Edelmetall: Gold-Indexfonds profitieren vom Mangel an physischen Barren und Münzen
Kilobarren und Investment-Münzen sind derzeit in Deutschland kaum zu bekommen.
Foto: dpaFrankfurt. Um die goldgefüllten Tresore in den Kellern der Londoner Investmentbanken ranken sich seit jeher Legenden. Doch selten stand der weltweit wichtigste Umschlagplatz für Edelmetall so im Fokus wie in der Coronakrise. Der Zusammenbruch der Lieferketten und der Run auf physisches Gold hätten den Markt überrollt, berichtet etwa Ross Norman. Der Londoner Edelmetallanalyst hat eine jahrzehntelange Branchenerfahrung.
Der bankinterne Goldhandel sei fast zusammengebrochen. Während die Differenz von An- und Verkaufspreis in normalen Zeiten zwischen 20 und 30 Cent pro Unze (rund 31 Gramm) liegt, habe sie zuletzt in der Spitze 100 Dollar betragen, sagt Norman. „Gold ist plötzlich völlig illiquide geworden.“
Der Grund: Weil zahlreiche Barrenhersteller ihre Produktion zwei Wochen lang eingestellt hatten und zudem der Luftverkehr drastisch eingeschränkt wurde, gab es plötzlich Lieferschwierigkeiten bei Goldbarren. Dadurch geriet auch der Rohstoffterminmarkt in New York, an dem ein Vielfaches des physisch umlaufenden Goldes täglich auf dem Papier gehandelt wird, aus den Fugen. Gleichzeitig war die Nachfrage wegen der Unsicherheit in der Coronakrise extrem hoch.
Die Folgen haben auch deutsche Privatanleger zu spüren bekommen: Die Aufschläge für Barren und Münzen schossen in die Höhe. „Es gibt genug Gold“, sagt Edelmetallexperte Norman, „Aber in der falschen Form und am falschen Ort.“
Mittlerweile hat sich die Situation an der Londoner Edelmetallbörse wieder etwas beruhigt. Die Goldraffinerien in der Schweiz produzieren seit Montag wieder in eingeschränktem Umfang. Doch aus Sicht von Norman zeichnet sich ab, wer am Edelmetallmarkt gestärkt aus der Coronakrise hervorgeht: die physisch hinterlegten Indexfonds, verächtlich als „Papiergold“ bezeichnet.
„Für die Indexfonds ist es eine fantastische Erfolgsstory“, sagt Norman. Sie seien mit den 12,4 Kilogramm schweren Standardbarren hinterlegt, die zum Beispiel in London im Tresor liegen und von Profi-Anlegern genutzt werden. „Die Indexfonds haben keine Probleme, an Gold zu kommen.“ Die Coronakrise sei für die Indexfonds eine „Bestätigung ihres Ansatzes“.
Leer gefegter Goldmarkt
Fest steht: An physisches Edelmetall zu gelangen ist in Deutschland nach wie vor extrem schwierig. Wegen der Ansteckungsgefahr haben sämtliche Goldhändler ihre Filialen geschlossen. Die Onlineshops sind heillos überlastet. Pro Aurum etwa hat die Bestellungen auf 500 Orders pro Tag begrenzt – und das Produktangebot stark eingeschränkt. Im Webshop des Konkurrenten Degussa heißt es seit Tagen bei nahezu allen Investmentprodukten: „in Kürze verfügbar“.
Rudolf Brenner, Chef des Edelmetallhändlers Philoro, bestätigt: „Der Markt ist leer gefegt. Das ist historisch einmalig.“ Die Münze Österreich sei einer der wenigen verbliebenen Lieferanten von Investmentgold, verteile das Edelmetall jedoch extrem rationiert an die Händler. „Die Händler leben von der Hand in den Mund. An manchen Tagen sind wir innerhalb von Minuten ausverkauft“, berichtet Brenner.
Schnelle Entspannung ist nicht in Sicht: Drei der größten Schweizer Barrenhersteller aus dem Tessin im Grenzgebiet zu Italien haben ihre Produktion bis mindestens Anfang April stillgelegt. Die Schweiz ist die wichtigste Durchgangsstation für Gold. 70 Prozent des weltweit geförderten Goldes werden dort zu Barren oder Vorprodukten für die Schmuckindustrie weiterverarbeitet.
Die hohen Goldbestände in London helfen da auch nicht weiter: Im Großhandel werden Barren mit dem Reinheitsgrad 999,5 gehandelt. Bei Investmentprodukten für Privatanleger ist jedoch der Feinheitsgrad von 999,9 üblich.
Momentan sei es nicht möglich, die Großhandelsbarren in die Schweiz zu schicken, feiner zu raffinieren und in 100-Gramm-Barren umzuschmelzen, sagen Experten. „Diese Mechanismen funktionieren aktuell nicht“, erklärt Norman.
Auch die großen Prägeanstalten für Investmentmünzen wie den Krügerrand oder den Maple Leaf haben im Zuge der Ausbreitung von Corona ihre Produktion eingestellt. Nachschub für Privatanleger ist daher kaum zu bekommen.
