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Gastkommentar Der Staat sollte auch den Kauf von Autos mit Verbrennungsmotor fördern

Die Autoindustrie ist eine Schlüsselbranche. Es geht um Jobs – aber auch grüne Transformation. Kaufprämien für Verbrenner können dabei sogar helfen.
  • Hildegard Müller
27.05.2020 - 21:58 Uhr 8 Kommentare
Die Autorin ist Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA). Quelle: VDA
Hildegard Müller

Die Autorin ist Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA).

(Foto: VDA)

Die Corona-Pandemie stellt uns vor Herausforderungen, wie wir sie seit Bestehen der Bundesrepublik nicht erlebt haben. Auch die wirtschaftlichen Folgen werden für die Menschen in unserem Land tief greifend und ohne Beispiel sein – eine Dramatik, die in weiten Teilen der öffentlichen Debatte noch nicht angekommen ist.

Exemplarisch lässt sich dieser Sachverhalt an der Diskussion über mögliche Nachfrageimpulse für die Automobilindustrie zeigen. Es wird von einigen ernsthaft der Standpunkt vertreten, es gehe darum, die vermeintlich „alte“ industrielle Welt gegen eine „neue“, nachhaltige und grüne Welt auszuspielen. Dabei gibt es diesen Gegensatz nicht. Im Gegenteil: Konjunktur und Klimaschutz müssen gemeinsam gedacht werden.

Starke wirtschaftliche Einschnitte bedeuten immer auch soziale, gesellschaftliche und ökologische Verwerfungen. Daher muss es aus meiner Sicht jetzt darum gehen, unser wirtschaftliches und gesellschaftliches Werte- und Funktionssystem zu verteidigen.

Die Soziale Marktwirtschaft, die die Freiheit und Verantwortung des Einzelnen in den Mittelpunkt stellt, den Menschen als Teil der Solidargemeinschaft in der Not aber nicht fallen lässt, hat unser Land über Jahrzehnte stark und erfolgreich gemacht. Diese Basis droht zu erodieren, wenn die wirtschaftliche Grundlage fehlt.

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Standort erkennen

    Ein Staat, der kaum noch Steuern einnimmt, kann auf lange Sicht kein Sozialstaat mehr sein. Es geht hier nicht um eine abstrakte Diskussion, es geht um die Schicksale von Millionen von Menschen. Die Sorge um unseren Zusammenhalt treibt mich an.

    Unsere Unternehmen haben die Kraft, die heraufziehende Rezession zu überstehen und damit auch zu einem funktionsfähigen Staat, einem leistungsfähigen Gesundheitssystem und sicheren Arbeitsplätzen beizutragen. Sie sind innovationsstark, beherrschen die modernsten Technologien und produzieren weltweit nachgefragte Produkte.

    Kräftiger Startimpuls wird benötigt

    Wir haben allerdings einen globalen Nachfrageschock. Was unsere Wirtschaft daher angesichts der aktuellen Rezession dringend braucht, ist ein kräftiger Startimpuls: Wenn das Auto nicht mehr anspringt, weil die Batterie leer ist, hilft eine Änderung der Straßenverkehrsordnung ebenso wenig wie der Neubau einer Straße. All das sind wichtige Dinge, die aber nicht reichen. Nötig ist vielmehr ein Energieimpuls.

    Insgesamt sind 2,5 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland direkt oder mittelbar vom Automobil abhängig. Neben den großen Herstellern besteht die Branche insbesondere aus zahlreichen mittelständischen Zulieferern. Sie sind über das ganze Land verteilt, sie investieren mit hoher Treue am Standort, sie schaffen Arbeitsplätze, und sie investieren in Forschung und Innovation.

    Soll ein Konjunkturimpuls die Nachfrage in Gang setzen und Kurzarbeit wirksam reduzieren, muss er daher in der Fläche ankommen. Wenn wir die Nachfrage schnell hoch- und die Emissionen zügig herunterfahren wollen, geht das nur, wenn auch Fahrzeuge mit modernen Verbrennungsmotoren in die Förderung einbezogen werden. Moderne Verbrenner stehen nicht im Widerspruch zu den vereinbarten Klimaschutzzielen.

    Klar ist: Die deutsche Automobilindustrie, Hersteller und Zulieferer, stehen zu den Klimazielen von Paris. Und sie investieren erheblich in das Zukunftsthema Klimaschutz ebenso wie in die Digitalisierung. Jedes Jahr fließen mehr als 27 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung.

    In den kommenden Jahren investieren unsere Hersteller 50 Milliarden Euro in neue Antriebe und 25 Milliarden Euro in Digitalisierung. Mit mehr als 130.000 Beschäftigten sind die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Automobilindustrie eine der wichtigsten Innovationsschmieden der deutschen Wirtschaft. Das zeigt Wirkung: Bis zum Jahr 2023 wird sich die Modellpalette von E-Autos deutscher Hersteller auf 150 annähernd verdreifachen. Doch derzeit haben E-Autos noch einen zu geringen Marktanteil.

    Weg der Transformation

    Auch wenn wir es zügig ausbauen, ist das Segment auf absehbare Zeit zu klein, um allein einen wirksamen Hebel für Konjunktur und Klimaschutz zu bieten. Ohne eine belastbare wirtschaftliche Basis lässt sich die Transformation in Richtung Klimaschutz und Digitalisierung nicht in dem Umfang und Tempo gestalten, wie Deutschland sie braucht, um global wettbewerbsfähig zu bleiben. Gerade deshalb werbe ich um den Konjunkturimpuls. Weil er uns hilft, auch und gerade in der aktuellen Krise den eingeschlagenen Weg der Transformation weiterzugehen.

