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Gastkommentar Polens Premier Morawiecki: „Veto ist ein Sicherheitsventil, ohne das die EU gar nicht existieren kann“

Der Regierungschef verteidigt vor dem EU-Gipfel die Haltung Polens und Ungarns im Budgetstreit. Die Einführung des Rechtsstaatsmechanismus bedrohe die nationale Souveränität der EU-Staaten.
07.12.2020 - 17:18 Uhr 3 Kommentare
Mateusz Morawiecki ist seit knapp zwei Jahren Ministerpräsident Polens. Der 52-Jährige ist Mitglied der national-populistischen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS).
Der Autor

Mateusz Morawiecki ist seit knapp zwei Jahren Ministerpräsident Polens. Der 52-Jährige ist Mitglied der national-populistischen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS).

Eine Krise wie die gegenwärtige passiert nur alle hundert Jahre. Erst nach und nach werden wir die Ausmaße der von der Coronavirus-Pandemie verursachten Verluste entdecken. Bereits heute sehen wir aber belastete Menschen, geschädigte Wirtschaftszweige, verzweifelte Familien, die jemanden verloren haben.

Der Impfstoff ist zwar in Sicht, trotzdem wird es noch dauern, bis wir die Schwierigkeiten überwunden haben. Den entscheidenden Hoffnungsschimmer gibt es für die Europäerinnen und Europäer noch nicht. Ob sie den Glauben an die Zukunft wiedergewinnen werden, hängt von der Europäischen Union und ihrer Kraft, von solidarischen Anstrengungen und der Handlungsfähigkeit ihrer Mitgliedstaaten ab.

Die Coronavirus-Pandemie ist die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Zum ersten Mal nach 1989 haben wir als eigenständiges und vereintes Europa die Gelegenheit zu einer gemeinsamen Antwort auf die krisenhafte Herausforderung. Das ist eine große Chance.

Gleichzeitig aber auch ein großes Fragezeichen: Sind wir dieser geschichtsträchtigen Probe gewachsen? In die Geschichtsbücher wird sie, davon bin ich überzeugt, als eine gewaltige europaweite Prüfung eingehen.

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    In dem entscheidenden Augenblick, in dem es auf die Solidarität ankommt, ist in Europa aber der Geist der Spaltung erwacht. Als sollte die enorme Anstrengung hinter dem Corona-Wiederaufbaufonds von etwas zunichtegemacht werden, was schon immer die Schwäche unseres Kontinentes war: dem Hang zu Streitereien und der Konzentration auf das, was uns trennt, statt der Suche nach dem Verbindenden.

    Vertrauen und Loyalität sind in Gefahr

    Die Art und Weise, wie der Mechanismus für Rechtsstaatlichkeit in die Verordnung zum EU-Haushalt aufgenommen werden soll, weckt nicht nur ernsthafte Zweifel an der juristischen Begründung eines solchen Schrittes, sondern hebelt das Vertrauen und die Loyalität zwischen den Mitgliedstaaten und den EU-Institutionen aus. Die gegenwärtigen Schritte lassen die geltenden EU-Verträge außer Acht und erzeugen den Zustand einer großen Rechtsunsicherheit. Ist es wirklich das, was wir den Bürgerinnen und Bürgern in der dramatischen epidemiologischen Situation bieten wollen – Unsicherheit und politische Streitigkeiten?

    Ein ernsthaftes Problem und ein Paradoxon der EU von heute besteht darin, dass sie die vielfältigen, in verschiedenen Traditionen der Mitgliedstaaten verwurzelten Rechts- und Verfassungssysteme nicht akzeptiert, obwohl die Wichtigkeit der Vielfalt ständig unterstrichen wird. Die Gemeinschaft besteht aus Demokratien unterschiedlicher Ausprägung, weil sich die europäischen Nationen voneinander unterscheiden.

    Die Fünfte Französische Republik und die Bundesrepublik Deutschland ähneln einander nicht. Das ist selbstverständlich, weil die eine aus dem Willen der französischen Nation und die andere aus dem der deutschen entstanden ist. Italiener und Polen, Portugiesen und Deutsche haben das Recht, anders zu sein. Das Ziel der Union soll in einer in Vielfalt begründeten Solidarität liegen, denn nur auf diese Weise bleibt sie kreativ und sozial. Die Vielfalt stellt ja einen europäischen Reichtum und keinen Fluch dar.

