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Gastkommentar Atomkraft? Ja, bitte!

Wenn wir es mit dem Klimaschutz ernst meinen, müssen wir Schluss machen mit Denkverboten und auch über die Nutzung der Kernkraft diskutieren.
20.01.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Jürgen Hambrecht (l.) ist Aufsichtsratsvorsitzender bei BASF. Lino Guzzella ist Professor für Thermotronik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Lars Josefsson (r.) war Vorstandsvorsitzender des schwedischen Energiekonzerns Vattenfall. Quelle: BASF
Jürgen Hambrecht, Lino Guzzella, Lars Josefsson

Jürgen Hambrecht (l.) ist Aufsichtsratsvorsitzender bei BASF. Lino Guzzella ist Professor für Thermotronik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Lars Josefsson (r.) war Vorstandsvorsitzender des schwedischen Energiekonzerns Vattenfall.

(Foto: BASF)

Phileas Fogg greift auf seiner Reise „In 80 Tagen um die Welt“ zu radikalen Mitteln: Für die letzte Etappe nutzt er einen Segelraddampfer; doch der Wind steht falsch, und auf der Fahrt geht die Kohle zur Neige. Der Schriftsteller Jules Verne lässt seine Romanfigur die Schiffsaufbauten verheizen. Mit knapper Not erreicht Fogg sein Ziel, das Schiff selbst ist allerdings nur noch ein Wrack.

Europas „New Green Deal“ hat gute Chancen, genauso zu enden. Denn die EU hat einem ganzen Kontinent „Klimaneutralität bis zum Jahr 2050“ verordnet. Das wäre ein Radikalumbau innerhalb von nur 30 Jahren – und ein Plan, der das Potenzial hat, die Wettbewerbsfähigkeit der EU zu ruinieren. Das Fatale daran ist: Ein energiepolitischer Alleingang Europas wird dem Klima nicht helfen – ohne China, die USA und Indien wird es keine Lösung für das globale Problem der Erderwärmung geben.

Der Klimawandel ist eines der komplexesten globalen Probleme, die die Menschheit je lösen musste. Eine rasch wachsende Erdbevölkerung hat durch technologischen Fortschritt in den zurückliegenden 150 Jahren nie da gewesene Wohlstandsgewinne erzielt. Gleichzeitig hat die Erzeugung von Energie aus fossilen Brennstoffen den Anstieg der Treibhausgaskonzentration enorm beschleunigt. Ein Teufelskreislauf, der durchbrochen werden muss.

Nur: Verzicht und Sparen allein werden bei Weitem nicht reichen. Ein fundamentales Umdenken ist gefordert. Vor allem aber braucht es neue Technologien, die den Einsatz fossiler Brennstoffe überflüssig machen. Grundvoraussetzung dafür ist vor allem eines: sehr viel mehr elektrischer Strom, der sicher und ununterbrochen verfügbar sein muss!

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    Er wird benötigt für die Elektrifizierung industrieller Prozesse, für Elektromobilität, für Wärmepumpen zum Heizen, für die Produktion von Wasserstoff und vor allem für die Digitalisierung selbst. Dem Klima hilft das aber nur, wenn der Strom aus emissionsfreien Quellen gewonnen wird. Viele EU-Länder planen zwar in erheblichem Maße den Ausbau erneuerbarer Energien. Doch das wird den steigenden Bedarf in Europa nicht decken. Ein großer Teil der neuen Kapazitäten wird allein dafür benötigt, um bereits bestehende Anlagen abzulösen. Es wird Zeit für eine unbequeme Wahrheit: Das Ziel, Europa bis 2050 CO2-neutral zu machen, ist in diesem Zeitrahmen nicht realistisch.

    Schluss machen mit Denkverboten

    Es erfordert mehr Zeit, um die dafür noch nicht vorhandenen Technologien zu entwickeln. Wer die nächste Generation wirklich ernst nimmt, der stellt sich der Realität, anstatt politische Utopien und Emotionen zu befeuern. Alles andere führt langfristig zu einem weiteren Vertrauensverlust der Menschen in die Politik und zu einer Verschwendung knapper Finanzmittel.

    Wenn wir es wirklich ernst meinen mit dem Klimaschutz, müssen wir Schluss machen mit Denkverboten und ohne ideologische Scheuklappen über die Nutzung der Kernkraft diskutieren. Wer sich seriös mit realisierbaren Szenarien für ein Ende der Nutzung fossiler Brennstoffe beschäftigt, muss sich eingestehen, dass in Europa an der Kernenergie kein Weg vorbeiführen wird.

    Darüber hinaus müssen wir Speichertechnologien für Strom vorantreiben und uns mit der Abscheidung, Speicherung und Weiterverarbeitung von CO2 beschäftigen. Wir brauchen moderne Gaskraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung und – wo geologisch sinnvoll – Geothermie. Und wir brauchen Wasserstoff als Energieträger und synthetische Kraftstoffe.

    Nur so lassen sich große Energiemengen vom Sommer in den Winter bringen. Eine wettbewerbsfähige CO2-freie Energieversorgung bedeutet einen Strompreis in einer Größenordnung von rund fünf Eurocent pro Kilowattstunde. Nur das eröffnet im globalen Wettbewerb neue Chancen für den Industriestandort Europa.

    Auf politischer Ebene muss Europa einen neuen Anlauf nehmen, die Lasten der Klimapolitik weltweit gerecht zu verteilen. Denkbar sind ein weltweiter Emissionsrechtehandel und eine globale CO2-Bepreisung. Uns allen muss bewusst sein, dass dies im aktuellen internationalen Rahmen ein extrem schwieriger Prozess sein wird, ohne den es aber keinen Erfolg geben wird.

    Wir sind tief besorgt über die politischen Vorhaben und ihre Auswirkungen auf die Zukunft Europas. Wir laden alle Interessierten zur Diskussion über die ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Klimapolitik ein. Das Problem des Klimawandels erfordert Rationalität statt Panik, sorgfältige Analyse statt postfaktischer Debatten und ein generationsübergreifendes Denken statt Moralisieren und gegenseitiger Schuldzuweisungen. Die Debatte darüber ist überfällig.

    Mehr: Der Klimaschutz und schmerzhafte Strukturanpassungen stellen Unternehmen vor eine gewaltige Aufgabe. Ob sie gelingt, können Firmen kaum beeinflussen.

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