Trotz Omikron-Variante: Fed-Chef Powell warnt vor weiter hoher Inflation – und stellt Reduktion der Anleihekäufe in Aussicht
Ein Großteil des Anstiegs hänge mit der Erholung nach der Corona-Krise zusammen.
Foto: ReutersWashington. Die hohe Inflationsrate in den USA wird nach einer Einschätzung des Chefs der Notenbank Federal Reserve (Fed), Jerome Powell, noch bis weit ins nächste Jahr anhalten. Die Teuerung dürfte sich im kommenden Jahr deutlich verlangsamen, aber preistreibende Faktoren wie Probleme mit globalen Lieferketten würden „bis weit ins nächste Jahr“ bestehen bleiben, sagte Powell am Dienstag bei einer Anhörung im US-Senat.
Ein Großteil des Anstiegs hänge mit der Erholung nach der Corona-Krise zusammen, inzwischen seien die Preise aber in weiten Teilen des Wirtschaftslebens gestiegen, räumte Powell ein. „Ich denke, das Risiko höherer Inflation hat zugenommen.“ Zudem habe sich die Lage am Arbeitsmarkt rapide verbessert „und die Löhne steigen mit großer Geschwindigkeit“, sagte Powell.
Der Fed-Chef bereitet damit den Boden für einen schnelleren Kurswechsel. Lange hatte Powell betont, dass er die Preissteigerungen nur für einen temporären Effekt halte. Nun jedoch nimmt er davon Abstand, wie er am Dienstag in Washington betonte. Zum ersten Mal zeigte er sich offen davor, das Tempo bei den Anleihe-Rückkäufen, Tapering genannt, anzuziehen.
Die Fed hatte bei ihrer jüngsten Sitzung Anfang November angekündet, die zu Beginn der Pandemie eingeführten Stützmaßnahmen zu reduzieren. „Wir werden darüber in unserer nächsten Sitzung diskutieren“, versicherte Powell. Eine Reihe von Notenbankern hatten dies bereits in den vergangenen Wochen gefordert.
Die Inflationsrate in den USA ist seit Monaten hoch. Im Oktober stieg die Teuerungsrate im Vergleich zum Vorjahr um 6,2 Prozent. Die Fed ist der Preisstabilität verpflichtet. Das Ziel der Zentralbank ist mittelfristig eine durchschnittliche Inflationsrate von zwei Prozent.
„Gefahr anhaltend hoher Inflationsrate”
Powell sagte, die Gefahr „einer anhaltend hohen Inflationsrate“ sei gestiegen, die Fed gehe aber weiter davon aus, dass die Teuerung 2022 „näher an unser Ziel sinken wird“. Falls die Entwicklung anders verlaufen sollte, stehe die Notenbank bereit, ihre Werkzeuge einzusetzen, sagte Powell.
Um die Inflation zu bremsen, könnte die Fed 2022 beginnen, den Leitzins von Nahe Null wieder schrittweise zu erhöhen - was allerdings auch die Konjunktur dämpfen würde.
Powell signalisiert damit jedoch, dass die Notenbank sich mehr um die steigenden Preise sorgt, als um die neue Covid-Variante Omikron. Diese sei durchaus ein Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung, betonte der Fed-Chef. Doch bislang gebe es zu wenig Informationen, um die Lage eindeutig beurteilen zu können. Virologen zufolge könnte es in den kommenden zehn Tagen neue Erkenntnisse darüber geben, wie ansteckend und wie gefährlich Omikron tatsächlich ist, und wie gut die bestehenden Impfungen dagegen schützen. Das könnte für die Währungshüter genau rechtzeitig passieren. Die kommende Sitzung der Fed ist Mitte Dezember geplant.
Die Märkte reagierten angespannt auf Powells Aussagen. Sie gehen nun davon aus, dass die Fed auch die Zinsen schneller als bislang geplant anheben könnte, um die Inflation zu bekämpfen. Powell deutete an, dass die Fed nach derzeitigem Stand keine umfassenden Hilfsmaßnahmen für die Wirtschaft plane, anders als zu Beginn der Pandemie im März 2020.
Damals hatten die billionenschweren Hilfspakete zu neuen Rekorden an den Aktienmärkten geführt - trotz einer schweren wirtschaftlichen Krise. Die wirtschaftlichen Effekte neuer Varianten „werden abnehmen“, glaubt Powell. Er rechne derzeit nicht mit neuen Shutdowns, daher sei auch kein neues Eingreifen der Fed nötig. Der breit gefasste S&P 500, der Leitindes Dow Jones sowie der Tech-Index der Nasdaq lagen zum Mittag in New York jeweils rund zwei Prozent im Minus.
Der unabhängige Kapitalmarktexperte Ed Yardeni geht davon aus, dass die Märkte in den kommenden Tagen weiter unruhig blieben werden. Insgesamt rechnet er jedoch nicht mit einem bevorstehendem Crash. Im Gegenteil. Für Ende des Jahres erwartet er, dass der S&P 500 bei 4800 Punkten stehen wird, ein Plus von gut fünf Prozent.
Mit Agenturmaterial