Zinserhöhung: Leitzins in der Türkei steigt auf 17,5 Prozent
Die hohe Inflation setzt die Bevölkerung unter Druck.
Foto: Bloomberg/Getty ImagesDüsseldorf. Die türkische Zentralbank hat angesichts der hohen Inflation im Land die Zinsen angehoben. Der Leitzins steigt um 2,5 Prozentpunkte auf 17,5 Prozent. Das teilten die Währungshüter am Donnerstag mit.
Mit einer Erhöhung war gerechnet worden, allerdings fiel diese geringer aus als erwartet. Von Bloomberg befragte Analysten hatten im Schnitt mit einem neuen Niveau von 18,5 Prozent gerechnet. Eine Reuters-Umfrage hatte im Konsens gar bei 20 Prozent gelegen.
Die Inflationsrate ist zuletzt zwar deutlich gesunken, sie liegt mit mehr als 38 Prozent aber weiter auf einem sehr hohen Niveau. Die Zentralbank strebt eigentlich eine Teuerungsrate von fünf Prozent an.
Die jüngsten Indikatoren deuteten darauf hin, „dass der zugrunde liegende Inflationstrend weiter ansteigt“, schreibt die Notenbank in ihrem Statement. Sie verweist unter anderem auf eine starke inländische Nachfrage und den Effekt höherer Löhne. Sie bekräftigte ihre Botschaft, dass die Zinsen weiter steigen sollen.
Analysten sind geteilter Meinung über den unerwartet kleinen Schritt. Analyst Tim Ash vom Vermögensverwalter Bluebay Asset Management sprach von „einer schrecklichen Entscheidung“. Andere Experten äußerten Verständnis. „Es bestehen ernsthafte Bedenken, dass ein zu schnelles Vorgehen möglicherweise die Finanzstabilität gefährden und die Wirtschaft im Allgemeinen erschüttern könnte“, sagte Chefvolkswirt Stuart Cole von Equiti Capital.
Türkei: Lira macht weiter Verluste
Die Notenbank um die neue Chefin Hafize Gaye Erkan hatte bei ihrer jüngsten Sitzung die Trendwende eingeleitet und den Leitzins von 8,5 auf 15,0 Prozent heraufgesetzt. Allerdings lag auch dieser Schritt unter den Erwartungen, was wiederum den Wert der heimischen Währung drückte.
Bei Anlegern kam der Entscheid gut an, der Leitindex baute seine Gewinne am Donnerstagnachmittag aus. Die türkische Lira hingegen reagierte kaum. Sie notierte wie schon im frühen Handel knapp unter der Marke von 27 Lira pro Dollar.
Die Lira hat seit Jahresanfang etwa 30 Prozent an Wert eingebüßt nach einem Verlust von 30 Prozent im Jahr 2022 und 44 Prozent im Jahr zuvor. In den vergangenen Wochen markierte die türkische Währung fortlaufend neue Tiefstände.
Der Strategieschwenk der Notenbank ist mit Präsident Recep Tayyip Erdogan abgestimmt, der sich in den vergangenen Jahren klar als Gegner hoher Zinsen positioniert hat, was der Glaubwürdigkeit sowie Handlungsfähigkeit der Geldpolitik nachhaltig Schaden zufügte. Nun muss auch Erdogan beweisen, dass er den Kurswechsel ernst meint.
Zinserhöhung in der Türkei: „Kein positiver Rahmen“ für die Lira
„Es scheint, dass sich die Aufmerksamkeit des Marktes von den Zinserhöhungen im engeren Sinne auf ihre längerfristigen wirtschaftlichen Auswirkungen verlagert hat“, schreiben die Analysten der Commerzbank. Entweder werde die Straffung so stark erfolgen, dass die Inflation tatsächlich in Richtung des Zielniveaus fällt, was wiederum zulasten des Wirtschaftswachstums geht. Oder aber die geldpolitische Neuausrichtung fällt halbherzig aus – in diesem Szenario würde die Türkei weiteres Vertrauen an den Märkten verspielen.
Für die Lira sei das „kein positiver Rahmen“, erklären die Commerzbank-Experten. Staatliche Unterstützungsmaßnahmen soll es trotzdem kaum noch geben. Die Zentralbank erklärte zuletzt, den starken staatlichen Einfluss auf den Devisenmarkt reduzieren zu wollen.
Erstpublikation: 20.07.2023, 13:07 Uhr ( zuletzt aktualisiert: 20.07.2023, 15:15 Uhr).