Geldpolitik: Inflationsrate in den USA fällt weiter – nun folgt der Realitätstest für die Märkte
Düsseldorf, Frankfurt. Der Preisdruck in der weltgrößten Volkswirtschaft lässt weiter nach – allerdings nur leicht. Obwohl sich die Inflationsrate dem Stabilitätsziel der US-Notenbank Fed nur in kleinen Schritten nähert, nehmen die Kapitalmärkte die geldpolitische Reaktion bereits in großem Stil vorweg. Uneinig sind sich die Investoren eigentlich nur noch in der Frage, wann die Fed die Zinsen erstmals wieder senkt und wie viele weitere Schritte dann folgen werden.
Die Hoffnung der Investoren wird durch die Preisentwicklung in den USA im November bestärkt. Die Inflationsrate ist leicht auf 3,1 Prozent gesunken – ein „gradueller“ Rückgang, urteilen die Experten der Commerzbank. Die Rate entspricht den Prognosen im Vorfeld, nach einer Teuerungsrate von 3,2 Prozent im Oktober und 3,7 Prozent im September.
Die viel beachtete Kerninflationsrate, bei der die Posten für schwankungsanfällige Güter wie Lebensmittel oder Energie herausgerechnet werden, verharrt bei 4,0 Prozent. Sie gilt als Indikator für den Preistrend in der mittleren Frist.
Die Inflationszahlen aus den USA sind ein erster Realitätstest für die Kapitalmärkte nach der jüngsten Rally. Getragen wird der Aufschwung vor allem von der Hoffnung auf schnelle und deutliche Zinssenkungen im kommenden Jahr, nachdem die großen Notenbanken ihre Leitsätze im Kampf gegen die Inflation von quasi null im Frühjahr 2020 im Eiltempo angehoben haben. In den USA liegt der Leitzins mittlerweile in der Spanne von 5,25 bis 5,5 Prozent und in der Euro-Zone bei 4,5 Prozent.
Am Mittwochabend steht der letzte Zinsentscheid der Fed im laufenden Jahr an, am Donnerstag folgen die Europäische Zentralbank (EZB), außerdem die Bank of England (BoE) sowie die Schweizer Notenbank. Ein Zinsschritt in den USA sowie im Euro-Raum gilt als extrem unwahrscheinlich – doch mit ihren verbalen Ausführungen dürften die Notenbanker die Leitplanken für den geldpolitischen Kurs der kommenden Monate setzen.
Die rückläufige Inflation hat den Kern der Debatte in den vergangenen Monaten verschoben. Ging es zuerst um den Zeitpunkt der letzten Zinserhöhung und anschließend darum, wie lange die Zinsen im restriktiven Bereich verharren – gemäß der Strategie „higher for longer“ –, dominiert nun die Erwartung, dass die Zinsen im ersten Halbjahr 2024 sinken werden.
Die Terminmärkte zeigen, dass die Investoren mittlerweile für 2024 mit mindestens vier Abwärtsschritten in den USA und in der Euro-Zone rechnen, beginnend im Frühjahr.
Viele Volkswirte halten diese Zinshoffnungen allerdings für überzogen. „Die Zentralbanken dürften weniger aggressiv agieren, als derzeit von den Märkten eingepreist wird“, meinen die Experten der Investmentbank Jefferies. Mit den ersten Zinssenkungen von Fed und EZB sei nicht vor Juni 2024 zu rechnen.
Die Experten von Safra Sarasin erwarten den ersten Schritt nach unten sogar erst im dritten Quartal. Sie halten es für unwahrscheinlich, dass die Notenbanker in dieser Woche „die taubenhafte Einstellung der Märkte unterstützen und stattdessen die Datenabhängigkeit künftiger politischer Entscheidungen betonen“. Als „Tauben“ werden die Befürworter einer lockeren Geldpolitik bezeichnet.
François Rimeu, Senior Strategist beim Vermögensverwalter La Française, teilt diese Einschätzung. Er glaubt, Fed-Chef Jerome Powell dürfte versuchen, eine ausgewogene Haltung beizubehalten, und darauf abzielen, die Erwartungen einer frühzeitigen Zinssenkung im Jahr 2024 zu dämpfen.
Das hat Powell schon mehrfach versucht, doch seine Warnungen finden an den Märkten aktuell kaum Gehör. Vor Beginn der Quiet Period – unmittelbar vor einer Sitzung dürfen sich führende Notenbanker nicht öffentlich äußern – erklärte er, die Fed sei „bereit, unsere Politik weiter zu verschärfen, wenn es angebracht erscheint“. Die Zinserwartungen blieben dennoch unverändert.
