisenländer gewährt hat.“

Der Präsident des Bayerischen Finanzzentrums, Wolfgang Gerke, warf der deutschen Politik sogar vor, ihre Repräsentanten in der Bundesbank und der EZB „sträflich“ im Regen stehen gelassen zu haben. Erstklassige Spezialisten der Geldpolitik wie der Ex-Bundesbankchef Axel Weber und der Ex-EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark hätten deshalb „resigniert ihre Ämter zur Verfügung gestellt“, sagte Gerke dem Handelsblatt. „Das Versagen der deutschen Politik bezahlt jetzt der Sparer. Die betriebliche Altersvorsorge droht zu scheitern und die manipulierten Märkte stehen vor der nächsten Finanzkrise.“

Ähnlich hart fällt auch das Urteil des Chefvolkswirts der Commerzbank, Jörg Krämer, aus. „Die fehlende Lenkungsfunktion des Zinses, das Risiko von Immobilienblasen, Reformstau, Interventionsspiralen, Probleme bei der Altersvorsorge – die Niedrigzinspolitik der EZB schadet weit mehr als sie nutzt“, sagte Krämer dem Handelsblatt. „Und wenn sie Nutzen stiftet, dann vor allem für die Finanzminister der hoch verschuldeten Länder im Süden der Währungsunion.“

Insofern habe der FDP-Vorsitzende absolut Recht, wenn er die Geldpolitik der EZB kritisiere. „Allerdings“, fügte Krämer hinzu, „wäre es kontraproduktiv, wenn sich die Bundesregierung öffentlich in die Geldpolitik einmischte.“ Denn dann, glaubt der Volkswirt, würden die anderen Regierungen dasselbe tun. „Und die Mehrheit der Regierungen befürwortet die lockere Geldpolitik der EZB, weil sie ohne die Negativzinsen der EZB viel mehr Zinsen für ihre Staatsschulden zahlen müssten.“ Außerdem setzten sie auf einen schwachen Euro, der ihren Volkswirtschaften kurzfristig Entlastung verschaffe. „Am Ende“, so Krämers Prognose, „würde der politische Druck auf die EZB noch größer werden.“

Familienunternehmern ist die EZB-Politik schon seit dem grenzenlosen Ankaufprogramm von Staatsanleihen (OMT) ein Dorn im Auge – obwohl das Programm nie eingesetzt wurde. Seine bloße Existenz aber sollte reichen, um die Zinsbelastung von Euro-Krisenländern wie Spanien, Portugal, Irland und Italien zu senken.

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Für den Präsidenten des Familienunternehmer-Verbands, Lutz Goebel, ist der Fall aber klar: Die EZB handle spätestens seit der Ankündigung des OMT-Programms nicht auf Grundlage ihres Mandats und somit nicht im Rahmen der europäischen Verträge. „Die EZB schaltet nicht nur mit aller Macht die Zinsen aus, sie schafft auch die Risiken für die Krisen von morgen“, sagte Goebel dem Handelsblatt.

Der Unternehmer sieht daher nun die Politik am Zug, dem Treiben Einhalt zu gebieten. „Die Initiative gegen die fehlgeleitete Geldpolitik außerhalb der EU-Verträge muss von Deutschland ausgehen – die Reformverweigerer im Euro-Raum ruhen sich auf ihrer Mehrheit aus und wollen endlos Geld ohne Zinsen“, sagte Goebel und fügte hinzu: „Die deutsche Politik kann nicht tatenlos zusehen.“

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