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  5. Cashcloud-Chef Hunzinger: Kontakt zu dubiosen Börsenbriefen

Hunzinger, Cashcloud und die BörsenbriefeEin wolkiges Geschäft

Statt PR für Bundesminister macht Moritz Hunzinger jetzt in Finanztechnologie: Mit Cashcloud will er Smartphones zum Zahlungsmittel Nummer eins entwickeln – und hatte dafür offenbar Kontakt zu dubiosen Börsenbriefen, die die eigene Aktie befeuerten.Anna Gauto, Elisabeth Atzler 25.08.2016 - 06:14 Uhr Artikel anhören

Er glaubt an den Durchbruch von „Cashcloud“.

Foto: picture alliance / Sport Moments

Düsseldorf, Frankfurt. Seine Homepage zeigt Moritz Hunzinger noch zu seiner aktiven Zeit als großer Spindoktor der deutschen Politik: Hunzinger neben dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, Hunzinger zumindest in der Nähe von Kanzlerin Angela Merkel. Einst sorgte der heute 57-Jährige sogar für nationale Schlagzeilen, als im Jahr 2002 Verteidigungsminister Rudolf Scharping über Geldgeschäfte mit dem PR-Manager stolperte und sein Amt verlor.

Heute redet Hunzinger vor allem in eigener Sache – und wohl mit sehr kreativem Verhältnis zur Wahrheit. Der Oberleutnant der Reserve kämpft um ein von ihm geführtes Finanztechnologie-Unternehmen. Cashcloud will Smartphones zum Zahlungsmittel Nummer eins entwickeln. Doch nach Handelsblatt-Informationen hat der Manager Verbindungen zu dubiosen Börsenbriefen, die die Cashcloud-Aktie im vergangenen Jahr unzulässig hochgejubelt haben sollen. Jegliche Kontakte hatte Hunzinger lange abgestritten.

Der einstige Lobbyist mischt in einem Markt mit, der derzeit viel Aufmerksamkeit erfährt. Hunderte junge Finanzunternehmen versuchen Banken und Zahlungsabwickler anzugreifen. Sie bieten Apps für Bankgeschäfte, vermitteln digital Versicherungen oder wollen eben das Handy zum Bezahlgerät machen. Zu erkennen, was wirklich funktioniert, ist in dem Markt schwer. Als Daumenregel gilt, dass nur jedes zehnte Unternehmen überleben dürfte. Einer ist sich sicher, dass er den Durchbruch schafft: Hunzinger.

Gerüchte über eine mögliche Insolvenzverschleppung wischt der Senator der Ukrainischen Freien Universität in München vom Tisch, auch den Hinweis, dass es kaum Umsätze gebe – trotz mehr als 500.000 Downloads der Cashcloud-App etwa auf Android-Geräten. Umsätze seien ihm zunächst egal, sagt das PR-Talent dem Handelsblatt. Schließlich habe er immer neue Investoren gefunden, um sein derzeitiges Lieblingsprojekt voranzutreiben. Zuletzt haben ungenannte Investoren das operative Geschäft aus der Aktienholding herausgekauft.

Tatsächlich verfolgen viele Start-ups den Ansatz, Investorengelder einzuwerben, damit ein neues Produkt mit breiter Nutzerbasis zu entwickeln und dann die Firma mit Gewinn zu verkaufen oder an die Börse bringen. Der Cashcloud-Aktienkurs scheint aber wohl mit unlauteren Mitteln befeuert worden zu sein, bevor die Aktie grandios scheiterte. Dabei spielt nach aktuellen Erkenntnissen wohl auch Hunzinger eine Rolle. Die Finanzaufsicht Bafin prüft seit Monaten, ob die Cashcloud-Aktie manipuliert wurde. Das Papier ist vom Handel ausgesetzt. Um an nötiges Kapital zu gelangen, folgte im August der Verkauf des operativen Geschäfts, der Cashcloud SA. Die einstige Cashloud AG firmiert seither als leerer Aktienmantel namens InFin Innovative Finance AG.

Entscheidende Hinweise

Cashcloud-Aktien brechen ein

Ein Fintech, die Bafin und zweifelhafte Börsenbriefe

Hunzinger selbst hatte immer bestritten, den Börsenbriefschreiber zu kennen oder mit der im Impressum genannten Firma „Ultimo Media“ Kontakt gehabt zu haben. „Wir haben diese Empfehlungen weder beauftragt, noch wünschen wir diese, aber wir können sie auch nicht verhindern“, hatte Hunzinger im Mai gesagt. Jetzt liegen dem Handelsblatt aber entscheidende Hinweise vor, wonach Hunzinger – entgegen seinen Behauptungen – dem Schreiber der Börsenbriefe sogar eine deutsche Firmenadresse in Frankfurt besorgt haben soll. Das hieße, dass der Cashcloud-Chef an der Manipulation der Aktie des eigenen Unternehmens beteiligt gewesen sein könnte.

