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GeldpolitikWarum die Bundesbank ihre Verluste aussitzen will

Die Rücklagen sind so gut wie weg, weitere Verluste werden erwartet. Die Goldbestände will die Bundesbank deshalb aber nicht antasten. Stefan Reccius 23.02.2024 - 15:51 Uhr aktualisiert
Bundesbank-Präsident Joachim Nagel: „Wir erwarten, längere Zeit keine Gewinne ausschütten zu können.“ Foto: dpa

Frankfurt. Die Bundesbank steuert wegen der rapiden Zinswende auf Gesamtverluste im mittleren zweistelligen Milliardenbereich zu. Das sagte Bundesbank-Chef Joachim Nagel am Freitag. Im laufenden Jahr dürften weitere erhebliche Verluste „die verbliebenen Rücklagen übersteigen“.

Im Jahr 2023 hat die Bundesbank einen Rekordverlust von 21,6 Milliarden Euro gemacht. Die Notenbank fängt diesen auf, indem sie ihre über Jahre aufgebauten Verlustpuffer fast auf einen Schlag in Anspruch nimmt. Übrig bleiben nur noch 0,7 Milliarden Euro an Rücklagen.

Damit bestätigen sich Entwicklungen, über die das Handelsblatt zuvor bereits berichtet hatte. Auslöser sind die zehn Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB) seit Mitte 2022, deren Folgen mit Altlasten der lockeren Geldpolitik zusammenfallen.

Das Problem: Der Bestand an Staatsanleihen in den Bilanzen der Notenbanken ist niedrig verzinst und wird auf Jahre hinaus sehr geringe Erträge abwerfen. Auf Einlagen von Geschäftsbanken müssen sie dagegen den aktuellen Einlagezins zahlen – inzwischen vier Prozent.

Die EZB weist wegen dieser ungünstigen Konstellation bereits für 2023 einen Verlust von 1,3 Milliarden Euro aus, und zwar nach Auflösung ihrer gesamten Rücklagen. Auch auf die Bundesbank kommen nun unweigerlich rote Zahlen zu.

Dabei gäbe es durchaus Möglichkeiten, eine bilanzielle Schieflage auch künftig abzuwenden. Selbst wenn die Rücklagen, wie abzusehen ist, aufgebraucht sind. So verweist die Bundesbank-Spitze zur Beruhigung selbst auf ihre hohen Währungsreserven.

Der Wert ihrer Goldreserven hat sich binnen eines Jahres um 9,5 Prozent erhöht. Demnach schlummern allein in Gold 197 Milliarden Euro an Bewertungsreserven in ihrer Bilanz – ein absoluter Höchststand. Das bedeutet: Die Bundesbank könnte Gewinne in dieser Höhe realisieren, wenn sie ihre Goldbestände verkaufen würde.

Gold ist für uns ein großer Vertrauensanker in der Bevölkerung.
Joachim Nagel
Bundesbank-Präsident

Doch das ist graue Theorie. Praktisch schließt Nagel einen solchen Schritt aus: „Gold ist für uns ein großer Vertrauensanker in der Bevölkerung.“ Goldverkäufe sind demzufolge keine Option, um Verluste aufzufangen.

Ebenso wenig kommt für Nagel eine Rekapitalisierung durch die Bundesregierung infrage. Das wäre die zweite Option. Der Bundesrechnungshof hat sie ins Spiel gebracht. „Das ist kein Szenario, das ich mir vorstellen mag, auch nicht in meinen dunkelsten Träumen“, sagte Nagel.

Rekapitalisierung? Finanzpolitiker wiegeln ab

Finanzpolitiker aus Koalition und Opposition weiß Nagel mit seiner Weigerung hinter sich. „Es gibt keinen dringlichen Bedarf für eine Rekapitalisierung der Bundesbank“, sagte der finanzpolitische Sprecher der FDP, Markus Herbrand, dem Handelsblatt. „Denn die Bundesbank ist diesbezüglich keine normale Bank und kann sehr wohl auch eine Zeit mit negativem Eigenkapital agieren.“

Es gibt keinen dringlichen Bedarf für eine Rekapitalisierung der Bundesbank.
Markus Herbrand
Finanzpolitischer Sprecher FDP

Das betont auch Bundesbank-Chef Nagel. Anders als Geschäftsbanken gehe es für Zentralbanken nicht darum, Gewinne zu erwirtschaften. Sie müssten einzig und allein für Preisstabilität sorgen. Tenor: Die Folgen für die eigene Bilanz sind nachrangig.

Kommentar

Die Bundesbank-Verluste sind ein Symptom für tiefer liegende Probleme

Stefan Reccius

CDU-Politikerin Antje Tillmann stimmt zu. Nach Lage der Dinge gehe sie nicht davon aus, „dass wir die Bundesbank rekapitalisieren müssen“, sagte die finanzpolitische Sprecherin der Unionsfraktion. „Ich habe gegenwärtig großes Vertrauen in die Bundesbank und erwarte, dass sie ihrer Rolle auch im Falle eines Verlustvortrags gerecht werden kann.“

Geldpolitik-Experten bleiben gelassen

Verlustvortrag heißt: Auflaufende Verluste werden durch spätere Gewinne abgetragen. Genau das hat die Bundesbank vor. Dazu sei sie problemlos in der Lage, sagt Jens Eisenschmidt, Europa-Chefökonom der US-Investmentbank Morgan Stanley. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Dachorganisation der Notenbanken, die BIZ, bestärken sie ebenfalls in dieser Absicht.

Der Bund muss sich bis auf Weiteres in Verzicht üben. „Wir erwarten, längere Zeit keine Gewinne ausschütten zu können“, stellte Nagel klar. Der IWF rechnet damit, dass die Bundesbank bis 2026 Verluste machen wird. Der Bundeshaushalt könnte demzufolge erst in den Dreißigerjahren wieder von Bundesbankgewinnen profitieren.

Bis 2019 überwies die Bundesbank Jahr für Jahr Überschüsse nach Berlin. Seit 2020 nicht mehr. Anfangs, um verstärkt für die Zinswende vorzusorgen. Inzwischen, um Verluste auszugleichen. 2022 hatten die Verluste eine Milliarde Euro betragen.

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Sinkende Leitzinsen würden sie eindämmen. Nagel schaut jedoch allein auf die Inflation und stellt klar: „Für Zinssenkungen ist es zu früh.“ Mit dem jetzigen Rekordminus dürfte laut Nagel indes „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ der Höhepunkt der Verlustserie erreicht sein.

Allerdings nicht deren Ende: In den kommenden Jahren dürfte die Bundesbank weitere Verluste wegstecken müssen. Die Experten von Morgan Stanley schätzen sie auf insgesamt knapp 60 Milliarden Euro. Die Bundesbank will sie aus guten Gründen aussitzen.

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