Geldpolitik: Inflationsrate auf tiefstem Stand seit zwei Jahren
Die Notenbank hat die Zinsen zuletzt zehn Mal in Folge erhöht.
Foto: IMAGO/Political-MomentsDüsseldorf, Frankfurt. Die Inflation im Euro-Raum ist im September überraschend deutlich gefallen. Die Verbraucherpreise stiegen um 4,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, wie das europäische Statistikamt Eurostat am Freitag auf Basis einer ersten Schätzung mitteilte. Es ist der niedrigste Wert seit Oktober 2021, das deutet auf die erste Zinspause seit Sommer 2022 hin.
Volkswirte hatten im Vorfeld mit einer Rate von 4,6 Prozent gerechnet. Im August lag die Teuerungsrate bei 5,2 Prozent.
In die gewünschte Richtung bewegte sich auch die Kerninflation, in der die schwankungsanfälligen Energie- und Lebensmittelpreise sowie Alkohol und Tabak ausgeklammert bleiben. Sie sank auf 4,5 Prozent (August: 5,3 Prozent). Auch hier lag die Prognose im Vorfeld mit 4,8 Prozent wesentlich höher.
Dies dürfte „eine Mehrheit der EZB-Ratsmitglieder mit Freude zur Kenntnis nehmen“, urteilte Commerzbank-Analyst Christoph Weil. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Bank, meint daher: „Der Leitzins steigt wohl nicht weiter.“
Die Kerninflation gilt als wichtiges Inflationsmaß für den mittelfristigen Preistrend. Sie ist ein Indikator für Zweitrundeneffekte, also für Preiserhöhungen in Reaktion auf gestiegene Kosten, etwa für Energie oder Personal. Das wiederum signalisiert, wie sich höhere Preise in der Breite festsetzen.
Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW, kommentiert: „Der Rückgang der Inflationsrate geht zum Herbstbeginn wieder schneller vonstatten. Das dürfte sich im Oktober fortsetzten und die Gesamtteuerung in die Nähe von drei Prozent drücken.“
Nach ihrer Meinung ist der Preisdruck aber nach wie vor zu hoch. Sie warnt daher: „Eine zu frühe Lockerung der Geldpolitik wäre kontraproduktiv und würde das Risiko einer zweiten Inflationswelle erhöhen.“ Köhler-Geib rechnet damit, dass die Leitzinsen für eine längere Phase auf dem aktuellen Niveau bleiben.
EZB: Nächste Ratssitzung am 26. Oktober
Die EZB erachtet eine Teuerungsrate von zwei Prozent als optimal. Sie hat im Kampf gegen die hartnäckige Teuerung die Zinsen seit dem Sommer 2022 zehn Mal in Folge angehoben. Der am Finanzmarkt maßgebliche Einlagensatz, den Banken erhalten, wenn sie überschüssiges Geld bei Notenbanken verwahren lassen, liegt mittlerweile bei 4,00 Prozent. Der Leitzins beträgt 4,5 Prozent.
Die vielen Schritte zeigen Wirkung, die Inflation hat sich in den vergangenen Monaten deutlich abgeschwächt. Die nun veröffentlichten Preisdaten sind die letzten vor der nächsten EZB-Ratssitzung am 26. Oktober in Athen und erfahren daher besondere Beachtung.
Vieles spricht nun dafür, dass die Währungshüter nach zehn aufeinanderfolgenden Erhöhungen eine Zinspause einlegen. Eine solche war bereits bei der vergangenen Sitzung Mitte September diskutiert worden. Besonders unter Berücksichtigung der Kerninflation entschied sich der Rat aber zu einer erneuten Anhebung.
>> Lesen Sie hier: So erklärt EZB-Präsidentin Lagarde die zehnte Zins-Anhebung in Folge
Die Befürworter einer weichen Geldpolitik verweisen auf die Risiken hoher Zinsen für die Konjunktur – und insbesondere auf die Tatsache, dass sich Zinsanhebungen erst verzögert auf die Realwirtschaft auswirken. Eine Pause würde mehr Zeit verschaffen, die Effekte auf die Konjunktur zu bewerten.
Anhänger einer straffen Geldpolitik stellen weitere Schritte vor allem mit Verweis auf die Kerninflation in den Raum. Mehrere EZB-Vertreter – unter anderem Präsidentin Christine Lagarde bei der Pressekonferenz nach der vergangenen Ratssitzung – betonen daher, dass eine mögliche Pause im Oktober nicht gleichbedeutend ist mit dem Ende des Zinserhöhungszyklus.
Effekt der Energiepreise nahezu abgeschlossen
Preistreiber Nummer eins bleiben Lebens- und Genussmittel mit einem Plus von 8,8 Prozent zum Vorjahresmonat. Doch auch hier ebbte die Dynamik weiter ab, nach 9,7 Prozent im August und zweistelligen Raten zuvor. Die Energiepreise sanken im Vergleich zum Vorjahr um weitere 4,7 Prozent.
Vor allem die Entwicklung dieser beiden Faktoren ist für die Gesamtrate wichtig. Die Korrektur der Energiepreise sei nun nahezu abgeschlossen, sagte Commerzbank-Experte Weil, sodass der dämpfende Effekt auf die Gesamtrate nachlasse. Bei Lebensmitteln hingegen dürfte die Teuerungsrate in den kommenden Monaten weiter nachgeben.
Die Daten aus den einzelnen Euro-Mitgliedsländern hatten den Rückgang bereits signalisiert. Die Bundesrepublik als größte Volkswirtschaft hatte am Donnerstag einen Rückgang der Rate auf 4,3 Prozent gemeldet (auf Basis des harmonisierten Verbraucherpreisindexes, des Maßes der EZB). Frankreich meldete am Freitagmorgen eine Rate von 5,6 Prozent. Spanien liegt aufgrund fiskalpolitischer Maßnahmen schon länger näher am Zielwert.
In sechs Staaten lag die Preisveränderung im Vergleich zum Vormonat im September bereits unter null: in Belgien, Frankreich, Kroatien, Lettland, Malta und den Niederlanden. Wir schwierig die Aufgabe der EZB ist, zeigt sich in der breiten Spanne der Teuerung im Vergleich zum Vorjahesmonat: von minus 0,3 Prozent in den Niederlanden bis 8,9 Prozent in der Slowakei.