    Ich bin davon überzeugt, dass wir in Deutschland diese Krise überstehen können und zugleich die Transformation unserer Wirtschaft weiter vorantreiben. Das wird aber nur gelingen, wenn Politik, Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt bereit sind, unseren industriellen Kern zu erhalten.

    Verlieren wir ihn jetzt, weil wir zu zaghaft oder zu zögerlich sind, werden nicht nur die Geschäftsmodelle für Klimaschutz und Digitalisierung nicht mehr bei uns realisiert. Auch die damit verbundenen Arbeitsplätze und Steuereinnahmen entstehen dann anderswo. Lassen wir es nicht so weit kommen.

    Mehr: Macron legt Milliardenplan für Frankreichs Autoindustrie vor.

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    8 Kommentare zu "Gastkommentar: Der Staat sollte auch den Kauf von Autos mit Verbrennungsmotor fördern"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Die Autoindustrie erzählt gerne von "modernen Verbrennungsmotoren". Hat sie denn auch veraltete Motoren im Programm, oder soll einfach alles gefördert werden, was irgendwie fährt? Und was ist mit Motoren für tonnenschwere Monsterkarren? Die mögen noch so effizient sein, das Ergebnis ist doch ein hoher Verbrauch mit entsprechenden Emissionen, weil auch die beste Verkaufe Naturgesetze nicht aushebeln kann. Ein SUV-Hybrid wird nicht viel besser, nur weil man mit ihm auch 30 km elektrisch fahren kann. Panzer sind bezogen auf das Gewicht auch sehr sparsam.

    • Das ist ja ein schöner, durchgestylter Text an dem sicher einige intelligente Menschen dran gefeilt haben.
      Letztlich darf man nicht übersehen, dass es, wie hier schon geschrieben, genügend andere Branchen gibt die eine Unterstützung als Anschubhilfe benötigen.
      Das Erpressungspotential ist groß bei der Automobilindustrie, die im übrigen
      -jahrelang betrogen und gelogen haben,
      -den Anschluß an die neuen Mobilitätskonzepte durchweg verschlafen haben,
      -sich aber weiterhin dicke Bonis gönnen
      -und die gerne dem Steuerzahler die alten Modelle noch unterjubeln wollten.
      Ich kann nicht erkennen, warum ausgerechnet die Automobilindustrie einen weiteren Geldregen erhalten soll.
      Vielleicht sollten die Herren in Wolfsburg, Ingolstadt, München und Stuttgart erstmal ihre Hausaufgaben erledigen und nicht mit dem Jammern anfangen.

    • Es gibt bereits Kaufanreize für Neufahrzeuge.
      Der sture Focus auf den Individualverkehr und die dahinterstehende Industrie
      bekommt dem Standort Deutschland nicht gut.

    • Es gibt bereits Kaufanreize für Neufahrzeuge.
      Der sture Focus auf den Individualverkehr und die dahinterstehende Industrie
      bekommt dem Standort Deutschland nicht gut.

    • Die Frage ist ja nicht ob ein Kaufanreiz die Nachfrage erhöhen würde; natürlich tut er das. Die Frage ist vielmehr ob von den vielen Möglichkeiten, die der Staat bei begrenzten Mitteln hat, gerade die Autoindustrie am bedürftigsten ist oder den größten allgemein-Effekt auf dem Weg zu Wachstum hat. Das ist natürlich Ansichtssache, ich glaube wir sollten unser Geld eher für andere Menschen, Industrien und Zwecke ausgeben als für die Autoindustrie. Und ja, dabei spielt auch eine Rolle, dass die Autoindustrie eine eher fragwürdige Haltung zu Dividenden, Boni, Umgang mit Zulieferern, Ehrlichkeit bei Diesel, Innovation in neue Antriebe usw. hat.

    • Sehr geehrte Frau Müller,

      die Argumentation finde ich beliebig und austauschbar und das könnte jeder Verbrand für irgendeine Industrie in Deutschland prinzipiell genauso anführen.

      An einem Punkt fällt das Argumentationskonstrukt dann halt völlig durch: "Moderne Verbrenner stehen nicht im Widerspruch zu den vereinbarten Klimaschutzzielen." Doch. Jeder moderne Verbrenner ist natürlich klimaschädlich, und wenn er noch so wenig verbrauchen sollte. Und um die sparsamsten gehts ja gar nicht, soviel scheint ja schon vom Vorstoß durchgesickert. Wenn auch Verbrenner bis 150 g CO2/km für solche "Kaufanreize" in Frage kommen sollen, dann muss man leider sagen, dass diesen Wert 10-15 Jahre alte Fahrzeuge schon unterboten haben. Das ist weder modern, noch ist es umweltfreundlich und so ein Technikaufguß kann auch kaum innovativ sein, es sei denn, man schraubt die Ansprüche jetzt völlig herunter. Es geht darum, im Prinzip veraltete Technik in einer konjunkturellen Krise mit fadenscheinigen Argumenten doch noch unters Volk zu bringen, weil die Produzenten seit Jahren und Jahrzehnten die Entwicklung an wichtigen Punkten verschlafen haben. Auch ein Großteil der bisher in Deutschland entwickelten E-Fahrzeuge will einen Markt abdecken, den es nicht gibt und den es m.E. auch gar nicht geben sollte.

      Mir fallen genug Branchen ein, die von einem Geldsegen mehr oder weniger nach dem Gießkannenprinzip mehr profitieren könnten, nicht zuletzt Kunst und Kultur, die ebenfalls Arbeitsplätze schaffen und keine Großkonzerne im Hintergrund haben, denen man teilweise sittenwidriges Verhalten vorwerfen muss (und auch darf).

    • Entwicklungsschmieden und Innovation bei den Autofirmen?
      Hääää...

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