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GastkommentarParis und Berlin müssen wieder zum Motor von Europa werden

Die globalen Krisen bieten eine große Chance für die EU. In den vergangenen Jahren ist allein die Bürokratie gewachsen – das muss sich jetzt ändern, fordert Tui-Chef Sebastian Ebel. 03.06.2025 - 04:12 Uhr Artikel anhören
Der Autor Sebastian Ebel 
ist CEO der Tui Group. Foto: Bloomberg Creative Photos/Getty Images [M]

Europa ist kein Kontinent im Abseits. Europa ist ein globaler Machtfaktor – ökonomisch, gesellschaftlich und kulturell. 500 Millionen Menschen leben in der Europäische Union, mehr als in den Vereinigten Staaten. Die EU ist nach den USA und China eine der größten Volkswirtschaften der Welt.

Gemeinsam erwirtschaften wir über 15 Billionen Euro jährlich. Unser Binnenmarkt ist ein Magnet – mit 23 Millionen Unternehmen und einer Kaufkraft, die globale Maßstäbe setzt. In Bereichen wie Maschinenbau, Pharma, Avionik und Umwelttechnologie ist Europa Weltspitze.

Doch unsere Stärke liegt nicht nur in Zahlen. Sie liegt auch in unseren Werten. In sozialer Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit, demokratischer Stabilität.

Nirgendwo sonst auf der Welt leben so viele Menschen unter dem Schutz von Menschenrechten, Meinungsfreiheit und sozialer Absicherung. Während in anderen Teilen der Welt Autokratie und soziale Ungleichheit wachsen, bleibt Europa ein Modell für Würde, Gerechtigkeit und Zusammenhalt.

Diese beeindruckende Grundlage verpflichtet uns, den europäischen Gedanken weiterzutragen – mit Vision, aber auch mit dem Mut zur Veränderung. Denn bei aller Stärke darf Europa seine Schwächen nicht übersehen. Die Produktivitätslücke zu den USA ist gewachsen. Bei digitalen Technologien hinkt Europa hinterher.

Der Draghi-Bericht identifiziert eine europaweite Investitionslücke von 800 Milliarden Euro jährlich. Die Herausforderungen in der Energieversorgung und insbesondere für unsere Sicherheit sind real und dringend. Das positive Momentum, das für viele Errungenschaften verantwortlich war, ist für die Bürgerinnen und Bürger nicht mehr erlebbar.

Die EU muss wieder Großes wagen

Die europäische Maschinerie selbst trägt zur Stagnation und rückläufigen Akzeptanz bei. Der Vertrag von Maastricht schuf 1992 die Grundlagen für den Euro. Der letzte große EU-Gipfel in Kopenhagen 1993 ebnete den Weg für die Osterweiterung.

Seitdem mangelte es an ähnlich visionären Impulsen. Allein die Bürokratie wächst. Sie ist teuer und hemmt. Andere zogen vorbei und es gilt: Europe regulates, the US innovates und Europa diskutiert, China macht.

Die aktuelle Situation lässt uns zu präferierten Partnern werden. Für viele Länder sind wir wieder die „good guys on the block“. Europa kann das Gegengewicht zu erkennbaren Hegemonialbestrebungen sein. Mit neuen Partnern – wie Kanada, Südamerika und Asien – und alten wie Großbritannien.

Jetzt ist der Moment gekommen, die Stärken Europas zu nutzen, um Antworten auf die Herausforderungen zu geben – mit Mut und Fokus. Was es braucht, ist eine EU, die wieder Großes wagt: eine Kapitalmarktunion, eine integrierte Energiepolitik, eine gemeinsame Innovationsstrategie, eine Verteidigungsunion. Die Vorschläge liegen auf dem Tisch.

Doch ihre Umsetzung erfordert einen neuen Denk- und Arbeitsstil. Große Dinge entstehen nicht automatisch durch mehr Geld, mehr Personal oder mehr Regulierung. Es geht um Konzentration auf das Wesentliche.

Europa braucht einen Motor außerhalb von Brüssel

Statt neue Verordnungen zu produzieren, sollte Brüssel eine ehrliche Inventur des bestehenden Regelwerks vornehmen. Um Kraft für Innovation und Investitionen freizusetzen. Europa benötigt klare Prioritäten und Entscheidungsprozesse, die Vertrauen schaffen. Das stärkt Wirtschaftskraft und gesellschaftliche Akzeptanz.

Das Tandem Frankreich/Deutschland sollte wieder zum Antrieb werden. Europa braucht auch außerhalb Brüssels einen Motor für die europäische Idee. Statt gemeinsamer Initiativen dominierte zuletzt das Zögern – in jenen Momenten, in denen Europa Führung gebraucht hätte. Und doch: Das Potenzial dieser Partnerschaft ist ungebrochen.

Europa

Weniger Abhängigkeit von fremden Mächten – Das ist die Agenda für den deutsch-französischen „Reset“

Deutschland und Frankreich vereinen wirtschaftliche Stärke, politische Erfahrung und die symbolische Kraft zweier historischer Rivalen, die Freundschaft geschlossen haben. Wird diese Partnerschaft wieder aktiv, kann sie einladend wirken – nicht exklusiv, sondern inklusiv.

Ein starker deutsch-französischer Motor zieht auch andere mit: Italien, Polen, Spanien, die nordischen und osteuropäischen Partner. Moderne Führung in Europa heißt nicht Dominanz, sondern Zusammenarbeit – auch mit Großbritannien.

Unsere europäischen Werte gilt es zu pflegen und zu verteidigen. Demokratie und Liberalität gibt es nicht zum Nulltarif. Hier gilt es, durch Bildung, Förderung und Diskurs gerade bei der jüngeren Bevölkerung wieder Begeisterung für Europa zu entfachen.

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Ich bin überzeugt: Europa hat eine glänzende Zukunft, trotz aller Herausforderungen. Europas Größe ist nicht laut – aber sie ist mächtig. Wir dürfen sie selbstbewusst gemeinsam in die Welt tragen. Europa hat alles, was es braucht: Menschen, Märkte, Ideen, Werte.

Der Autor: Sebastian Ebel ist CEO der Tui Group.

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