    Wir fordern Gleichbehandlung und Achtung der Verträge. Die Union kann ihre eigenen Grundsätze weder aushebeln noch auf Wunsch einiger Mitgliedstaaten ändern. Das Gesetz zum Schutz des EU-Haushalts ist im Verhältnis zum Vertrag über die Europäische Union sekundär, daher kann es die Bestimmungen des Letzteren weder ersetzen noch modifizieren.

    Der geplante Mechanismus der Rechtsstaatlichkeit bedeutet einen Versuch, den EU-Vertrag, konkret den Artikel 7 (Stimmrechtsentzug), zu umgehen. Es muss klar gesagt werden: Das ist ein Mechanismus, der zur Wahrung rechtsstaatlicher Prinzipien durch die Mitgliedstaaten konzipiert wurde und der aber selbst das EU-Recht umgeht, das heißt die Rechtsstaatlichkeit bedroht.

    Immer wieder kommt es in der EU zu Auseinandersetzungen und Meinungsverschiedenheiten. Doch stehen uns Instrumente zur Verfügung, die bis jetzt stets eine Einigung bewirkten. Ich hoffe, dass wir fähig sind, eine Lösung zu finden, die den Buchstaben und den Geist der EU-Verträge achtet. Vielleicht handelt es sich aber um ein Spiel, das von einigen Akteuren gespielt wird, damit der Europäische Aufbaufonds nicht aktiviert wird, weil sie zwar die größten Nutznießer des gemeinsamen Binnenmarktes sind, aber keine Lust haben, in die gemeinsame Kasse einzuzahlen.

    Wir haben heute alle ein Ziel, und dieses Ziel – der wirtschaftliche Wiederaufbau Europas – muss unser Wegweiser sein. So wie er zurzeit konzipiert ist, eröffnet der Mechanismus der Rechtsstaatlichkeit Tür und Tor für gefährliche Interpretationen.

    Viel Macht und Entscheidungsgewalt wird damit an Organe ohne demokratische Legitimation oder zumindest mit einer im Vergleich mit den Landesparlamenten defizitären demokratischen Grundlage abgegeben. Dies stellt eine große Gefahr für jeden Mitgliedstaat und für die Zukunft der ganzen EU dar. Wer sich dagegen immun wähnt, ist sich der Ausmaße der dadurch entstehenden Beliebigkeit wohl kaum bewusst.

    Jetzt trifft es Polen – wen danach?

    Unschwer kann man sich nämlich vorstellen, dass einer politischen Kraft in der EU die eine oder die andere von einem Mitgliedstaat in Angriff genommene politische oder wirtschaftliche Reform missfallen kann. Es würde ausreichen, diese in den Medien und im Europäischen Parlament als Verletzung der Rechtsstaatlichkeit zu bezeichnen, um den betreffenden Mitgliedstaat mit einem Wegfall von Mitteln aus den EU-Fonds zu bedrohen. Wollen wir das wirklich? Wollen wir derart arbiträr entscheiden und die aus einer solchen Herangehensweise resultierenden zentrifugalen Kräfte in Europa wecken?

    Eine solche Lösung ermöglicht im großen Maße, Druck auf die Innenpolitik der Mitgliedstaaten auszuüben. Ich betone: auf die Innenpolitik. Dieser arbiträre, politisch motivierte Mechanismus richtet sich heute gegen Polen – wer garantiert uns jedoch, dass er sich morgen nicht gegen einen anderen Staat richten wird, wenn dieser nicht bereit sein wird, sich dem Willen Brüssels zu beugen? Die Verträge achten und beschützen die Souveränität der Mitgliedstaaten, während der neue Mechanismus sie verletzt und bedeutend beschränkt.

    Wer damit nicht einverstanden ist und sein Veto einlegt, schwächt nicht die EU. Ein Veto ist ein in der Realität europäischer Strukturen verankertes Vorgehen, im Einklang mit dem Geist der EU und ihrer demokratischen Natur. Ein Sicherheitsventil, ohne das die EU gar nicht existieren kann. Ein Instrument, welches dem Kompromiss dient und die Schwächeren vor der Bevormundung durch die aktuell Stärkeren schützt. Es bekräftigt die Gleichwertigkeit der Stimme eines jeden Mitgliedstaates.

