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EnergiewendeWir müssen weg vom Prinzip „Das-machen-wir-auch-noch“

Eine grüne Stromerzeugung kann es nur geben, wenn Angebot und Nachfrage aufeinander reagieren. Um das möglich zu machen, muss die Branche ihre Kräfte fokussieren, meint Christoph Müller. 10.10.2024 - 17:00 Uhr Artikel anhören
Christoph Müller ist CCO bei dem Stromübertragungsnetzbetreiber Amprion. Foto: Skizzomat, PR

Die Energiewende verändert Unternehmen und Haushalte. Der Wandel wird sichtbar, in Form von Wallboxen, Wärmepumpen und Photovoltaik-Anlagen. Das ist nicht nur ein Erfolg, sondern auch eine gewaltige Herausforderung.

Bei Photovoltaik (PV) beobachten wir zwei Geschwindigkeiten: Der Ausbau, insbesondere von Kleinstanlagen, steigt rasant, was zu einem immer größeren Angebot an erneuerbarem Strom in Deutschland führt. Die Integration dieses Stroms in unser Energiesystem kommt jedoch nicht hinterher.

>> Dieser Gastkommentar ist ein Beitrag zur großen Handelsblatt-Aktion „Zukunftsplan Deutschland“. Alle Texte finden Sie hier.

Die Folge: Wir können dieses Angebot nicht optimal nutzen. Stattdessen bringt es den Strommarkt durcheinander. Ende Juli 2024 hat die Zahl der Stunden mit negativem Strompreis den Wert von 300 überschritten – mehr als im gesamten Jahr 2023.

In einem funktionierenden Markt müssen Angebot und Nachfrage aufeinander reagieren. Das heißt: Es muss Anreize geben, damit sich Stromerzeugung und Stromverbrauch aufeinander abstimmen.

Ein wichtiger Schritt wäre, Photovoltaik bei negativen Strompreisen nicht mehr zu fördern. Heute werden 60 Prozent der in Deutschland installierten PV-Leistung pauschal vergütet. Für jede Kilowattstunde Strom, die die Anlagen ins Netz einspeisen, erhalten sie einen festen Betrag, der auf 20 Jahre garantiert ist – ein Anachronismus.

Die Folgen sind fatal: Tausende PV-Anlagen produzieren weiter Strom, auch wenn längst mehr Elektrizität im Netz ist, als Deutschland verbrauchen kann. Sie folgen dem Prinzip „produce and forget“.

Vita Christoph Müller
Christoph Müller ist CCO bei dem Stromübertragungsnetzbetreiber Amprion. Ab dem 1. Januar 2025 wird er den Vorsitz der Geschäftsführung übernehmen. Amprion ist einer von vier Übertragungsnetzbetreibern in Deutschland, die für die großen Stromtrassen quer durchs Land zuständig sind.

Bis Mai 2024 war er Chef des Übertragungsnetzbetreibers Netze BW. Zuvor arbeitete er bei den Energiekonzernen EnBW und Eon.

Ohne ein Gegensteuern wird sich dieser Trend fortsetzen. Bis 2030 sollen über 120 Gigawatt PV-Leistung zu den aktuellen 76 Gigawatt zugebaut werden, von denen sich etwa die Hälfte sämtlichen Marktmechanismen entzieht.

Ein naheliegender erster Schritt: Die Anlagen bekommen für ihren eingespeisten Strom einen Betrag, der sich am aktuellen Wert des Stroms – also am Strombedarf – orientiert. So würden sie aufhören zu produzieren, wenn ein Überangebot die Netze zu überlasten droht. Die Betreiber müssten mit finanziellen Anreizen zum Wechsel in die Direktvermarktung gebracht werden.

Im zweiten Schritt sollten Anreize gesetzt werden, damit sich bei negativen Preisen auch PV-Anlagen für den eigenen Haushalt zurücknehmen. Es gibt bereits Vorstöße der Bundesregierung, die nun zügig umgesetzt werden müssen. Das geht aber nur mit einer weiteren Veränderung: Heute können sich viele PV-Anlagen aufgrund der fehlenden technischen Infrastruktur gar nicht dem Strombedarf anpassen, selbst wenn ihre Besitzer es wollten.

Die Einbindung privater Haushalte ins Gesamtsystem ist entscheidend für den Fortschritt der Energiewende. Die Zeit der Pauschalität endet. Deshalb müssen intelligente Stromzähler („Smart Meter“) so schnell wie möglich bei den Verbrauchern verbaut werden. Eine wichtige gesetzliche Grundlage dafür hat die Bundesregierung mit dem Gesetz zum Neustart der Energiewende geschaffen. Jetzt gilt es, den Smart-Meter-Roll-out auch umzusetzen.

Wir können nicht alles gleichzeitig angehen.
Christoph Müller

Smart Meter messen in Echtzeit. So können Energiemanagementsysteme große Stromverbraucher wie Elektroautos und Wärmepumpen je nach Verfügbarkeit und Preis des Stroms steuern. Nicht weil Netzbetreiber es vorgeben, sondern weil Haushalte sich selbst optimieren. Indem sie niedrige Preise ausnutzen, sinken die Stromkosten.

Stromerzeugung und -verbrauch abzustimmen ist eine große Aufgabe, die vielen Akteuren Ressourcen abverlangt. Wir können aber nicht alles gleichzeitig angehen. Maßnahmen mit einem schlechten Kosten-Nutzen-Verhältnis lassen wir besser weg.

Ein Beispiel ist die Möglichkeit für Haushaltskunden, täglich den Stromversorger zu wechseln, auch an zwei und mehr Tagen hintereinander. Die Branche arbeitet mit Hochdruck daran, es bringt die Energiewende aber keinen Zentimeter weiter. Gerade weil wir in der Branche einen Digitalisierungsrückstand haben, müssen wir uns auf für eine erfolgreiche Energiewende effektive Maßnahmen konzentrieren.

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Die konkreten Handlungsempfehlungen:

  1. Die Förderung von PV-Anlagen sollte sich am aktuellen Strompreis orientieren, um Angebot und Nachfrage besser aufeinander abzustimmen.
  2. Wir brauchen zügig „Smart Meter“, die es Haushalten in ihrer Eigenoptimierung erlauben, stromintensive Aktivitäten auf Zeiten mit hohem Stromangebot zu legen.
  3. Damit die Energiewende gelingt, dürfen wir nicht dem Prinzip „Das machen wir auch noch“ folgen. Bei starkem Zeitdruck ist Pragmatismus entscheidend. Auch in der Energiewende gilt das Pareto-Prinzip: 20 Prozent des Aufwands bringen meist 80 Prozent der Lösung.
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