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BondmarktWarum griechische Staatsanleihen gefragter sind als italienische

Hellas-Bonds sind so gefragt, dass sich ihre Rendite wieder dem Rekordtief nähert. Ein Grund dafür ist ausgerechnet die hohe Verschuldung Griechenlands.Gerd Höhler 08.07.2020 - 15:49 Uhr

Der Regierung des Landes wird ein erfolgreiches Corona-Krisenmanagement bescheinigt.

Foto: dpa

Athen. Gerade erst begannen die Griechen, sich von der längsten Finanzkrise der Nachkriegsgeschichte zu erholen, da stürzt die Corona-Pandemie das Land zurück in die Rezession – wie tief, weiß noch niemand genau zu sagen.

Dennoch: Die Anleger am Bondmarkt zeigen Zuversicht. Griechische Staatsanleihen haben die Kursverluste der vergangenen Monate bereits wieder weitgehend wettgemacht. So schnellte die Rendite des zehnjährigen Bonds auf dem Höhepunkt der Corona-Verunsicherung Mitte März auf vier Prozent nach oben. Jetzt liegt sie bei nur noch 1,1 Prozent.

Für einen kräftigen Kursschub sorgte diese Woche die EU-Kommission. In ihrer Sommerprognose erwartet sie zwar für die EU-Staaten insgesamt eine tiefere Rezession als bisher angenommen. Die Kommission korrigierte aber ihre Vorhersage für Griechenland: Dessen Wirtschaftsleistung soll im laufenden Jahr statt 9,7 Prozent „nur“ noch um neun Prozent schrumpfen. Griechenland käme damit glimpflicher davon als Spanien, Frankreich und Italien.

Die Rendite des zehnjährigen Hellas-Bonds fiel daraufhin von 1,18 auf 1,10 Prozent. Der Ertrag des Papiers nähert sich inzwischen wieder dem Jahrestief von 0,94 Prozent, das Mitte Februar erreicht wurde – die niedrigste Rendite überhaupt, seit Griechenland 2001 den Euro einführte.

Unter dem Strich profitieren die griechischen Bonds sogar von der Corona-Pandemie. Für steigende Nachfrage sorgt, dass die Europäische Zentralbank die Papiere jetzt im Rahmen ihres Corona-Notfallprogramms ankauft, obwohl alle großen Ratingagenturen die Anleihen als Ramsch einstufen.

Für Kursfantasie sorgt auch das Corona-Aufbauprogramm der EU-Kommission. Von den vorgeschlagenen 750 Milliarden Euro könnten etwa 33 Milliarden nach Griechenland fließen. Das wäre in Relation zur Wirtschaftsleistung der höchste Anteil aller EU-Staaten.

Inzwischen liegt die Zinskurve der griechischen Staatsanleihen unter der Italiens. Marktbeobachter sehen darin einen Trend.

Dabei ist es auf den ersten Blick überraschend, dass die griechischen Papiere gefragter sind als die des Mittelmeerlands weiter westlich. Während die Ratingagenturen Griechenlands Bonität zwei bis vier Stufen unter der Schwelle der investitionswürdigen Schuldner bewerten, gelten italienische Staatsanleihen mit dem Prädikat „Lower medium grade“ als durchschnittlich gute Anlage.

Dass viele Anleger es anders sehen, hat mehrere Gründe. Einer, der gerade im direkten Vergleich mit Italien zum Tragen kommt, ist das erfolgreiche Corona-Krisenmanagement. „Die Regierung hat schnell und bestimmt mit einem Lockdown reagiert, die Infektionszahlen sind im internationalen Vergleich gering“, erklärt Jakob Suwalsi, Griechenland-Experte bei Scope Ratings.

Wenn auch das Land kurzfristig wegen der hohen Abhängigkeit vom Tourismus und der schwachen Liquidität vieler Kleinunternehmer mit großen Risiken konfrontiert ist, sieht Suwalski „neue wirtschaftliche Potenziale für Griechenland, da es der konservative Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis geschafft hat, auch während der Coronakrise Strukturreformen und Privatisierungen voranzutreiben“. Das stärke das Vertrauen der Investoren, meint der Scope-Analyst.

Politische Stabilität in Griechenland

Ein weiterer Faktor, der aus Sicht vieler Anleger griechische Anleihen im Vergleich zu italienischen Papieren interessant macht, ist die politische Stabilität. Ein Jahr nach seiner Wahl zum Premier sitzt Mitsotakis fest im Sattel. Die Meinungsforscher attestieren ihm eine breite Zustimmung, und die konservative Regierungspartei Nea Dimokratia baut ihren Vorsprung in den Umfragen immer weiter aus.

Auch die hohe Verschuldung Griechenlands scheint die Anleger nicht abzuschrecken, im Gegenteil. Bereits 2019 hatte das Land mit 176,6 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt die höchste Schuldenquote aller EU-Staaten. 2020 dürfte die Relation infolge der Rezession knapp 200 Prozent erreichen, erwartet Scope-Analyst Suwalski.

Italiens Schuldenquote war 2019 mit 135 Prozent zwar deutlich niedriger als die Griechenlands. Was aus der Sicht der Anleger aber dennoch für Griechenland als Schuldner spricht: Nach den drei Rettungsprogrammen der Jahre 2010 bis 2018 liegen rund 80 Prozent der griechischen Staatsschulden in den Händen öffentlicher Gläubiger wie des Euro-Stabilitätsfonds ESM und seines Vorgängers EFSF. Für die Anleger ist das eine Art Ausfallversicherung: Die öffentlichen Gläubiger können das Land nicht fallen lassen.

Die Fälligkeiten der Hilfskredite reichen bis ins Jahr 2060, die Zinsen sind niedrig. Entsprechend gering sind Griechenlands Refinanzierungsrisiken.

Obwohl Athen dank eines Liquiditätspolsters von fast 37 Milliarden Euro keinen aktuellen Kapitalbedarf hat, testet die staatliche Schuldenagentur PDMA regelmäßig die Stimmung am Markt.

So platzierte Athen seit Januar bereits drei Emissionen. Sie waren bis zu siebenfach überzeichnet. Auch das zeigt wachsendes Vertrauen der Anleger in den Schuldner Griechenland.

Hellas-Anleihen bleiben aber anfällig für Kursschwankungen. Sollte sich das Aufbauprogramm der EU-Kommission verzögern oder gar am Widerstand der Koalition der EU-Nettozahler Österreich, Schweden, Dänemark und den Niederlanden (die „sparsamen vier“) scheitern, könnte das die Papiere ebenso unter Druck bringen wie ein unerwarteter Anstieg der Corona-Infektionen infolge des jetzt wiederanlaufenden Tourismus.

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