    Charles de Gaulle sagte einmal, dass man die Zukunft der Gegenwart nur deshalb opfere, weil man nicht Nein sagen könne. Polen fühlt sich mitverantwortlich für die Zukunft Europas. Deshalb bedeutet unser Nein zu dem jetzt vorgeschlagenen Mechanismus ein Ja zu einem wahrhaftig vereinigten Europa der Vielfalt, Freiheit, Gleichheit und Solidarität.

    Mehr: Berlin und Brüssel bleiben im Streit um Rechtsstaatlichkeit hart: „Werte sind für alle verpflichtend“

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    3 Kommentare zu "Gastkommentar: Polens Premier Morawiecki: „Veto ist ein Sicherheitsventil, ohne das die EU gar nicht existieren kann“"

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    • Schon aus rechtlichen Gründen, die Herr Morawiecki treffend anführt, geht die Konditionalisierung der Finanzhilfen durch so genannte Rechtsstaatsprinzipien nicht.
      Die Wahrung der Rechtsstaatlichkeit ist durch den Art. 7 der EU-Verträge garantiert und geregelt. Der EU-Vertrag kann nicht durch ein Finanzgesetz ausgehebelt werden dass kleinere Wertigkeit hat. Wenn die Mitgliedstaaten es so gewollt hätten, wäre das Veto-Recht nicht entstanden. Sowas gibt es schon lange z. Bsp. in der Verfassung der USA. Dort darf auch der Präsident sein Veto einlegen...
      Nur in Deutschland gibt es dass Corona-bedingt die Landes- und Bundesregierung durch verordnungen die Verfassungsrechte der Bürger einschränkten. In so Fern müsste Brüssel auch in Deutschland eingreifen....

    • Herr Morawiecki, Sie haben voll und ganz Recht.
      Ich liebe ihr Land sehr, insbesondere die wunderschönen Masuren - und ich verehre den größten Polen aller Zeiten, Papst Johannes Paul II (Gott hab ihn heilig!), der einen bis heute weit unterschätzten Beitrag zum Untergang des Kommunisus leistete. Und ich bin mir absolut sicher, dass er den jetzigen, mit dem Sozialismus liebäugelnden Papst Franziskus "in den Senkel" stellen würde.
      Was die EU-Zentralisten letztendlich wollen, Herr Morawiecki, ist nämlich keine europaweite Demokratie mit freien Bürgern, sondern es geht hier um die Machtübernahme politischer Eliten und die Ablösung freier Demokratien!
      Das polnische Volk wird dann eben keine freie Wahl mehr haben. Die linken Zentralisten und Globalisten hassen nämlich für die Durchsetzung ihrer Agenda tatsächlich selbstbestimmte Völker und Demokratie. Dazu der US-republkanische Senator Ted Cruz:
      "Linke hassen die Demokratie. Denn wenn die Menschen die Wahl haben, dann wählen sie nicht, was die Linken wollen. Sondern was die Linken wollen, das ist eine Institution, die sie dominieren können — ein Regime von gesichtslosen, seelenlosen Bürokraten, die willkürlich ihre Macht ausüben können. Hier geht es um Macht."
      Bleiben Sie also stark, Herr Morawiecki! Ihr Volk, das heute wesentlich intelligenter ist als das deutsche, wird es Ihnen danken.

    • Er hat scheinbar nicht erkannt, worum es geht: die EU ist heute kein Modell mehr, der eine zahlt und der andere bekommt es. Auf Dauer kan die EU nur gewinnen, wenn wir näher zu einander rücken, auch in den Werten wie Rechtsstaatlichkeit usw. Wir wollen auf Dauer ein Gegenpol zu den USA, China, aber auch Russland sein. Auch nach Abgang der Engländer sind wir noch ein großer Block mit vielen Menschen und Wirtschaftskraft. Da kann Herr Morawiecki sich nicht herauspicken, was er will. Dies führt dazu, dass wir unsere Werte, aber auch Gesetze einander annähern. In Deutschland gibt es auch viele Menschen, die diese Annäherung als Aufgabe unserer Werte ansehen; aber anders funktioniert das nicht. Ich selbst war in den letzten Jahren mehr in Polen, zuletzt im vergangenen Jahr in Südpolen, z.B. in Breslau, aber auch anderen Städten. Dort konnte ich nicht erkennen, dass die Menschen die Annäherung an Europa ablehnen.

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