Neue Digitalwährung: Warnung vor zu hohen Erwartungen: Digital-Euro nur für den Hausgebrauch
Mit dem Digital-Euro könnte die Notenbank den Bürgern weiter Zugang zu Zentralbankgeld bieten, auch wenn Bargeld weniger genutzt wird.
Foto: dpaFrankfurt. Kommt der digitale Euro in der Form, wie es sich bisher abzeichnet, dann stellt er keine Revolution dar. Er wäre dann eher ein bequemer Bargeldersatz für den privaten Gebrauch. So lassen sich die Kommentare von Experten zu den Plänen der Europäischen Zentralbank (EZB) zusammenfassen.
Über wichtige Eckpunkte besteht laut Handelsblatt-Informationen aber bereits ein Konsens. Nutzer des Digital-Euro sollen für ihn voraussichtlich keine Zinsen bekommen, es sollen im Gegenzug auch keine Minuszinsen anfallen.
Außerdem wird die Digitalwährung wahrscheinlich nicht auf der Blockchain-Technologie basieren. Und: Jeder Bürger soll nur eine Höchstsumme des digitalen Euros – von zum Beispiel 3000 Euro – in einer elektronischen Geldbörse (Wallet) speichern können.
Bislang sind noch keine Beschlüsse gefasst. Im Juli wird das Projekt voraussichtlich offiziell gestartet, danach kann es fünf Jahre bis zur Umsetzung dauern. Diskutiert worden sind im technischen Bereich auch Mischlösungen, bei denen die Blockchain, eine Art dezentrale Buchführung, mit einer zentralen Abwicklung kombiniert würde.
Letztlich muss es aber eine Grundsatzentscheidung geben, welche Technik das Rückgrat des Systems bilden soll. Offenbar gibt es Überlegungen, die Wallets direkt miteinander kommunizieren zu lassen, wobei aber zugleich im Hintergrund auch Zahlungs- oder Buchungsvorgänge ausgelöst werden.
Industrie 4.0 braucht andere Lösungen
Experten halten die bisher bekannten Pläne insgesamt für sinnvoll. „Es ist positiv, wenn die EZB den digitalen Euro vorantreibt“, sagt Philipp Sandner, Chef des Blockchain Center der Frankfurt School. Das Konzept richte sich offenbar vor allem an Privatkunden.
Andere Vorzüge digitalen Geldes könnten aber bei einer zentralen Lösung nicht genutzt werden, dämpft er die Erwartungen: „Für die Industrie 4.0, die Finanzmärkte und die Stärkung des Euros im internationalen Zahlungsverkehr sind andere Lösungen nötig, die auf der Blockchain-Technologie basieren.“
Unter „Industrie 4.0“ werden Systeme verstanden, bei denen Maschinen miteinander kommunizieren und sich auch Geld schicken. Immerhin könnte der Digital-Euro aber dabei helfen, die Dominanz von US-Zahlungsdienstleistern zu brechen, sagt Sandner.
Durch die Nutzung der Blockchain-Technik, auf der Kryptowährungen wie Bitcoin und Ether beruhen, würde der digitale Euro programmierbar. Das ermöglichte ganz neue Anwendungen in der Industrie oder an den Finanzmärkten. Zum Beispiel könnte eine geleaste Maschine automatisch die Kosten für ihre individuelle Nutzung abrechnen.
Keine direkte Berührung mit der EZB
Letztlich geht es dabei um automatische Zahlungen, die an bestimmte Bedingungen oder Auslöser geknüpft sind. Ist der Euro nicht programmierbar, sind solche Vorgänge nur über Schnittstellen möglich, was aufwendiger ist.
„Schon heute sind Euro-Zahlungen über Schnittstellen programmierbar – zum Beispiel über sogenannte Trigger-Lösungen“, erläutert Patrick Hansen, Bereichsleiter Blockchain beim Digitalverband Bitkom. Dabei können sogenannte Smart Contracts in bestimmten Fällen automatische Zahlungen auslösen, die dann über das Target-System der EZB ablaufen, also ganz konventionell.
