Inflation: Inflation zieht wieder an – dritte Zinssenkung fraglich
Frankfurt. Ein etwas stärkerer Preisauftrieb mahnt die Europäische Zentralbank (EZB) zu Vorsicht bei der im Juni angelaufenen Zinswende. Der leichte Anstieg der Inflation im Juli spricht Experten zufolge zwar nicht gegen eine weitere Zinssenkung im September. Eine dritte Zinssenkung, die mehrheitlich für Dezember erwartet wird, erscheint indes fraglich.
Der Preisdruck im Euro-Raum hat im Juli überraschend angezogen. Die Verbraucherpreise stiegen um 2,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, wie aus einer ersten Schätzung des europäischen Statistikamts Eurostat am Mittwoch hervorgeht. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Volkswirte hatten hingegen damit gerechnet, dass die Teuerungsrate bei 2,5 Prozent verharrt.
Daten aus Deutschland deuteten bereits darauf hin, dass die Inflation etwas höher als erwartet liegen könnte: Hierzulande sind die Verbraucherpreise im Juli laut Statistischem Bundesamt um 2,6 Prozent gestiegen und somit ebenso etwas stärker als im Juni.
Die Kerninflation, bei der die schwankungsanfälligen Posten etwa für Energie und Lebensmittel herausgerechnet werden, lag im Juli konstant bei 2,9 Prozent. Die Europäische Zentralbank (EZB) verfolgt dieses Inflationsmaß genau, da es zugrundeliegende Preistrends gut abbildet. Die Preise für Dienstleistungen, die die EZB ebenfalls besonders im Blick hat, stiegen um 4,0 Prozent nach 4,1 Prozent im Juni.
Die Notenbank trifft sich wieder im September zu ihrer nächsten Zinssitzung. Nachdem sie im Juni die Zinsen gesenkt hatte, hielt sie das Niveau bei der Folgesitzung im Juli konstant. Ob sie die Zinsen im September erneut antasten, ließen die Verantwortlichen offen.
Zu diesem Zeitpunkt werden aktualisierte Prognosen zur Entwicklung der Konjunktur und der Inflation vorliegen. Zudem wird es bis dahin mehr Informationen zum Wachstum der Gehälter und Unternehmensprofite in der Euro-Zone geben. Die Notenbanker setzen darauf, dass sich beides abschwächt, um die Zinswende fortsetzen zu können.
Bundesanleihen geben nach
Auf die Kerninflation ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise schlagen die Preiserhöhungen bei Dienstleistern besonders stark durch. „Gerade die hohe Lohnkomponente bei den Dienstleistungen spricht für weiterhin relativ hohe Preissteigerungsraten“, sagt Ulrike Kastens, Volkswirtin der DWS. Gleichwohl rechnet sie unverändert mit einer Zinssenkung im September.
Das gilt auch für Kamil Kovar von der Ratingagentur Moody’s Analytics. Die Daten sähen auf den ersten Blick schlechter aus, als sie seien. Kovar gibt allerdings zu bedenken, dass in der jetzigen Phase schon kleinere Bewegungen den Ausschlag für oder gegen Zinssenkungen geben könnten. Eine weitere Zinssenkung im Dezember ist für Kovar daher „zunehmend fraglich“.
Den Finanzmärkten lässt sich solche Skepsis eher nicht entnehmen. Händler an den Zins-Terminmärkten preisen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zwei weitere Zinssenkungen bis Ende des Jahres ein. Die Rendite von Bundesanleihen bewegt sich auf dem niedrigsten Niveau seit Monaten.
Für Bonds mit zweijähriger Laufzeit gibt es aktuell 2,53 Prozent, so wenig wie zuletzt Anfang Februar. Zehnjährige Bundesanleihen rentieren mit 2,32 Prozent und nähern sich somit dem Niveau von Anfang April. Darin kommt die Erwartung zum Ausdruck, dass die Leitzinsen nach und nach sinken werden: Denn der maßgebliche EZB-Leitzins, der Einlagesatz für Banken, liegt seit der ersten Zinssenkung bei 3,75 Prozent.
EZB: Kritik am Inflationsziel
Das Inflationsziel der EZB liegt bei zwei Prozent. Den aktuellen Prognosen zufolge erreichen die Währungshüter dieses Niveau spätestens Ende des kommenden Jahres.
Der jetzige leichte Anstieg der Inflation dürfte dem nicht zwangsläufig entgegenstehen. Sollte es in den kommenden Monaten allerdings weitere Rückschläge dieser Art geben und der allgemeine Trend sinkender Teuerungsraten zum Erliegen kommen, dürften mehr Zweifel an der Rückkehr zum Zielniveau aufkommen.
Das Zwei-Prozent-Ziel wird immer mal wieder infrage gestellt. So sagte mit Olivier Blanchard einer der namhaftesten Ökonomen im Interview mit dem Handelsblatt in dieser Woche: „Ein Inflationsziel von drei Prozent wäre sinnvoller. Darüber sollte man sprechen, wenn die Inflation abgehakt ist, im Rahmen einer neuen Strategie.“ EZB-Chefin Christine Lagarde hat das während ihrer Amtszeit bis Oktober 2027 ausgeschlossen.
Die Inflation entwickelt sich innerhalb der Euro-Zone uneinheitlich. Das macht die Aufgabe für die Entscheidungsträger im EZB-Rat, von denen die meisten aus den 20 Euro-Ländern kommen, komplizierter. So ist die Inflation in Frankreich wie hierzulande im Juli von 2,5 Prozent auf 2,6 Prozent gestiegen. Das war anders als in Deutschland erwartet worden, weil in Frankreich seit dem 1. Juli höhere Gaspreise gelten.
Dagegen ist der Preisdruck in anderen Ländern gesunken. In Spanien fiel der Rückgang von 3,6 Prozent auf 2,9 Prozent besonders kräftig aus, was in erster Linie an gesunkenen Strompreisen liegt.
In Österreich ist die Rate leicht auf 2,9 Prozent gesunken. Österreichs Finanzminister Magnus Brunner sagt: „Die Inflationsrate nähert sich kontinuierlich dem Zielwert der EZB.“ Auch der Unterschied zu Deutschland werde geringer. „Beim HVPI ist nur noch ein Unterschied von 0,3 Prozentpunkten zu verzeichnen.“ Der Harmonisierte Verbraucherpreiseindex (HVPI) ist eine EU-weit einheitliche Rechnung, die einen Vergleich zwischen den Staaten ermöglicht.
Der Blick nach Österreich ist momentan von besonderem Interesse, weil der Notenbankchef des Landes als Einziger die erste Zinssenkung im Juni nicht mitgetragen hat. Der Präsident der Österreichischen Nationalbank, Robert Holzmann, begründete sein Veto seinerzeit mit verschlechterten Inflationsaussichten. Dass einzelne EZB-Ratsmitglieder ausscheren, ist eher unüblich.
In Italien wiederum, wo die Rate im gesamten ersten Halbjahr deutlich unter dem EZB-Inflationsziel lag, hat sich der Preisdruck wieder verschärft. Die Inflation ist von 0,9 Prozent im Juni auf 1,7 Prozent angestiegen – und damit auf den höchsten Stand seit November 2023. Die Kerninflation hat sich ebenfalls merklich erhöht, von 2,1 auf 2,6 Prozent und somit auf den höchsten Stand seit Februar.