Märkte Insight: Anleger haken die Inflation ab – zu früh?
Frankfurt. Anleger werden immer pragmatischer, was Risiken angeht: Nach den neuen niedrigeren US-Inflationszahlen nahmen sie am US-Markt bei den zuvor heiß geliebten, inzwischen teuren Tech-Aktien Gewinne mit und kauften zuvor verschmähte kleinere Werte. Auch Bondinvestoren rechnen nun mit deutlich sinkenden Zinsen.
Die zögerliche Haltung der US-Notenbanker zur Zinswende und auch die etwas niedrigere, aber noch immer zu hohe Inflation von drei Prozent interessieren viele Investoren dabei offenbar kaum noch. Die überraschend um 0,1 Prozent, also minimal im Juni gegenüber dem Vormonat gesunkenen US-Verbraucherpreise und eine niedrigere Jahresrate von drei Prozent sorgten für einen Freudensprung an der Börse.
Der Dax kletterte direkt nach der Veröffentlichung am Donnerstag um rund 100 Punkte, schloss mit einem Plus von 0,7 Prozent bei 18.534 Punkten. Die US-Aktienmärkte starteten zunächst positiv in den Handel, später setzten deutliche Verkäufe bei großen Titeln ein. Und die Rendite der wichtigsten Anleihe der Welt, der zehnjährigen US-Staatsanleihe, sackte um deutliche 0,12 Prozentpunkte ab bis auf 4,16 Prozent.
Die Anspannung der Investoren vor und nach den Auftritten der Notenbanker habe etwas nachgelassen, stellt der bekannte Vermögensverwalter Bert Flossbach fest. Viele langfristig ausgerichtete Anleger setzen nun auf einen ungebrochenen Trend sinkender Inflation und Zinsen.
Dem entgegen stehen allerdings steigende Löhne und eine relativ robuste US-Konjunktur. Flossbach gehört zu einer offenbar nun kleineren Gruppe von Anlegern, die es für unwahrscheinlich halten, dass die US-Notenbank (Fed) ihr Ziel von zwei Prozent Inflation in den USA bald erreicht, was ein Anlass für deutliche Zinssenkungen wäre. Den anhaltend starken US-Jobmarkt belegten am Donnerstag die überraschend klar gesunkenen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe.
US-Staatsanleihen bieten wieder Realzinsen
Eine Rendite von mehr als vier Prozent bei zehnjährigen US-Staatsanleihen reicht allerdings aus, um auch im Fall einer langfristig bei zwei bis drei Prozent verharrenden Inflation noch einen ordentlichen Zins nach Abzug der Teuerung, den Realzins, zu bieten. Diese Argumentation ist inzwischen verbreitet und bleibt zunächst überzeugend: Die Bonds bringen zunehmend wieder reale Zinsen und gehören deshalb ins Depot.
Es gibt zwei typische, unterschiedliche Strategien mit Anleihen
Dabei gibt es zwei unterschiedliche Strategien. Es bietet sich an, auf Papiere mit kurzen Laufzeiten zu setzen, weil die zurzeit noch besonders hohe Zinsen bieten, aber geringe Kursrisiken bergen. Ebenfalls kann es aber sinnvoll sein, sich mit längerfristigen Papieren das heutige Zinsniveau zu sichern, das in absehbarer Zeit absinken wird. Dieser Ansatz bietet zudem die Chance auf Kursgewinne. Doch er birgt auch ein Risiko: Es kann zu Verlusten kommen, wenn der Zinsrückgang überraschend ins Stocken gerät.
Flossbach gehört eher zu den vorsichtigen Anlegern. In seinem Flaggschifffonds besteht der Anleiheanteil von 17 Prozent des Vermögens großenteils aus kurzlaufenden Bundesanleihen. Die Papiere bringen wegen der bisher recht hohen Leitzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) noch rund 3,3 Prozent Rendite im Jahr. Und anders als bei US-Bonds gibt es für europäische Anleger kein Währungsrisiko.
Beim Fondshaus Allianz Global Investors setzt man dagegen auf mittlere bis längere Laufzeiten, um einen größeren Hebel für Kursgewinne zu haben und sich die noch guten Kupons zu sichern. Um das Währungsrisiko klein zu halten, dominieren auch dort Euro-Papiere, dazu kommen aber US-Anleihen, britische und asiatische Bonds.
Wie schnell die Leitzinsen weiter gesenkt werden, hängt auch in Europa stark von der Entwicklung der Lohninflation ab, die im ersten Quartal 2024 mit 4,7 Prozent einen Höchststand markierte. Die schwächere Konjunktur vor allem in der größten europäischen Volkswirtschaft Deutschland dürfte die EZB bewogen haben, die Zinswende im Juni einzuläuten. Aber auch sie ist sparsam mit Hinweisen, wie es weitergehen könnte. Das wird wohl auch bei der EZB-Sitzung in der kommenden Woche so bleiben.