Im Fokus der abenteuerlichen Geschichte stehen Börsenbriefe, in denen jede Zeile schreit, blinkt und glitzert. Da will das „riesige Interesse der Investoren an Cashcloud einfach nicht abflauen“. Hat doch der „preisgekrönte Technologiemarktführer für mobile Geldbörsen“ ein „rundes Geschäftsmodell“, das „keine Profit-Möglichkeiten“ ausließe. Als Autor nennen die Briefe, die als Newsletter, Anzeigen oder Börsenportal-Meldungen erscheinen, Andre Popov, Analyst und Chefredakteur einer Online-Publikation namens „Bullenblatt“. Die Jubelmeldungen in den Börsenbriefen hatte Autor Popov offenbar mit einigem Erfolg unter Anleger gemischt, seit die Cashcloud AG im Juni 2015 an die Börse gegangen ist. Damals stieg der Kurs binnen weniger Tage um rund 150 Prozent, obwohl die Firma dem Prospekt zufolge nicht einmal „ausreichend Geschäftskapital“ hatte und seit ihrer Gründung im Jahr 2011 vor allem Verluste macht. Wenige Wochen nach der Börsennotierung fiel der Kurs begleitet von Popovs aggressiver Aktienwerbung und zwischenzeitigen Kurssprüngen.

Frustrierte Anleger

Bei Wolfgang Wittmann, Anwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht, haben sich inzwischen über 20 Cashcloud-Kleinaktionäre gemeldet, die sich fragen, ob ihre Aktien überhaupt noch etwas wert sind. „Sie sind frustriert und wütend, weil sie von Cashcloud keine befriedigenden Informationen erhalten“, sagt Wittmann. „Dass Herr Hunzinger im Lichte des erheblichen Informationsdefizits die betroffenen Aktionäre nicht als geschädigt sehen will, ist abenteuerlich.“ Sollte Hunzinger mit den Börsenbriefen in Verbindung stehen, stelle sich die Frage einer zivilrechtlichen Haftung, meint Wittmann. „Es dürfte auch der Prüfungsbereich eines Kapitalanlagebetruges eröffnet sein“, so der Anwalt der Kanzlei Adwus.

Inzwischen schreibt Popov keine Börsenbriefe mehr. Die Börse hat den Handel mit Cashcloud-Papieren im Mai 2016 endgültig ausgesetzt. Zwischen Juni und November 2015 hatte sie den Handel schon zwei Mal untersagt, weil sie den „ordnungsgemäßen Börsenhandel nicht gewährleistet“ sah. Wer der mysteriöse Andre Popov ist, der seine Börsen-Lyrik im Namen der Firma Ultimo Media mit Adressen in Riga und Frankfurt verschickt hat, ist unklar. Im Impressum einiger Popov-Briefe findet sich als Firmenadresse zwar die Hanauer Landstraße in Frankfurt, wo sich auch die Event-Firma von Moritz Hunzingers Zwillingsbruder befindet. Doch das sei reiner Zufall, sagte Hunzinger bislang. Die Brüder wüssten von nichts. Noch mehr: Moritz Hunzinger sah sich als Opfer der Börsenbriefe.

Schriftstücke, die dem Handelsblatt vorliegen, erschüttern diese Version. Sie legen nahe, dass Moritz Hunzinger Popov sehr wohl kannte. Demnach stand Hunzinger mehrfach in direktem Kontakt mit ihm. Die Dokumente könnten auch den einstigen Großinvestor Steffen Korbach schwer belasten. Demnach wäre Korbach, der seine Anteile im April 2016 an die Cashcloud-Hautaktionärin SPP Capital verkaufte, mindestens Mitwisser. Zu dem Verdacht äußerte sich Steffen Korbach bislang nicht. 

Erst nach mehreren Rückfragen erinnert sich Hunzinger, dass sich doch jemand namens Popov bei ihm gemeldet und nach einer „Domiziladresse“ gefragt habe. Hunzinger sei nun einmal hilfsbereit, aber sehe nun, wie sich Gefälligkeiten rächten. Weiter schreibt Hunzinger dem Handelsblatt: „Da keine Absender greifbar waren, riss ich den Riemen herum. Ich bin doch kein Anfänger“. Was das bedeutet, dazu äußerte es sich nicht.

Die Suche nach Popov ist zunächst schwierig. Anfang August gibt es bei der vermeintlichenFrankfurter Adresse keinen Briefkasten oder ein Schild mit Verweis auf Ultimo Media. In Riga meldete sich am Telefon statt Popov eine Mitarbeiterin der Firma Regus, die weltweit Büroflächen vermietet. Sie sagte, dass lediglich ein virtuelles Büro für ein halbes Jahr angemietet worden war und nie ein Mitarbeiter von Ultimo Media vor Ort gewesen sei. Auf eine E-Mail an Ultimo Media meldet sich immerhin ein Vadim P., der Popov als neuen Geschäftsführer abgelöst haben will. Popov sei demnach im September 2015 aus dem Unternehmen ausgeschieden. Auf eine Mailanfrage antwortet er aber erst nicht.

