Geldpolitik: Der Streit um Zinsen und Inflation hat die Machtbalance in der EZB verschoben und Lagarde geschwächt
Am Donnerstag berät der Rat der Notenbank über eine weitere Zinserhöhung und eine mögliche Reduktion des Anleihebestands.
Foto: HandelsblattFrankfurt. In der Europäischen Zentralbank (EZB) herrscht wieder einmal Streit. Dieses Mal ist es aber nicht der Rat der Notenbank, der hitzig diskutiert, es sind empörte Mitarbeiter, die für Unruhe im EZB-Hauptquartier sorgen. Wegen der stark gestiegenen Inflation fordern die Angestellten der Notenbank höhere Löhne. Die Situation ist nicht ohne Ironie, denn EZB-Präsidentin Christine Lagarde warnt immer wieder vor einer Lohn-Preis-Spirale, also einer Situation, in der sich höhere Löhne und Preise immer weiter nach oben schaukeln.
Der Vizechef der EZB-Gewerkschaft Ipso, Carlos Bowles sieht das völlig anders: „Mit solchen Aussagen wird die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer insgesamt geschwächt.“ Er fasst mit einem einzigen Satz die gesamte Kritik zusammen, die sich die EZB seit ihrer Fehleinschätzung der Inflationsgefahren gefallen lassen muss: „Letztes Jahr wurde uns gesagt, wir sollten geduldig sein, da die Inflation nur vorübergehend sein werde, und jetzt liegt sie bei zehn Prozent, und wir verlieren noch mehr.“
Der interne Konflikt ist ein weiteres Indiz für die schwierige Situation, in die sich die Notenbank manövriert hat: Im Dezember vergangenen Jahres noch hatte EZB-Präsidentin Christine Lagarde erklärt, die Inflation werde laut den eigenen Prognosen 2023 wieder unter zwei Prozent sinken. Damals bezeichnete sie eine Zinserhöhung in diesem Jahr als „sehr unwahrscheinlich“.