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GastkommentarGegen die hohen Energiepreise hilft nur Kriegsmangelwirtschaft

Entlastungspakete mildern nur Symptome. Deutschland sollte heimische Ressourcen nutzen: Strom aus Atom- und Braunkohlekraftwerken sowie Gas durch Fracking, fordert Wolfgang Peters. 18.10.2022 - 21:41 Uhr Artikel anhören

Wolfgang Peters ist Managing Director von The Gas Value Chain Company GmbH.

Foto: Privat

Der deutsche 200 Milliarden-Euro Doppel-Wumms ist nur scheinbar eindrucksvoll. Der wahre Doppel-Wumms ist ein drohender Wohlstandsverlust durch dauerhaft exorbitante Gas- und Strompreise.

Entlastungspakete mildern nur temporär die Symptome. Die Ursache, nämlich die Angebotsknappheit bei Gas und Strom, müsste vielmehr mittels Kriegsmangelwirtschaft kuriert werden.

Die Mittel für die Gaspreisbremse wären schnell verbraucht. Der deutsche Gasbedarf für das Jahr 2023 – rund 1,1 Milliarden Megawattstunden (MWh) – würde bei einem Preis von derzeit rund 160 Euro pro MWh am Terminmarkt 176 Milliarden Euro kosten.

Bei jedwedem Gaspreisdeckel müsste der Staat die Differenz zum Marktpreis zahlen. Bei steigendem Marktpreis könnten die Differenzzahlungen drastisch steigen.

Die Empfehlungen der Expertenkommission indizieren bereits Beträge im hohen zweistelligen Milliardenbereich. Man lebt das Prinzip Hoffnung: Eine vermeintlich temporäre Hochpreisphase wird mit schuldenträchtigen Entlastungen gemildert.

Europa steht jetzt im permanenten globalen Preiswettbewerb um LNG mit Asien

Die Hoffnung beim Gas ruht auf dem LNG-Beschleunigungsgesetz: Neue Terminals sollen die Versorgung sichern.

Dabei wird übersehen: Bisher sorgte ein Pipelinelieferantenwettbewerb am europäischen Handelsmarkt für günstige Preise. Flüssiggas (LNG) war zumeist lediglich Polizist für den maximal erzielbaren Pipelinegaspreis. Nur wenn das Preisniveau attraktiver war als in Asien, kam LNG in größeren Mengen nach Europa.

Seit dem Wegfall Russlands steht Europa im permanenten Preiswettbewerb mit Asien und Lateinamerika. Die Regionen sind nachfragegetrieben: In kalten Wintern zahlen Japan, China und Südkorea für Spot-Cargoes fast jeden Preis.

So derzeit auch die reichen Deutschen: Sie zahlten Spitzenpreise für überschaubare Gasmengen zur Speicherbefüllung. Das Wort vom stupid German money gilt nun auch in der globalen Gaswirtschaft. Für arme Länder wie Pakistan ist LNG hingegen unbezahlbar geworden.

Im Mai 2020 lag der globale Gaspreis bei rund vier Euro pro MWh, im Oktober 2021 waren es 85 Euro pro MWh. Seit Kriegsbeginn ist der Preis nochmals exponentiell gestiegen. Es wäre eine fatale Fehleinschätzung, die hohen Preise allein dem russischen Angriffskrieg zuzuschreiben.

Auch beim Strom bildet sich der Handelspreis durch Angebot und Nachfrage. Die Energiewende ist ein Lehrstück für funktionierende Märkte: Die Reduzierung des Angebots (Atomkraft und Kohle) bei gleichzeitiger Erhöhung der Nachfrage (E-Mobilität, Wärmepumpen, Elektrolyse) verursacht eine Preisexplosion.

Der Strompreis stieg schon vor Kriegsbeginn von rund 24 Euro pro MWh im Mai 2020 auf rund 180 Euro pro MWh im Oktober 2021. Derzeit steht er für 2023 bei mehr als 424 Euro pro MWh.

Das Prinzip Hoffnung ist hier die Mär vom beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien, vor allem von Wind und Solar.

Deutschland verfügt über eine Kapazität von rund 60 Gigawatt (GW) an Onshore-Windkraft. Das entspricht der Leistung der französischen Atomkraftwerke. Die gesicherte Leistung, also die jederzeit verfügbare, liegt laut Bundesnetzagentur bei einem Prozent dieser Kapazitäten.

Pro Einheit Windkraft muss deshalb ein Äquivalent von 99 Einheiten als Back-up in Form von anderen Erzeugungskapazitäten vorgehalten werden. Bei einer rücksichtslosen Verdopplung der Windkraft auf 120 GW wäre die gesicherte Leistung immer noch nur ein Prozent (1,2 GW). Mithin ist es eine Illusion, sich durch den Ausbau der Erneuerbaren eine zeitnahe Preisentspannung zu erhoffen.

