Geldpolitik: EZB-Vize de Guindos: Keine Schätzungen zum endgültigen Niveau der Zinsen
Im August lag die Inflation angeheizt durch den Energie-Preisschub im Zuge des Ukraine-Kriegs bei 9,1 Prozent.
Foto: ReutersFrankfurt, Paris. Die Europäische Zentralbank (EZB) lässt die Frage nach der endgültigen Höhe der Zinsen bei ihrem eingeleiteten Straffungskurs bislang offen. „Innerhalb des EZB-Rats haben wir keine Schätzungen zum Endzins, dem Höchstniveau, auf das die Zinsen steigen könnten“, sagte EZB-Vizepräsident Luis de Guindos in einem am Freitag veröffentlichten Interview der portugiesischen Wochenzeitung „Expresso“.
Das gelte auch für den neutralen Zinssatz – dem Zinssatz, der die Wirtschaft bei Vollbeschäftigung mit stabiler Inflation ins Gleichgewicht bringe. „Wir haben nichts entschieden“, fügte er hinzu. Weitere Zinsanhebungen könnten in den nächsten Monaten kommen.
Die Abkühlung der Wirtschaft werde nicht ausreichen, um die Inflation einzudämmen, sagte der Stellvertreter von EZB-Präsidentin Christine Lagarde. „Wir müssen die Normalisierung der Geldpolitik fortsetzen. Jeder muss das verstehen.“ Die Kräfte, die hinter der konjunkturellen Verlangsamung stünden, ähnelten sehr den Kräften, die die Inflation in die Höhe treiben.
Die Abschwächung der Wirtschaft werde zwar den Nachfragedruck verringern, was wiederum die Inflation senken werde. Aber gleichzeitig müsse aus geldpolitischer Sicht gehandelt werden, damit die Inflationserwartungen in der Spur blieben und keine weiteren negativen Effekte eintreten.
EZB-Präsidentin Lagarde gibt Preisstabilität Vorrang vor Wachstum
Die Europäische Zentralbank muss aus Sicht von Notenbank-Präsidentin Christine Lagarde angesichts der Rekordinflation handeln, auch wenn dadurch das Wirtschaftswachstum gebremst werden sollte. Bei der Festlegung der Geldpolitik habe die Notenbank alle Faktoren zu berücksichtigen, die die Inflation beeinflussten, sowie die Risiken für das Wirtschaftswachstum, sagte Lagarde am Freitag in Paris auf einer Veranstaltung mit Oberschülern.
Die EZB müsse aber reagieren. „Wird das das Wachstum dämpfen?“, fragte sie. „Das ist möglich, aber das Risiko müssen wir eingehen“, erläuterte sie. Denn Preisstabilität sei eine fundamentale und prinzipielle Angelegenheit.
Die EZB strebt zwei Prozent Teuerung als Idealwert für die Wirtschaft in der Euro-Zone an. Im August lag die Inflation allerdings angeheizt durch den Energie-Preisschub im Zuge des Ukraine-Kriegs bei 9,1 Prozent. Die Notenbank hatte deshalb vergangene Woche die Zinsen um ungewöhnlich kräftige 0,75 Prozentpunkte erhöht. Es war die stärkste Zinsanhebung seit Einführung des Euro-Bargelds 2002. EZB-Präsidentin Lagarde hatte weitere Zinsschritte nach oben in Aussicht gestellt.