Serie: Investieren in der Nullzinswelt (7): Sind niedrige Zinsen wirklich der Treiber der Goldpreis-Rally?
Inflationsschutz oder nicht? Der Nutzen von Gold ist umstritten.
Foto: AFPFrankfurt. Wer Analysten und Fondsmanager nach den Gründen für den rasanten Anstieg des Goldpreises befragt, erhält vielfach die gleiche Antwort: die negativen Realzinsen, also der Verlust, den etwa sichere Staatsanleihen nach Abzug der Inflationsrate Investoren bescheren.
Auch Benjamin Louvet, Fondsmanager beim französischen Vermögensverwalter OFI, ist überzeugt: „Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen den Realzinsen, insbesondere in den USA, und dem Goldpreis. Je niedriger die Realzinsen sind, desto höher steigt der Goldpreis.“
Doch der kanadische Ökonom Campbell Harvey hat zusammen mit den Forschern Claude Erb und Tadas Viskanta kürzlich eine Studie vorgelegt, die genau diesen Zusammenhang in Zweifel zieht. Harvey lehrt an der Duke University in North Carolina und forscht zudem am einflussreichen National Bureau of Economic Research (NBER). Sollten Harvey und sein Team recht haben, wären das schlechte Nachrichten für Gold-Anleger. Denn Harvey erwartet in den kommenden Jahren eine schwache Performance des Edelmetalls.
Auf den ersten Blick erscheint der Zusammenhang zwischen negativen Realzinsen und dem Wert von Gold plausibel: Gold wirft bekanntlich keine Zinsen ab, gilt aber als sichere Anlageklasse, die zudem vor Inflation schützt.
In der Artikelreihe betrachtet das Handelsblatt jede Woche ein Thema zu Anlageformen und -möglichkeiten, Renditechancen und Risiken in einer Welt, in der Kapitalmarktzinsen nahezu abhandengekommen sind.
Foto: HandelsblattSolange andere sichere Anlagen wie Staatsanleihen noch einen positiven Zins nach Abzug der Inflationsrate abwerfen, gibt es keinen Grund, das Edelmetall zu halten. Doch das ändert sich, sobald Staatsanleihen real oder sogar nominal negative Renditen abwerfen, Investoren also einen garantierten Verlust einbrocken, wenn sie die Papiere bis zur Endfälligkeit halten.
Ein statistischer Fehlschluss?
Auch die Daten scheinen den Zusammenhang zwischen Realzinsen und Goldpreis zu stützen. Seit dem Ausbruch der Coronakrise sind die Realzinsen in den USA auf ein Allzeittief gefallen. Grund dafür waren drastische Zinssenkungen der US-Notenbank Fed auf null bei einer gleichzeitig relativ stabilen Inflationsrate von 1,5 Prozent. Im Gegenzug hat der Goldpreis seit Jahresbeginn um 28 Prozent zugelegt und im August ein neues Allzeithoch markiert.
Auch in früheren Krisen, etwa nach der Finanzkrise 2011 oder dem Ölpreisschock Ende der 70er-Jahre, Anfang der 80er-Jahre gab es vergleichbare Marktbewegungen. Selbst die skeptischen US-Forscher um Campbell messen in ihrer Zeitreihe seit 1975 einen starken statistischen Zusammenhang zwischen fallenden Realzinsen und einem steigenden Goldpreis. Doch dabei könnte es sich um einen statistischen Fehlschluss handeln, schreiben die Ökonomen.
Bereits in einer Studie aus dem Jahr 2013 wies Campbell darauf hin: „Alternativ könnte es sein, dass sowohl niedrige Realzinsen als auch hohe Goldpreise durch den gleichen, nicht messbaren Grund ausgelöst werden, beispielsweise der Angst vor einer Hyperinflation.“
Das Problem aus Sicht der Anleger: Sind es nicht die niedrigen Realzinsen per se, sondern eine möglicherweise irrationale Angst vor einer Hyperinflation, die den Goldpreis treiben, dann droht eine scharfe Korrektur, sobald sich am Markt die Ansicht durchsetzt, dass die Inflationssorgen übertrieben waren.
Möglicher Wendepunkt
Genau das ist nach den beiden vergangenen Goldpreisrallys 1980 sowie 2011 passiert, wie Campbell und sein Team schreiben. Damals habe es die „weitverbreitete Ansicht gegeben, dass die Inflationsrate in Zukunft deutlich steigt“. Beide Male hätten sich diese Inflationssorgen als falsch herausgestellt.
Die Folge: ein mehrere Jahre währender Bärenmarkt bei Gold. 1980 erreichte der Goldpreis erstmals die Marke von 900 Dollar pro Unze. Danach dauerte es bis ins Jahr 2007, bis diese Marke wieder erreicht wurde. Auf das Hoch von 2011 von 1920 Dollar pro Unze folgte eine lange Durststrecke, erst neun Jahre später wurde diese Marke wieder erreicht.
Um mögliche Wendepunkte am Goldmarkt zu identifizieren, betrachten die US-Forscher den realen Goldpreis, also einen Preis in Dollar, bei der die US-Inflationsrate herausgerechnet wurde. Theoretisch, so das Argument der Forscher, müsste der um die Inflation bereinigte Goldpreis kaum schwanken – schließlich soll Gold ja vor ebendieser Inflation schützen. Tatsächlich schwankt der reale Goldpreis beinahe ebenso stark wie der nominale Goldpreis.
