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Rohstoffe Die Rally an den Ölmärkten bleibt fragil

Nach dem Sturz unter null haben sich die Ölpreise wieder deutlich erholt. Doch Experten mahnen, dass es für allzu großen Optimismus noch zu früh ist.
11.05.2020 - 03:48 Uhr Kommentieren
Die Ölreservoirs an Land sind voll, daher nutzen Händler auch Schiffe, um den Rohstoff zu lagern. Quelle: Bloomberg
Tanker vor der Küste Kaliforniens

Die Ölreservoirs an Land sind voll, daher nutzen Händler auch Schiffe, um den Rohstoff zu lagern.

(Foto: Bloomberg)

Frankfurt Die Erholung war fast so rasant wie der Absturz: Nach dem historischen Crash der Ölpreise auf minus 37 Dollar pro Barrel zogen die Notierungen für den Rohstoff an den Terminmärkten wieder deutlich an. US-Öl zur Lieferung im Juni kostet mittlerweile wieder 25 Dollar. Die Nordsee-Ölsorte Brent, die von der Panik am US-Ölmarkt ebenfalls nach unten gezogen wurde, hat sich seit Ende April um 25 Prozent verteuert. Trotz der Normalisierung warnt der Rohstoffchef der US-Investmentbank Goldman Sachs, Jeff Currie, aber vor einem erneuten Einbruch. „Die Preise können noch mal crashen“, fürchtet der prominente Experte.

Von business as usual ist der Ölmarkt noch immer weit entfernt. Wegen der weltweiten Ausgangsbeschränkungen im Kampf gegen Corona war die Ölnachfrage so stark eingebrochen wie nie zuvor. Gleichzeitig sorgte ein Machtkampf um Marktanteile zwischen Saudi-Arabien und Russland für ein massives Überangebot. Daher mussten Produzenten von amerikanischem Rohöl im April kurzzeitig dafür bezahlen, dass Käufer Öl abnehmen.

Die Folgen des historischen Ölpreiscrashs dürften nach Ansicht von Experten lange nachwirken. Sie sorgen kurzfristig dafür, dass die Preise weiterhin auf einem Niveau bleiben dürften, welches für viele Produzenten viel zu niedrig ist. Langfristig könnten sie aber eine neue Phase hoher Ölpreise einläuten.

Nach wie vor wird deutlich mehr Öl gefördert, als es Abnehmer gibt. Goldman Sachs schätzt, dass die Ölnachfrage derzeit knapp 20 Prozent unter dem Niveau vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie liegt. Das Ölangebot ist bislang jedoch nur um elf bis zwölf Prozent zurückgegangen.

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    Dazu haben einerseits die selbst auferlegten Produktionskürzungen der Förderallianz Opec plus beigetragen. Sie gelten seit Anfang Mai. Zudem haben in den USA, Kanada und Norwegen erste Produzenten unprofitable Ölquellen dichtgemacht. Doch noch immer holen die Ölkonzerne weltweit acht Millionen Barrel pro Tag aus dem Boden, für die es keine Käufer gibt.

    Kehraus bei den Ölproduzenten

    Daher laufen die Öllager voll. In Cushing etwa, dem nordamerikanischen Ölknotenpunkt im US-Bundesstaat Oklahoma, lagern Daten des Finanzdienstes Bloomberg zufolge 65 Millionen Fass Rohöl – die Kapazitätsgrenze liegt bei rund 74 Millionen Fass. Weltweit beziffert Goldman Sachs die Öllagerbestände auf 1,1 Milliarden Barrel. Das entspricht 175 Milliarden Litern – genug, um die ganze Welt zehn Tage lang mit Öl zu versorgen.

    Irgendwann müssen diese Lagerbestände wieder abgebaut werden – das dämpft mögliche Preisanstiege. Denn rund 160 Millionen Barrel lagern in Supertankern auf See. Diese besonders teure Form der Lagerung werde aufgelöst und das Öl auf den Markt gepumpt, sobald sich die Preise erholen, erwartet Currie. „Es muss in den nächsten Wochen noch viel Aufräumarbeit geleistet werden“, sagt Currie.