In seinen E-Mails lobt P. Cashcloud und Moritz Hunzinger in einwandfreiem Deutsch und schimpft über die Bafin. P. gibt gegenüber dem Handelsblatt per E-Mail an, sich zu erinnern, dass Popov Hunzinger mehrmals angeschrieben habe. Die Mails schreibt P. zwar von einer Ultimo Media-Adresse. Doch es könnte jeder unter dem Namen P. schreiben.

Sucht man im Netz nach Spuren von Andre Popov, stößt man auf Internet-Domänen, wie stockerfolg.com, erfolgs-broker.com oder boersenprofi.net, die Ultimo Media oder Popov angemeldet haben. Als das Handelsblatt Hunzinger und Korbach mit seinen Recherchen konfrontiert, beantwortet plötzlich doch jemand unter dem Namen Andre Popov die Mailanfrage. Allerdings nur um mitzuteilen, dass er nichts sagen wolle.

Hunzinger verbreitet weiter Pressemeldungen wonach die Cashcloud-Technik „besser als Apple Pay“ sei, die digitale Geldbörse des US-Technologiekonzerns. Nur lässt sich das nicht in bare Münze umwandeln: 2015 schrieb Cashcloud einen Verlust von 4,46 Millionen Schweizer Franken bei Umsätzen von nur rund 43.000 Franken. Die Wirtschaftsprüfer, die Cashcloud jährlich wechselte, weisen auf „erhebliche Zweifel“ am Fortbestehen der Firma hin, sollte sie kein zusätzliches Kapital erhalten. Ohne weitere Finanzierung, das schreiben die Prüfer im Testat 2015, drohe Insolvenz, Zwangsvollstreckung und Bankrott. Beim Anblick der Zahlen drängt sich der Verdacht auf, dass das Unternehmen mehr von der Fantasie als vom operativen Geschäft lebt.

Sogar der Verdacht der Insolvenzverschleppung steht im Raum. Das „Manager Magazin“ berichtete Anfang August, dass Cashcloud schon im April kurz vor der Insolvenz gestanden habe. Im Juni soll in Unternehmenskreisen von möglicher Verschleppung die Rede gewesen sein. Den Verdacht der Insolvenz weist Hunzinger als „unverfroren“ zurück. „Es gab bis heute nicht einen einzigen Zahlungsausfall bei Cashcloud, unser Personal wird gut entlohnt“, so Hunzinger.

„Kein mobile Payment“

Zweifel daran, dass Cashcloud marktfähig und finanziell versorgt ist, scheinen Hunzinger bislang nicht zu plagen. Die Firma habe nun einmal „geschäftsmodellbedingt einen hohen monatlichen Kapitalbedarf“. Außerdem würden die neuen Eigentümer die finanziellen Voraussetzungen schaffen, um die Expansionspläne in 24 Länder voranzutreiben. Ob das so reibungslos funktionieren wird, daran bestehen Zweifel.

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Wie viele zahlende Kunden die Cashcloud App nutzen, will Hunzinger nicht sagen. Es dürfte ein überschaubares Grüppchen sein. Das Bezahlen per Smartphone steht zumindest in Deutschland noch ganz am Anfang. Bislang fehlt ein zentrales Angebot, das auf Akzeptanz bei Geschäften und Kunden stößt. Das liegt auch daran, dass die Deutschen bisher gerne mit Bargeld oder Girocard zahlen.

Was Cashcloud unter mobilem Bezahlen versteht, sieht tatsächlich so aus: In Zusammenarbeit mit dem britischen Mastercard-Lizenznehmers PPRO vertreibt die Firma einen sogenannten NFC-Sticker, der auf das Smartphones geklebt wird und das Bezahlen ohne physischen Einsatz einer Kreditkarte ermöglicht – NFC ist der Funkstandard zur drahtlosen Datenübertragung.

Dazu fällt Maik Klotz, Berater für Zahlungsverkehr ein eindeutiges Urteil: „Cashcloud wirbt für ein Produkt, das es nicht gibt. Cashcloud hat kein Mobile Payment. Man kann sich statt des Stickers genauso gut eine Kreditkarte aufs Handy kleben und so zahlen.“ Experten verstehen unter Mobilem Bezahlen, dass die Kreditkarteninfos im Handy gespeichert sind und der Kunde beim Einkauf kontaktlos löhnt. Hunzinger hat auch dafür eine Antwort: Der NFC-Sticker sei noch eine „Brückentechnologie“.

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