Chaos bei Werttransporten
In Deutschland erschweren zudem Engpässe bei Werttransporten, dass Kunden an ihr Gold kommen. Im Fokus steht dabei Marktführer Prosegur, auch dort liegen offenbar die Nerven blank. Zahlreiche Edelmetallhändler bekamen Mitte März die Nachricht, dass Prosegur „aufgrund der Corona-Pandemie in Deutschland zum Schutz unserer Mitarbeiter“ die Zustellung von Sendungen über einem Warenwert von 25.000 Euro an Privatpersonen „bis auf Weiteres vollkommen einstellen“ wird.
Viele Händler traf die Mitteilung völlig unvorbereitet. Sie boten daraufhin ihren Kunden an, das Gold auf eigene Kosten einzulagern, bis Wertsendungen wieder möglich sind. An Medien ließ Prosegur jedoch folgendes Statement verbreiten: „Es ist nicht korrekt, dass Prosegur Deutschland die Zustellung von Wertsendungen an Privathaushalte eingestellt hat.“
Wie es zu den widersprüchlichen Aussagen kam, wollte Prosegur auf Anfrage nicht kommentieren. Wenige Tage später waren Wertsendungen jedenfalls wieder möglich. Allerdings berichten einzelne Händler weiterhin über Schwierigkeiten bei der Auslieferung von Gold an Privatkunden.
Von all dem Chaos bekommen die Anbieter goldgedeckter Indexfonds nur wenig mit. Die Produkte, die in Deutschland als „Exchange Traded Commodity“ (ETCs) vertrieben werden, sind im Kern Schuldverschreibungen für eine bestimmte Menge Gold. Für jeden verkauften Anteil hinterlegen die Anbieter die entsprechende Menge Gold in einem Tresor. Steffen Orben, Co-Chef beim Marktführer Xetra-Gold, sagt, es gebe derzeit keine Knappheit an Gold. „Die 12,5-Kilo-Standardbarren, mit denen das Produkt hinterlegt ist, können geliefert und eingelagert werden.“
Xetra-Gold verwaltet über 200 Tonnen, die in Deutschland gelagert werden. Wenn Anleger sich Xetra-Gold ins Depot legen, kauft der Anbieter, die Deutsche Börse Commodities, zunächst Gold bei einer Londoner Investmentbank. Sobald sich auf dem Goldkonto der Deutschen Börse Commodities in London eine Menge von etwa drei bis fünf Tonnen angesammelt hat, ruft das Unternehmen das Gold ab und lässt es nach Deutschland liefern. Solange die Lieferwege von und nach Großbritannien nicht unterbrochen sind, funktioniere das weiterhin, so Orben.
Neuer Preistreiber
Wenn sich Anleger ihr Xetra-Gold ausliefern lassen wollen, „kann es durch die immense Nachfrage je nach Stückelung der Barren zu einer Verzögerung in der Produktion kommen. Denn Kleinbarren werden derzeit individuell produziert“, sagt Orben. Im März ließen sich 23 Anleger Xetra-Gold ausliefern, das ist achtmal so viel wie in durchschnittlichen Monaten. Xetra-Gold arbeitet mit Umicore zusammen. Der Konzern produziert unter anderem in Hanau bei Frankfurt Barren und ist daher nicht vom Schweizer Lieferengpass betroffen.
Vom Run auf Gold profitiert jedenfalls auch Xetra-Gold. Ende März lagen die Handelsvolumina an einzelnen Tagen bei über 120 Millionen Euro – und damit etwa fünf- bis zehnmal über den Tagesvolumina im Januar und Februar. Allerdings habe die generelle Volatilität am Goldmarkt die Spanne zwischen An- und Verkaufspreis für Xetra-Gold kurzzeitig stark ansteigen lassen, berichtet Orben.
Beim Konkurrenzprodukt Xtrackers Gold ETC der Fondsgesellschaft DWS ist die Lage ähnlich: Auch Eric Wiegand, ETC-Experte bei der DWS, konnte bislang keine Lieferengpässe feststellen. „Wir haben von unserem Metall-Lieferanten noch nichts gehört.“ Das Gold, mit dem der Xtrackers Gold ETC hinterlegt ist, lagert komplett in London.
Ausliefern lassen können sich Anleger des Xtrackers-Produkts ihr Edelmetall nicht. Daher hätten die Verwerfungen am Goldmarkt nur kurzzeitig die Spanne zwischen An- und Verkaufspreis erhöht, so Wiegand. Diese läge noch immer über dem Durchschnitt der letzten Monate, sei jedoch deutlich niedriger als noch Ende März.
Setzen Anleger angesichts der Knappheit von Barren und Münzen vermehrt auf ETCs? Philoro-Chef Brenner, der sowohl physisches Edelmetall verkauft, als auch einen ETC managt, bestätigt das zumindest für Family Offices und Vermögensverwalter: „Wir sehen, dass institutionelle Kunden stark ausweichen.“ Viele Privatanleger seien jedoch zurückhaltender. „Der typische Angstkäufer will das Gold selbst im Tresor liegen haben.“
Brenner glaubt, dass die Lieferschwierigkeiten in den kommenden Monaten den Goldmarkt weiter in Atem halten werden. Wenn im Juni Gold noch immer knapp sei, würden viele Spekulanten auf dem falschen Fuß erwischt, die derzeit auf fallende Edelmetallpreise wetten. „Die müssen sich dann mit Gold eindecken.“ Er ist überzeugt: „Das ist kurzfristig ein Preistreiber.“ Eine ähnliche Situation habe zuletzt die Preise am Palladiummarkt zur Explosion gebracht.