Die Ursache für die hohen Preise ist Angebotsknappheit: Für Gas können zwar durch LNG-Terminals alternative physische Verfügbarkeiten geschaffen werden. Der Preis könnte dadurch aber sogar noch steigen. Beim Strom preisen die Märkte schon jetzt die Verknappung des Angebots und die Erhöhung der Nachfrage ein.

Deutschland braucht eine Kriegsmangelwirtschaft und die Mobilisierung heimischer Ressourcen

Ein Churchill vergleichbarer Politiker würde ohne Rücksicht auf den nächsten Wahltermin das für die Bewahrung unseres Wohlstandes Richtige tun: Kriegsmangelwirtschaft durch Mobilisierung heimischer Ressourcen.

Das würde bedeuten, neben der Verlängerung der Laufzeiten der drei Atomkraftwerke (AKWs) auch heimische Braunkohle zu verstromen sowie heimische Gasreserven durch Fracking zu heben.

Der Klimaschutz käme dabei keineswegs aufs Abstellgleis. Wir müssten uns nur vom deutschen Energiewende-Bullerbü verabschieden: Ideologisches grün um jeden Preis würde durch pragmatische CO2-Reduktion ersetzt.

In Deutschland sind alle Lösungswege gesetzlich verbaut: Der Atomausstieg bleibt trotz des nun angekündigten Ersatzreservebetriebs der drei AKWs für einige Monate beschlossene Sache. Dabei liegen zur AKW-Laufzeitverlängerung Berechnungen vor, die einen preisdämpfenden Effekt bestätigen.

Deutschland opponiert gegen Atomkraft als Teil der Taxonomie, schaltet seine AKWs ab und verlässt sich gleichzeitig auf den Import von Atomstrom aus Nachbarländern. Die Glaubwürdigkeit Deutschlands mit Blick auf die europäische Energie-Solidarität erleidet beträchtlichen Schaden.

Die klimaneutrale Verstromung heimischer Braunkohle ist durch zwei Gesetze verbaut: Das Kohleausstiegsgesetz und das Verbot von CCS. CCS (carbon-capture-storage) ist eine vom Weltklimarat empfohlene, ausgereifte Technologie: Mittels Rauchgaswäsche wird das CO2 entzogen, verflüssigt, zu ausgeförderten Erdgaslagerstätten transportiert und in über 2000 Meter Teufe verpresst.

Die Verstromung von Steinkohle beschert dagegen vergleichbare Probleme wie Öl- und Gasimporte: Der globale Handelspreis stieg von einst rund 150 Dollar pro Tonne auf über 300 Dollar pro Tonne.

Der Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie beziffert die durch Fracking förderbaren Gasressourcen auf über 2000 Milliarden Kubikmeter. Deutschland könnte seinen Bedarf dadurch mehr als 20 Jahre lang decken. Millionen geologischer Daten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe bestätigen dies.

Die beim Fracking verwandten Chemikalien sind ähnlich gefährlich wie Spüli

Es gibt low-hanging-fruits: In sechs Monaten könnten Fündigkeiten erbohrt werden. Dies natürlich ohne behördliche Verfahren – aber wie wäre es mit einem Fracking-Beschleunigungsgesetz?

Deutschland hat Fracking 2017 gesetzlich verboten. Seinerzeit wurde, wie so oft, wenn man nicht weiterweiß, ein Arbeitskreis zur Bewertung der Risiken gegründet.

Die Fracking-Kommission, deren Mitglieder dem Umweltschutz nahestehen, lieferte 2021 ihren Schlussbericht beim Wirtschaftsminister ab. Fracking wird darin als beherrschbares technisches Risiko qualifiziert. Die Chemikalien fallen in Gefahrenklasse 1, vergleichbar mit Spüli.

Heimisches Fracking würde den deutschen Wohlstand bewahren und sollte deshalb unverzüglich erlaubt werden. Das liegt dem Minister aber offenbar fern.

Die Handelspreise für Strom und Gas sind nicht nur hoch, sondern auch in nie da gewesener Weise volatil. Es herrscht das Trader-Sentiment: Eine befürchtete Angebotsknappheit kann zu hohen Preisaufschlägen führen. Entlastungspakete könnten die Sorge um eine Knappheit sogar noch verstärken.

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Umgekehrt würden belastbare politische Ansagen, nunmehr ohne weiteres schuldhaftes Zögern in die Kriegsmangelwirtschaft einzusteigen, vermutlich in kürzester Zeit zu einem signifikanten Rückgang der Strom- und Gashandelspreise führen.

Der Autor: Wolfgang Peters ist Managing Director von The Gas Value Chain Company GmbH.

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