Anhaltend hohe Inflation erwartet
Gestützt wird die Skepsis der Experten von den jüngsten Daten zu den Inflationserwartungen der US-Konsumenten. Mit Blick auf die nächsten zwölf Monate rechnen die im November befragten Verbraucher zwar nur noch mit einer Teuerungsrate von 3,4 Prozent nach 3,6 Prozent im Vormonat, aber diese Werte liegen noch immer deutlich über dem Stabilitätsziel der Fed von zwei Prozent. Das Gleiche gilt für die Erwartungen für die Inflation in drei Jahren, die bei drei Prozent stagnierten.
Die Zinshoffnungen haben an den Kapitalmärkten eine schwungvolle Jahresendrally ausgelöst, die beinahe alle Assetklassen erfasst hat. So stieg der US-Aktienleitindex S&P 500 seit seinem Zwischentief Ende Oktober um rund zwölf Prozent. Die Kurse zehnjähriger US-Staatsanleihen sind deutlich gestiegen, spiegelbildlich sind die Renditen gefallen – ausgehend vom höchsten Niveau seit der Finanzkrise – von fünf Prozent auf 4,2 Prozent. Der Goldpreis ist um rund zehn Prozent geklettert und erreichte zwischenzeitlich einen Rekord bei 2072 Dollar je Unze. Und Bitcoin, die prominenteste und älteste Kryptowährung, ist mittlerweile rund 42.000 Dollar wert, 65 Prozent mehr als beim jüngsten Tief Mitte September.
Die Dynamik der Rally macht die Märkte nach Meinung vieler Analysten anfällig für Rücksetzer, besonders angesichts der gegenläufigen Erwartungen von Notenbanken und Investoren. So warnt Allianz Global Investors vor der EZB-Sitzung: „Die Erwartung der Anleger, dass die Zinsen bereits im März gesenkt werden, erscheint noch verfrüht.“ Der aus diesen Erwartungen resultierende deutliche Rückgang der langfristigen Zinssätze sei „weiterhin instabil“.
Gleichwohl ist die Zuversicht der Anleger in den vergangenen Wochen grundsätzlich größer geworden. In der jüngsten wöchentlichen Umfrage der American Association of Individual Investors zeigten sich mehr als 47 Prozent der Teilnehmer zuversichtlich, dass die Kurse an den US-Börsen in den kommenden sechs Monaten steigen werden, nur 27 Prozent rechnen mit Kursverlusten. Anfang November fanden sich erst 24 Prozent der Befragten im Lager der Optimisten.
Laut einer aktuellen Umfrage des Informationsdienstes Bloomberg geht die Mehrheit der Marktstrategen davon aus, dass der S&P-500-Index 2024 neue Rekorde erreichen kann. Allerdings rechnen die 518 befragten Experten im Schnitt mit deutlich niedrigeren Kursgewinnen als den rund 20 Prozent, die der US-Leitindex bislang in diesem Jahr erreicht hat. Im Schnitt sagen die Strategen bis Ende 2024 für den S&P 500 4808 Punkte voraus. Das wären etwa vier Prozent mehr als der aktuelle Stand. Seinen bisherigen Rekord erreichte der Index im Januar 2022 bei 4797 Zählern. Für die zehnjährige Rendite prognostizieren die Experten für das kommende Jahr einen weiteren Rückgang in Richtung 3,8 Prozent.
EZB: Gelingt die „weiche Landung“?
Neben den Aussagen der Notenbankchefs rücken in dieser Woche die konjunkturellen Aussichten in den Blickpunkt. Fed und EZB legen jeweils ihre neuen Projektionen für Inflation und Wachstum vor. Sie geben nicht nur einen Hinweis auf den weiteren Kurs, sondern auch auf die Wahrscheinlichkeit, dass eine sogenannte „weiche Landung“ gelingt, also eine Verringerung der Inflation ohne zu großen Schaden für die Konjunktur. Vor allem im Euro-Raum dürften sich die Projektionen im Vergleich zur Veröffentlichung im September verschlechtert haben.
Ob und wann die Zinsen sinken, hängt außerdem stark von der Entwicklung des Arbeitsmarkts ab. Dieser zeigt sich in beiden Volkswirtschaften trotz der vielen Zinsschritte äußerst robust. Unter besonderer Beobachtung, vor allem seitens der EZB, steht das Wachstum der Löhne. Lange Zeit warnten Ökonomen vor einer Lohn-Preis-Spirale, bei der sich beide Faktoren gegenseitig verstärken.
Die Experten der Deutschen Bank rechnen damit, dass der Lohndruck ab dem neuen Jahr abnimmt – es wäre ein wichtiger Indikator, dass die Zinsen tatsächlich sinken könnten.