Gold sei daher auf einem Anlagehorizont von fünf bis zehn Jahren alles andere als ein geeigneter Schutz vor Inflation, so die Forscher. 1980 stieg der reale Goldpreis erstmals über 800 Dollar, 2011 erreichte er erneut diese Marke. Aktuell notiert er Berechnungen des Brokerhauses IG Markets zufolge bei knapp 700 Dollar pro Unze.
Campbell und sein Team schreiben: „Der reale Goldpreis befindet sich auf einem historisch hohen Niveau. Auf hohe reale Goldpreise folgten in der Vergangenheit niedrige reale Erträge mit Gold.“ Die Vergangenheit habe gezeigt, dass der reale Goldpreis auf längere Sicht zu seinem historischen Mittel tendiert – und das liegt deutlich unter dem Niveau von 700 Dollar.
Anlageexperten wie Jan van Eck überzeugt das nicht. Er sagt: „2020 hat die beste Erklärung geliefert, was die Goldpreise wirklich beeinflusst.“ In der Coronakrise seien die Zinsen deutlich gefallen, während die Inflationsrate relativ stabil geblieben sei. „Als Gold-Anleger würde ich immer die Realzinsen im Blick behalten. Sie sind der wichtigste Grund für die Goldrally.“
Armin Sabeur, Portfoliomanager beim Vermögensverwalter Optinova bestätigt: „In der Finanzkrise wie auch in der Coronakrise hat sich gezeigt, dass Gold erst einmal fällt, wenn auch die Aktienmärkte einbrechen. Doch sobald sich der Nebel gelichtet hat und klar wird, wie die Regierungen auf die Krise reagieren, steigt Gold stark an.“
Van Eck teilt jedoch die Einschätzung von Campbell und Co., dass Gold nur ein unzureichender Schutz vor Inflation sei. Solange die nominalen Zinsen über der Inflationsrate lägen, seien andere Anlageklassen wie Anleihen attraktiver. „Derzeit haben wir eher einen deflationären Bullenmarkt bei Gold“, sagt van Eck. Das Edelmetall habe sich zwar deutlich, allerdings nicht übertrieben stark verteuert: „Gold war nicht so aufregend wie die Tesla-Aktie. Aber das hätte mich auch eher beunruhigt.“
Kein Zinsanstieg in Sicht
Das größte Risiko für die Edelmetallrally seien einmal mehr die Notenbanken: „Steigende Zinsen könnten dem Gold-Bullenmarkt den Garaus machen“, sagt van Eck. Dann drohe wie 2011 eine Periode schwacher Goldpreise. Doch danach sieht es nicht aus: Die US-Notenbank Fed hat kürzlich angekündigt, eine durchschnittliche Inflationsrate von rund zwei Prozent über einen mehrjährigen Zeitraum anzupeilen.
Da die Fed dieses Zwei-Prozent-Ziel über Jahre verpasst hat, dürfte sie nach Erwartung der meisten Experten in den kommenden Jahren Preissteigerungen von über zwei Prozent tolerieren, ohne die Zinsen anzuheben. Die Debatte über ein Durchschnitts-Inflationsziel zeige, „dass die Fed die Zinsen noch lange niedrig hält“, so van Eck.
Daran zweifelten Anleger kaum noch – und deshalb setzen auch immer mehr Profi-Investoren wie Hedgefonds oder Pensionskassen langfristig auf Gold. Dabei greifen sie immer öfter auf physisch gedeckte Indexfonds zurück, wie van Eck beobachtet. „Viele sprechen von einer strategischen Allokation, also einer Position, die sie die nächsten fünf oder zehn Jahre halten wollen.“
Der Boom bei physisch gedeckten Indexfonds gilt als einer der wichtigsten Goldpreistreiber in diesem Jahr. Die Fonds hinterlegen für jeden verkauften Anteil eine bestimmte Menge Gold in einem Tresor. Der Preis des Fonds bildet daher den Goldpreis eins zu eins nach. Inzwischen liegt das von Indexanbietern verwaltete Gold Daten des World Gold Council zufolge bei über 3600 Tonnen. Damit halten die Vermögensverwalter zusammengenommen eine größere Menge Gold als die Bundesbank.
Auch die US-Ökonomen um Campbell heben die Bedeutung von Gold-Indexfonds für den Goldpreis hervor. Die Menge des von Indexfonds verwalteten Goldes hänge statistisch stark mit dem Goldpreis zusammen. Sie beobachteten eine Situation in der „zu viel Geld zu wenig Gold hinterherjagt“. In einem solchen Umfeld könnte der Goldpreis noch deutlich weiter steigen, gestehen die Gold-Skeptiker.
Bleibt die Frage, warum die Investoren so stark wie nie auf Gold-Indexfonds setzen: Weil sie sich vor niedrigen realen Zinsen schützen wollen – oder weil sie eine Inflation befürchten, die möglicherweise gar nicht kommt?
Eine abschließende Antwort haben weder Ökonomen wie Campbell noch Vermögensverwalter wie van Eck. Fest steht: Die Investorenstimmung ist weiter positiv, auch wenn der Goldpreis die Marke von 2000 Dollar pro Unze zuletzt aus den Augen verloren hat. Auch der reale Goldpreis ist noch rund 100 Dollar von jener Marke entfernt, bei der Pessimisten wie Campbell eine Trendumkehr erwarten würden.
Portfoliomanager Sabeur hält Gold-Indexfonds für empfehlenswert für Anleger, die strategisch in das Edelmetall investieren wollen. „Physische Goldmünzen und Barren sind eine Versicherung gegen den Systemausfall.“ Und Minenaktien seien wiederum etwas für Anleger, die mehr Risiko eingehen und überproportional von einem Goldpreisanstieg profitieren wollen.