Gastkommentar: Die USA brauchen neue Prinzipien für den Umgang mit China
Die Autoren: Daron Acemoglu ist Professor für Wirtschaftswissenschaften am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Simon Johnson, Ex-Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), ist Professor an der Sloan School of Management des Massachusetts Institute of Technology (MIT).
Foto: Bloomberg, MIT, ImagoAnstatt davon auszugehen, dass mehr internationaler Handel immer gut für Amerikas Arbeitnehmer und für die nationale Sicherheit ist, will die Regierung von US-Präsident Joe Biden in heimische Industriekapazitäten investieren und verstärkt auf Lieferketten mit befreundeten Ländern setzen.
So begrüßenswert eine solche Neuausrichtung auch ist – die neue Politik geht möglicherweise nicht weit genug, vor allem wenn es darum geht, das Problem anzugehen, das China darstellt.
Der Status quo der vergangenen acht Jahrzehnte war schizophren. Auf der einen Seite verfolgten die Vereinigten Staaten eine aggressive und zuweilen zynische Außenpolitik, mit der Diktatoren unterstützt und manchmal von der CIA inspirierte Staatsstreiche inszeniert wurden. Auf der anderen Seite setzten sie auf Globalisierung, internationalen Handel und wirtschaftliche Integration, um für Wohlstand und eine Welt zu sorgen, die den Interessen der USA wohlgesonnen ist.
Der internationale Handel sollte die Weltordnung nicht destabilisieren, sondern sie fördern
Nun, da dieser Status quo praktisch zusammengebrochen ist, müssen die politischen Entscheidungsträger einen kohärenten Ersatz formulieren. Hierfür können zwei neue Prinzipien die Grundlage der US-Politik bilden.
Erstens sollte der internationale Handel so gestaltet werden, dass er eine stabile Weltordnung fördert. Wenn durch eine Ausweitung des Handels mehr Geld in die Hände religiöser Extremisten oder autoritärer Revanchisten gelangt, werden die globale Stabilität und die Interessen der USA darunter leiden.
Wie Präsident Franklin D. Roosevelt 1936 sagte, „gefährdet Autokratie in der Weltpolitik den Frieden“.
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Zweitens reicht es nicht mehr aus, sich auf abstrakte „Wohlfahrtsverbesserungen“ zu berufen. Die amerikanischen Arbeitnehmer müssen die Vorteile sehen.
Jede Handelsvereinbarung, die die Qualität und Quantität von Arbeitsplätzen im amerikanischen Mittelstand erheblich untergräbt, ist schlecht für das Land und seine Bevölkerung und wird wahrscheinlich eine politische Gegenreaktion hervorrufen.
Trotz seines enormen Wirtschaftswachstums ist China bisher nicht demokratischer geworden
Historisch betrachtet gibt es wichtige Beispiele für eine Ausweitung des Handels, die sowohl zu friedlichen internationalen Beziehungen als auch zu gemeinsamem Wohlstand geführt hat. Die Fortschritte, die von der deutsch-französischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg über den gemeinsamen europäischen Markt bis hin zur Europäischen Union erzielt wurden, sind ein Paradebeispiel.
Nachdem Europa jahrhundertelang blutige Kriege geführt hat, genießt es seit acht Jahrzehnten Frieden und wachsenden Wohlstand, wenn auch nicht ganz ohne Reibungen. Europäischen Arbeitnehmern geht es infolgedessen deutlich besser.
Die USA hatten während und nach dem Kalten Krieg einen anderen Grund für ihr Mantra „immer mehr Handel“ zu treiben: nämlich die Sicherung müheloser Gewinne für amerikanische Unternehmen, die durch Steuerarbitrage und die Auslagerung von Teilen ihrer Produktionskette in Länder mit kostengünstigen Arbeitskräften Geld verdienten.
Die Nutzung billiger Arbeitskräfte mag mit dem berühmten „Gesetz des komparativen Vorteils“ des Ökonomen David Ricardo aus dem 19. Jahrhundert übereinstimmen, das besagt, dass es jedem Land im Durchschnitt besser geht, wenn es sich auf das spezialisiert, worin es gut ist. Wenn diese Theorie blindlings auf die reale Welt angewendet wird, kommt es allerdings zu Problemen.
China verdankt seinen komparativen Vorteil in der Produktion repressiven Institutionen. Chinesische Arbeiter haben nur wenige Rechte und arbeiten oft unter gefährlichen Bedingungen, und der Staat ist auf Subventionen und billige Kredite angewiesen, um seine Exportunternehmen zu stützen.
Die Entwicklung in China verheißt nichts Gutes für die Zukunft. Das Land mag noch kein Pariastaat sein, aber seine wachsende wirtschaftliche Macht bedroht die globale Stabilität und die Interessen der USA. Im Gegensatz zu dem, was einige Sozialwissenschaftler und Politiker glaubten, hat das Wirtschaftswachstum China nicht demokratischer werden lassen.
Wie kann Amerika globale Stabilität und die Beschäftigten in den Mittelpunkt der internationalen Wirtschaftspolitik stellen?
Erstens sollten US-Firmen davon abgebracht werden, wichtige Glieder ihrer Produktionskette in Ländern wie China anzusiedeln. Die Schuld ist nicht allein bei profitorientierten Konzernbossen zu suchen. Die US-Außenpolitik ist seit Langem voller Widersprüche, und die CIA hat oft demokratische Regime untergraben, die nicht mit nationalen US- oder sogar Unternehmensinteressen übereinstimmten.
Die Entwicklung eines stärker von Prinzipien geleiteten Ansatzes ist unerlässlich. Andernfalls werden die Behauptungen der USA, sie würden die Demokratie oder die Menschenrechte verteidigen, weiter unglaubwürdig klingen.
Zweitens müssen wir den Übergang zu einer CO2-neutralen Wirtschaft beschleunigen, da dies der einzige Weg ist, um Paria-Erdölstaaten zu entmachten. Und schließlich: Wir müssen auch jede neue Abhängigkeit von China bei der Verarbeitung wichtiger Mineralien oder anderer wichtiger „grüner“ Rohstoffe vermeiden.
Die Autoren:
Daron Acemoglu ist Professor für Wirtschaftswissenschaften am Massachusetts Institute of Technology (MIT).
Simon Johnson, Ex-Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), ist Professor an der Sloan School of Management des Massachusetts Institute of Technology (MIT).