Versicherungen: Neue Wege gefragt
Auch bei Lebensversicherungen ist die Coronapandemie ein Trendbeschleuniger. Denn sie trifft die Gesellschaften an ihrer empfindlichsten Stelle: der Kapitalanlage. Die Europäische Zentralbank wird das niedrige Zinsniveau für Jahre zementieren, sind Experten überzeugt. Die Folge: Der Anlagenotstand bei Anleihen mit erstklassiger Bonität wird verschärft.
Gefahr droht den festverzinslichen Wertpapieren zudem im Anlagebestand der Versicherer: Zu erwartende Ratingherabstufungen und Ausfälle infolge der Coronakrise dürften schwächere Marktteilnehmer in die Bredouille bringen.
Die Anlageklasse Aktien wiederum war bisher eine willkommene Alternative. Indes schwanken ihre Kurse inzwischen so stark, dass sie für Lebensversicherer zu einer kaum noch zu kalkulierenden Größe geworden sind. Und die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) weist darauf hin, dass durch die Verwerfungen infolge des globalen Corona-Shutdowns sogar im Immobilienmarkt sowie bei den alternativen Investments „stabile Renditen infrage gestellt sein könnten“. Auf kontinuierlichen Erträgen freilich basiert das Geschäftsmodell der Versicherungshäuser.
Auf all das müssen die Versicherer reagieren. In den nächsten ein, zwei Jahren dürfte die Produktlandschaft noch bunter und komplexer werden. Das macht die streng regulierte Beratung für Vermittler nicht leichter. Dabei hat das niedrige Zinsniveau an den Kapitalmärkten gerade erst zum Entstehen von Produktkategorien wie „Neue Klassik“ und „Indexpolicen“ geführt. Der Markt für Lebensversicherungen und daraus abgeleitete Altersvorsorgeprodukte ist extrem erklärungsbedürftig geworden.
In jeder Rubrik gibt es zahlreiche Tarife, die sich insbesondere in der Darstellung der Garantie stark unterscheiden und Fragen bei den Kunden aufwerfen. Hinzu kommen fondsgebundene Versicherungen mit und ohne Garantien und in allen möglichen Zwischenstufen, sogenannte Hybride.
„Der Markt für Lebensversicherungen sortiert sich neu“, sagt Reiner Will, geschäftsführender Gesellschafter der Ratingagentur Assekurata. Neben der Coronakrise wirbelt das Bundesfinanzministerium die Produktlandschaft durcheinander. Es wird voraussichtlich in Kürze den Höchstrechnungszins in der Lebensversicherung von 0,9 Prozent auf 0,5 Prozent senken.
Die Diskussion um die Zinshöhe ist zu einem Politikum geworden, geht es doch darum, die Zinsgarantie auf geförderte Produkte überhaupt noch darstellen zu können. Herbert Schneidemann, stellvertretender Vorstandschef der DAV, sieht bei Produkten wie der Riester-Rente „dringenden Handlungsbedarf“.
Denn eine vollständige Beitragsgarantie schränke den Spielraum für chancenorientierte Investments ein. Um mit den Kapitalanlagen zumindest eine Chance auf einen Inflationsausgleich zu haben, sei eine Reduktion der Garantien erforderlich. Zudem fordert Schneidemann, „ein einfaches und kostengünstiges Standard-Riester-Produkt auf den Markt zu bringen, um die immer größer werdenden Versorgungslücken im Alter zu schließen“.
Ohne Garantie geht es offenbar nicht. Justus Lücke, Aktuar und Geschäftsführer der Versicherungsforen Leipzig, erinnert daran, dass „der Bedarf von Endkunden an Garantien ungebrochen ist“. Im Jahr 2018 seien nur vier Prozent der abgeschlossenen Lebenspolicen reine fondsgebundene Verträge ohne Garantie gewesen. Fast 29 Prozent der Verträge waren Fondspolicen mit Garantie.
Diese Produkte würden vonseiten der Versicherer weiter optimiert. Im Gegensatz zu der früher üblichen 100-Prozent-Garantie der eingezahlten Beiträge belaufe sich diese heutzutage zumeist nur noch auf maximal 80 Prozent. Da in Niedrigzinszeiten die Kosten eine umso größere Rolle spielen, setzten fast alle Anbieter stark auf ETFs, also indexbasierte Fonds mit geringen Kosten aufgrund ihres passiven Managements.
Ferner versuchten die Versicherer, auf den Anlagenotstand durch besondere „Renditekomponenten“ zu reagieren. Ein Beispiel sei die Fondspolice „LöwenRente Garant+“ der Öffentlichen Versicherung Braunschweig. Die Überschüsse des Produkts würden in einen Private-Equity-Fonds angelegt. Privates Beteiligungskapital sei auch eine wesentliche Anlageform der noch jungen „Allianz PrivateFinancePolice“. Solche alternativen Investments sind illiquide. Im Gegenzug versuchten die Versicherer, eine höhere Rendite zu erzielen. Darüber hinaus bieten verschiedene Unternehmen inzwischen Kunden ihr eigenes Risikoprofil als Fonds an. Ein Beispiel hierfür ist der „Altersvorsorge Fonds“ der VGH Versicherungen.
Die Stuttgarter wiederum setzt auf modernste Technik bei der Ermittlung eines individuellen Anlegerprofils und eines dazu passenden ETF-Portfolios. Speziell für Vermittler, die ihren Aufwand reduzieren wollen, oder auch für Vermittler, die bisher wenig Berührung mit Fondspolicen haben, gibt es seit Januar 2020 das digitale Beratungstool „Fondspilot“. Damit lässt sich auch das Portfolio automatisch mit einem Algorithmus steuern, den der Versicherer einem Unternehmenssprecher zufolge speziell für den langfristigen Anlagehorizont einer Altersvorsorge entwickelt hat.
In der Lebensversicherungsbranche setzt sich die Neuausrichtung des Produktangebots fort. Die wirtschaftlichen Folgen des Corona-Shutdowns beschleunigen diesen Prozess noch. Mehr denn je müssen Versicherer zugunsten der Rendite auf die Kosten eines Produkts achten. Damit überhaupt noch die Chance auf eine Rendite oberhalb der Inflationsrate besteht, setzen die Anbieter in ihrer Anlagepolitik verstärkt auf Aktien und zunehmend auch auf alternative Investments wie Private Equity.