    Auch Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank, bestätigt, dass die Lage am Ölmarkt weiter angespannt ist: „Wir haben immer noch ein massives Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage.“ Die deutlichen Produktionsrückgänge, beispielsweise in den USA, würden nicht ausreichen. Dabei haben die USA innerhalb von sieben Wochen rund zehn Prozent ihrer Ölproduktion eingebüßt.

    Agnes Horvath, Chefökonomin des ungarischen Ölkonzerns MOL, erwartet, dass das Rohölüberangebot im Mai seinen Höhepunkt erreicht. „Die weltweite Ölnachfrage wird gedämpft bleiben und weit unter den historischen Durchschnittswerten liegen, solange noch kein Impfstoff gegen das Coronavirus in Massenproduktion entwickelt und hergestellt wird“, ist sie überzeugt.

    Entscheidend für die Erholung an den Ölmärkten ist die Nachfrage: Die sieht Goldman-Experte Currie „auf dem Pfad der Besserung“. Als Muster für die USA und Europa dient ihm dabei China. Die drei wichtigsten Säulen der Ölnachfrage seien die Industrie, der Verkehr und die Luftfahrt. In China habe sich gezeigt, dass die Ölnachfrage durch die Industrie sehr zügig auf ihr altes Niveau zurückgekehrt sei, so Currie. Das drückt sich auch in zuletzt gestiegenen Preisen für Eisenerz und Kupfer aus. Die Nachfrage nach Benzin und Diesel habe sich ebenfalls zügig erholt.

    Sinkende Investitionen

    Zwar pendelten die Menschen auch nach dem Lockdown weniger zur Arbeit. Doch mehr Menschen nutzten das Auto, statt öffentliche Verkehrsmittel wie die Bahn. Lediglich die Ölnachfrage der Luftfahrtbranche werde noch Jahre unter dem Niveau vor dem Ausbruch des Virus liegen, glaubt Currie. Grund sei ein anhaltender Rückgang bei Dienstreisen.

    Das Anfahren der Volkswirtschaften, wenn auch in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, verschafft dem Ölmarkt eine zwischenzeitliche Erleichterung, bestätigt David Wech, Geschäftsführer des Energiemarktunternehmens JBC Energy. „Es gibt klare Anzeichen einer Stabilisierung.“ Der Anreiz, Öl einzulagern, sei geringer geworden. Das sei ein Zeichen, dass „sich der Markt Richtung Gleichgewicht bewegt“.

    Während aus Sicht der Experten viel dafür spricht, dass sich die Ölnachfrage langsam erholt, könnten die Auswirkungen der Coronakrise und des Preiskampfs für das Ölangebot noch lange spürbar sein. Die großen Ölmultis haben bereits angekündigt, ihre Investitionen in neue Projekte massiv zurückzufahren. Der US-Konzern Exxon Mobil will die Investitionsausgaben beispielsweise um 30 Prozent kappen. „Etwas Vergleichbares zu dem, was gerade in der Welt passiert, haben wir noch nie erlebt“, sagte Exxon-CEO Darren Woods. Bis Ende des Jahres will der Konzern 75 Prozent seiner Ölförderung im permischen Becken, dem Zentrum der US-Schieferölproduktion einstellen.

    Goldman Sachs erwartet zudem eine massive Konsolidierungswelle in den USA. Von den rund 600 aktiven Schieferölfirmen dürften nur wenige übrig bleiben. Currie beobachtet einen „heftigen Anpassungsprozess“ in der Branche. Diese bedeute de facto „das Ende des Angebotswachstums außerhalb der Opec“. Das könnte dazu führen, dass Öl in Zukunft wieder knapp und teuer wird, wenn die Ölnachfrage auf ihr altes Niveau zurückgekehrt ist. Denn einmal geschlossen, lassen sich nicht alle Ölquellen schnell wieder anzapfen.

