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Russische Zentralbankchefin Elvira Nabiullina„Wir müssen noch aufräumen“

Die russische Zentralbankchefin Elvira Nabiullina spricht im Interview über ihr hartes Durchgreifen in der kriselnden Bankenbranche, die Folgen der Wirtschaftssanktionen und darüber, was die Notenbank mit der Lagerung und Logistik von Obst und Gemüse zu tun hat.André Ballin 02.11.2017 - 06:16 Uhr Artikel anhören

„Unser Ziel ist es, die Inflation bei etwa vier Prozent zu halten.“

Foto: action press

Moskau. Es ist leicht, sie zu unterschätzen: Elvira Nabiullina wirkt zierlich und spricht leise. Dabei ist sie die wohl mächtigste Frau der russischen Finanzwelt. In der von Männern dominierten politischen und wirtschaftlichen Elite Russlands hat sie sich den Posten der Zentralbankchefin erkämpft. Im Gespräch bewertet sie kühl und sachlich die Wirkung und Dauer der westlichen Sanktionen und verrät, warum die Notenbank über eine eigene Kryptowährung nachdenkt.

Frau Nabiullina, was hatten Sie sich für dieses Jahr vorgenommen, und was haben Sie erreicht?
Die Zentralbank ist ein Megaregulator, wir haben Aufgaben in der Geldpolitik und bei der Entwicklung des Banken- und Finanzsektors. Bezüglich der Geldpolitik war unser Ziel, die Inflation bis Ende 2017 auf vier Prozent zu senken. Derzeit liegt sie sogar unter drei Prozent. Einerseits haben wir das Ziel sogar etwas vorfristig erreicht. Andererseits verstehen wir, dass die Inflation sehr ungleichmäßig über das Jahr verteilt ist. Saisonale Faktoren sind stark, besonders bei den Obst- und Gemüsepreisen. Die Zentralbank allein kann das kaum stabilisieren. Wir kooperieren daher mit der Regierung, empfehlen ihr, die Infrastruktur für Logistik und Lagerung von Obst und Gemüse zu entwickeln.

Verderben Ihnen allein Obst und Gemüse die Stabilität?
Uns beunruhigen auch die hohen Inflationserwartungen. Die Bevölkerung ist an hohe Inflation gewohnt und glaubt noch nicht, dass sie dauerhaft niedrig bleiben kann. Bei Preissteigerungen, selbst wenn sie auf Einmalfaktoren zurückgehen, springen sofort die Inflationserwartungen der Bevölkerung an. Darum bleibt unsere Geldpolitik weiterhin strikt: Die Inflation liegt real bei drei Prozent, unser Leitzinssatz bei 8,5 Prozent, das heißt, das tatsächliche Zinsplus liegt bei über fünf Prozent. Warum machen wir das? Weil Bürger und Unternehmen sich bei ihren Entscheidungen – sparen, konsumieren, investieren – nicht auf die reale Inflation, sondern auf ihre Inflationserwartungen stützen.

Wie lange können Sie die Inflation dämpfen?
Unser Ziel ist es, die Inflation bei etwa vier Prozent zu halten. Mittelfristig glauben wir, das mit unseren Instrumenten zur Geldpolitik zu schaffen. Wichtig ist die Genauigkeit von Prognosen, weil unsere Entscheidungen mit einer Verzögerung von sechs Monaten bis zu einem Jahr wirken. Viel hängt von der Entwicklung des Ölpreises und Rubel-Kurses ab, aber auch davon, wie die Ernte ausfällt.

Kommen wir zu den russischen Banken: Wie lange werden in dieser angeschlagenen Branche die Aufräumarbeiten noch dauern?
Wir haben vor vier Jahren mit der Gesundung des Bankensektors begonnen, haben chronisch schwache Banken oder solche mit einem zweifelhaften Geschäftsmodell vom Markt genommen. Seither haben wir fast 350 Banklizenzen eingezogen. Ein Großteil der Arbeit ist erledigt. Ein oder zwei Jahre müssen wir aber wohl noch aufräumen.

Wie viele Banken sind noch auf dem Markt?
Jetzt gibt es etwas weniger als 600. Mehr als ein Drittel der Banken ist verschwunden. Aber das waren kleine und manchmal mittelgroße Banken. Pro Jahr betraf das rund 1,5 Prozent der Kapitalmenge auf dem Bankenmarkt. Die übrigen Banken haben zumeist ihr Geschäftsmodell optimiert. Der Lizenzentzug ist nur ein Teil unserer Arbeit, der andere besteht darin, Regulierung und Aufsicht zu verstärken, damit die Banken eine abgewogenere Risikopolitik betreiben. Wir haben natürlich verstanden, dass es auch bei Großbanken Probleme gibt. Doch erst seit Sommer haben wir mit der Schaffung eines Fonds zur Konsolidierung des Bankensystems ein Instrument, um deren Probleme zu lösen. Bei zwei Banken wurde das nun angewendet.

Vita Elvira Nabiullina
Die 54-Jährige leitet seit 2013 die russische Zentralbank. In dieser Zeit hat sie sich unter anderem durch die von ihr verordnete radikale Schrumpfkur der russischen Bankenbranche einen Namen gemacht.
Die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin ist seit 1994 in der Regierung tätig, hat als Expertin mehrere Wirtschaftsreformen erarbeitet. Von 2007 bis 2012 war Nabiullina Wirtschaftsministerin, dann Wirtschaftsberaterin des russischen Präsidenten.