„Das System wäre aber effizienter, wenn neben dem Trigger-Prozess auch die Zahlung selbst auf der Blockchain stattfindet“, sagt Hansen. Wenn die EZB keine Blockchain einsetze, gehe es vor allem darum, den Bürgern weiter Zugang zu Zentralbankgeld zu bieten, und weniger um Industrieanwendungen, glaubt er.
Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hatte in der Vergangenheit schon darauf hingewiesen, dass sich Smart Contracts über Trigger-Lösungen mit dem konventionellen Zahlungssystem kombinieren ließen.
Die Bürger werden nicht direkt mit der EZB in Berührung kommen, wenn sie den Digital-Euro nutzen wollen. Hansen sagt dazu: „Es ist davon auszugehen, dass die Nutzeroberflächen und der Zugang zum digitalen Euro für Personen weiter von Unternehmen und privaten Akteuren entwickelt werden. Für die Nutzung von programmierbaren Zahlungen in der Industrie wird vermutlich weiterhin die Privatwirtschaft sorgen müssen.“
Am Bargeld orientieren
Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer hält die Frage der Abwicklung für zweitrangig: „Wenn die EZB die Blockchain-Technologie für ihren digitalen Euro nicht braucht, ist das in Ordnung, sie ist kein Selbstzweck.“
Auch Chinas Digitalwährung E-Yuan beruht nicht auf der Blockchain. Dort werden die Zahlungsvorgänge zentral erfasst. Der Chef des Innovationslabors der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, Benoît Cœuré, hatte allerdings im Handelsblatt-Interview gesagt, dass er in entwickelten Volkswirtschaften eine dezentrale Architektur für Digitalwährungen erwartet.
Krämer sieht das sich abzeichnende begrenzte Konzept für den Digital-Euro als vorteilhaft an. „Es ist gut, dass sich der digitale Euro an den Eigenschaften des Bargelds orientieren wird“, sagt er, „offenbar konnte sich EZB-Direktor Fabio Panetta nicht mit seiner Forderung nach einem verzinsten digitalen Euro durchsetzen.“
Eine Obergrenze für den digitalen Euro
Ein verzinster Digital-Euro könnte auch negative Zinsen tragen. Sollte er das traditionelle Bargeld verdrängen, so wäre damit das Tor für einen aggressiveren geldpolitischen Einsatz von Minuszinsen offen.
Krämer betont: „Viele angelsächsische Volkswirte wollen eine Verzinsung des digitalen Zentralbankgelds ja gerade deshalb, weil die Notenbanken in der Realwirtschaft dann noch tiefere Negativzinsen durchsetzen könnten.“ Solange Bargeld im Gebrauch ist, würde es bei deutlichen Minuszinsen mehr und mehr gehortet, um so den Geldwert zu erhalten.
Der Commerzbank-Chefvolkswirt findet es auch einleuchtend, den Gebrauch des neuen elektronischen Bargelds nur in kleinem Rahmen zu ermöglichen. „Eine Obergrenze für den digitalen Euro ist wohl notwendig“, sagt er, „ansonsten könnte das Bankensystem in Krisenzeiten destabilisiert werden.“
Auf dieses Problem haben Weidmann und andere Notenbanker immer wieder hingewiesen: Gerade die Tatsache, dass ein digitaler Euro von der Notenbank ausgegeben wird und damit besonders sicher ist, kann für das Finanzsystem gefährlich werden.
Lagarde will Flagge zeigen
„Ein unbegrenzter digitaler Euro würde es den Menschen erlauben, bei vermeintlichen Krisen per Mausklick in kürzester Zeit riesige Beträge von den Bankkonten abzuziehen“, warnt Krämer. Natürlich könne die EZB den Banken in einer Krise gegen Sicherheiten neues Geld zur Verfügung stellen. Aber die Geschwindigkeit eines solchen digitalen Bankruns würde die Notenbank operativ überfordern.
Insgesamt wirkt das Konzept also, als solle ein Digital-Euro geschaffen werden, der nicht zu kompliziert ist, kein Misstrauen bei den Bürgern erweckt und mögliche Probleme für das Finanzsystem vermeidet.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat in der Vergangenheit immer wieder betont, wie wichtig ihr dieses Projekt ist. Möglicherweise gelingt es ihr, bei dem Thema gerade dadurch zur Vorreiterin zu werden, dass sie das Konzept auf eine praktikable Größe reduziert.