    Hinzu kommt, dass die Investoren die Hoffnung auf hohe Gewinne bei US-Ölfirmen bereits vor der Coronakrise aufgegeben haben, sagt Currie. Die Ölpreise spielten für die Geldgeber an der Wall Street keine Rolle – sie wollten Rendite auf ihr eingesetztes Kapital sehen. Und in diesem Punkt habe die US-Ölbranche in den letzten zehn Jahren „miserabel“ abgeschnitten, so Currie. Das verlorene Vertrauen der Investoren könnte dafür sorgen, dass die Geldquelle Wall Street für die US-Schieferölfirmen auf absehbare Zeit versiegt ist.

    Die Krise in der US-Ölindustrie ist für Saudi-Arabien ein Grund zum Feiern. „Saudi-Arabien ist der Sieger im Ölpreiskrieg“, titelte die saudische Zeitung „Arab News“. Jason Bordoff, Gründungsdirektor des Zentrums für globale Energiepolitik an der New Yorker Columbia University, ist überzeugt, dass das Königreich sowohl wirtschaftlich als auch geopolitisch gestärkt aus dem „Jahr des Gemetzels für die Ölnationen“ hervorgeht.

    Teure Rabattschlacht

    Der Staatskonzern Saudi-Aramco hatte seinen Kunden im April hohe Rabatte eingeräumt, um der strauchelnden Konkurrenz etwa aus Russland Marktanteile abzujagen. Nun hat Aramco die Preisabschläge für Öllieferungen im Juni größtenteils gestrichen. Wie teuer die Rabattschlacht für den wichtigsten Konzern des Königreichs wird, zeigt sich am Dienstag, wenn Saudi Aramco vor Öffnung der Börse Riad (Tadawul) seine Geschäftszahlen für das erste Quartal vorlegt.

    Erst Zahlen legen nahe, dass sich der Preiskrieg für Aramco gelohnt haben könnte. Der Konzern konnte seine Ölexporte in die USA auf eine Million Barrel täglich steigern – so viel wie seit August 2018 nicht mehr. Aramco konnte zudem als einziger der vier größten Opec-Produzenten seine Lieferungen nach Indien ausweiten. Er überholte so den bisher führenden Irak und verdoppelte sogar seine Verkäufe nach China auf 2,2 Millionen Fass pro Tag. Das ergeben die Zahlen von Tanker-Trackingdiensten. „Den Saudis geht es sehr gut“, sagte Ahmed Mehdi vom Oxford Institute for Energy Studies. Der Hauptgrund sei, dass Aramco aggressiv Marktanteile vor allem in Asien erobert habe.

    Das Fluten der Ölmärkte konnte sich Aramco nur leisten, da die Förderkosten bei lediglich rund drei Dollar je Barrel liegen. Der Hauptrivale im Ölpreiskrieg, Russland, hat zehnmal so hohe Förderkosten. Allerdings ist der saudische Staatshaushalt inzwischen so tief in den roten Zahlen, dass Finanzminister Mohammed Al-Jadaan massive Ausgabenkürzungen angekündigt hat. Analysten warnen, dass ohne sie die Währungsreserven des Landes bis 2023 aufgezehrt seien.

    Die Zeichen am Ölmarkt stehen auf Erholung – doch garantiert ist sie keineswegs. „Vor allzu großem Optimismus sei gewarnt“, sagt Andreas Speer, Ölexperte der Bayerischen Landesbank. Eine zweite Welle der Pandemie preisen die Märkte aktuell nicht ein. Helima Croft, Ölexpertin bei der Investmentbank RBC Capital Markets, warnt: Ein erneuter Virus-Ausbruch könnte „die Fähigkeit selbst der finanziell am besten aufgestellten Ölstaaten gefährden, ihren Wohlstand zu erhalten“.

    Mehr: Wie sich Privatanleger mit Rohölwetten verspekulieren, lesen Sie hier.

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