Sie sprechen von der Binbank und Otkrytie?
Ihre Aktiva machen gemeinsam nur fünf Prozent des Markts aus, doch sie sind stark in das Finanzsystem integriert. Ihr Lizenzentzug hätte einen Dominoeffekt auslösen können. Darum haben wir uns entschlossen, diese Banken mithilfe des Fonds zu sanieren. Entsprechend dem neuen Gesetz mussten Eigner und Topmanager in begrenztem Maß mithaften („Bail-in“).

Was sind die größten Probleme der Banken?
Die Probleme haben sich mit der Zeit angesammelt. Ende der 1990er-Jahre gab es 2 500 Banken. Der Markteintritt war sehr einfach: Die Anforderungen an die Kapitalhöhe und geschäftliche Reputation waren niedrig. Regeln und Kontrolle wurden allmählich verschärft, aber viele Probleme sind geblieben. Während der Krise 2007/08 haben sich schlechte Aktiva angesammelt, und die Bilanzen wurden nicht rechtzeitig gesäubert. Das ist einer der Gründe für die Situation. Ein anderer ist das riskante Verhalten einiger Banken.

Was meinen Sie damit?
Sie haben viel Geld von der Bevölkerung eingesammelt und damit entweder riskante Projekte finanziert oder Projekte, die im Besitz der Bankeigner waren. Wir kämpfen gegen diese Praxis, verschärfen konsequent die Regeln und fordern eine Anhebung der Reserven. Insgesamt halten wir das Bankensystem inzwischen für gesund.

Bleiben durch die vielen Fusionen und Schließungen am Ende nicht nur Staatsbanken übrig?
Es gibt keine Tendenz zur Verstaatlichung des Bankensektors. Der hohe Anteil an staatlichen Banken ist historisch bedingt. Die Sberbank hatte stets eine dominierende Position, auch die VTB ist seit langem stark. Der Staat hat aber Anteile an den Banken verkauft.

Wie soll es mit der Privatisierung weitergehen?
Der Markt gibt derzeit nicht viel her. Was unseren Anteil an der Sberbank betrifft, müssen wir auch die Haltung der Bevölkerung dazu berücksichtigen. Umfragen zeigen: Das Vertrauen der Menschen zu einer Bank hängt davon ab, dass sie staatlich sind. Wenn die aktive Phase der Gesundung des Bankenmarkts vorüber ist und die Sorge um die Solidität einzelner Privatbanken gesunken ist, können wir zu der Diskussion zurückkehren.

Also in ein bis zwei Jahren?
Ja, aber wir müssen schauen, wie sich die Bevölkerung dazu verhält. Es muss sicher noch einige Zeit vergehen, damit das Vertrauen zurückkehrt. Das wird nicht gleich am Tag geschehen, an dem wir die Konsolidierung abgeschlossen haben. Aber die letzten Tendenzen zeigen an, dass der Bankensektor auf dem Weg der Gesundung ist. Grundsätzlich wollen wir die Banken privatisieren, sobald der Markt bereit ist.

Wie sehr erschweren die westlichen Sanktionen die Finanzierung der russischen Wirtschaft?
Der größte Effekt der Sanktionen war Ende 2014, und hier war es vor allem der gleichzeitige Absturz des Ölpreises, der Probleme bereitete. Der Effekt des Ölpreises war größer als der der Sanktionen. Jetzt hat sich die Wirtschaft an beide Faktoren gewöhnt. Die Wirtschaft wächst wieder, auch wenn die Sanktionen natürlich für den Finanzsektor nicht positiv sind. Trotzdem konnte die heimische Finanzbranche den Wegfall der internationalen Finanzierungsquellen kompensieren.

Und der Kapitalabfluss?
Ausländische Direktinvestitionen sind seit Dezember 2014 gesunken. Aber das hat auch mit der Krise der russischen Wirtschaft in den vergangenen zwei Jahren zu tun. Nicht alle Investoren sind zurückgekommen, wir sehen aber jetzt Interesse ausländischer Anleger an russischen Staatsanleihen. Das zeigt Russlands makroökonomische Stabilität.

Haben Sie Hoffnung, dass die Sanktionen irgendwann fallen?
Unsere Prognosen für die weitere Wirtschaftsentwicklung bauen wir auf der Annahme auf, dass sie bestehen bleiben.

Themenwechsel: Sie waren lange Zeit sehr skeptisch gegenüber Kryptowährungen.
Ich bin es auch heute noch.

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Warum führt Russland dann seine eigene Kryptowährung ein?
Wir führen sie nicht ein. Wir erwägen nur die Möglichkeit, eine nationale Kryptowährung einzuführen. Ich bin nach wie vor skeptisch gegenüber privaten Währungen, die Technologien aber, die ihnen zugrunde liegen, sind sehr interessant. Wir untersuchen und testen zusammen mit Akteuren des Finanzmarkts diese Technologien.

Medienberichte erwecken aber den Eindruck, dass die Planungen schon fortgeschritten sind.
Es werden jetzt viele Standpunkte geäußert. Es geht um eine neue Technologie, deren Regulierung noch erarbeitet wird. Die Zentralbank ist der Ansicht, dass wir eine Kontrolle über den Geldumlauf brauchen. Wir sehen bei Privatwährungen das Risiko eines Missbrauchs für Geldwäsche und Terrorfinanzierung. Außerdem sind sie hochspekulativ. Es gibt noch keine endgültige Entscheidung über unser Engagement. Offensichtlich ist aber eine grundsätzliche Neugestaltung des Finanzsektors. Online-Plattformen wie Google, Facebook, Amazon machen traditionellen Banken Konkurrenz, und wir als Regulator müssen dafür bereit sein.

Frau Nabiullina, vielen Dank für das Gespräch.

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