Gastkommentar: Unternehmen und Staat haben es verpasst, die deutsche Chemie-Industrie zukunftsfähig zu machen
Sonja Jost ist CEO von DexLeChem, einem Start-up der grünen Chemie.
Foto: imago images/EventpressNachhaltigkeit als Megatrend ist im wahrsten Sinne des Wortes „trendy“ geworden. Getrieben von den Finanzmärkten der Welt hat es das Thema Nachhaltigkeit in die Machtzentralen der Industrie geschafft. Ängstlich wird nach (Aus-)Wegen gesucht, um auf dem Gebiet punkten zu können.
Aber Angst war noch nie ein guter Ratgeber. Angst vor dem eigenen Scheitern, weil man zu spät den „Trend“ erkannt hat; Angst vor dem, was kommen könnte, wenn man nicht genügend Unterstützung aus der Politik erhält; Angst, dafür verantwortlich zu sein, dass das eigene, traditionsreiche Unternehmen untergehen könnte. Es lastet gerade ziemlich viel Druck auf den Schultern so mancher.
Natürlich sind die Ängste der Unternehmenslenker berechtigt. Wenn ich als Unternehmerin versuchen würde, Investoren für ein Geschäftsmodell zu begeistern, das auf Energiesubventionen beruhte, man würde mich rundweg auslachen.
Umso erstaunlicher ist es, dass noch immer nicht alles getan wird, was möglich wäre, um den Druck zu verringern. Man hört den Ruf nach Subventionen, nicht nach Innovationen.
Selbst der Krieg in der Ukraine hat bisher zu keiner namhaften Modernisierungskampagne der Industrie geführt. Obwohl die Abhängigkeiten allen Entscheidungsträgern bekannt sind und es wohl auch nur eine Frage der Zeit ist, bis es zu einer Verknappung der Energieversorgung kommt.
Es scheint noch immer einfacher zu sein, die Hand in Richtung Staat aufzuhalten, als selbst etwas zu verändern.
Grüne Innovationen machen CO2-neutrale Produktion realistisch
Die meisten der Produktionsverfahren, insbesondere in Bereichen hoher Wertschöpfung wie bei der Produktion von Spezialchemikalien und Pharmazeutika, sind Jahrzehnte alt. Die überwiegende Anzahl wurde noch nie mittels computergestützter Modellierungen optimiert, durch die sich regelmäßig Energie im zweistelligen Bereich einsparen lässt.
Die Reduzierung des Energieeinsatzes ist Teil der sogenannten „grünen Chemie“. Sie leitet Naturwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen mit zwölf Grundprinzipien an, eine Transformation der Industrie hin zu einer ungiftigen Kreislaufwirtschaft bewerkstelligen zu können. Auch eine CO2-neutrale Produktion rückt durch grüne Innovationen plötzlich in den Bereich des Machbaren.
Wie lange werden wir es uns noch leisten können, die Augen vor diesen Fakten zu verschließen? Die USA haben noch unter den Republikanern ein parteiübergreifendes Gesetz für eine nachhaltige Chemie erlassen, deren Innovationen sie „für Hunderte von Lieferketten, [als] kritisch für die amerikanische Wirtschaft“ erachten.
Wir sehen, wie dort neue grüne Chemieriesen entstehen und Märkte bedienen, die den alten Anbietern verloren gehen.
Sich die nächsten Jahre in Deutschland darauf zu fokussieren, den Status quo zu erhalten, wäre fatal. Und die offene Frage ist: Wie viel Energie soll man im wahrsten Sinne des Wortes noch da reinstecken?
Nur optimierte Produktionsverfahren sollten Subventionen erhalten
Erst wenn ein Produktionsverfahren nachweislich mit neuesten computergestützten Modellen optimiert worden ist, sollte die Vergabe von staatlichen Energiesubventionen in Erwägung gezogen werden. Um solch eine Optimierung durchzuführen, benötigen qualifizierte Naturwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen nur wenige Monate.
Eine Prüfung auf disruptive, grünere Verfahren nimmt sogar nur wenige Wochen in Anspruch. Noch hätten wir Zeit, in der wir tätig werden könnten. Verspielen wir sie nicht ungenutzt! Mit bedingungslosen Energiesubventionen, ohne Ausrichtung auf ein Ziel, wird niemandem geholfen. Denn dadurch wird der überfällige Modernisierungsschub der Industrie verpasst.
Die technologischen Entwicklungen in der Welt bleiben nicht stehen, egal wie viel wir auch versuchen, den Status quo zu bewahren. Was, wenn man beispielsweise viele Polymere gar nicht mehr industriell in energieintensiven Verfahren chemisch aufbauen müsste, sondern sie ganz einfach aus Pflanzen extrahieren könnte?
Für viele wird das nach Zukunftsmusik klingen, dabei ist es längst wissenschaftliche und auch marktwirtschaftliche Realität geworden. Die ersten Start-ups in diesem Bereich bereiten ihr Wachstum vor. Das Einzige, was in den Sternen steht, ist, wie sie in Deutschland Zugang zu ausreichendem Wachstumskapital bekommen sollen. Viele wissenschaftliche Ausgründungen ringen seit Jahren damit, in Deutschland Zugang zu Kapital zu erhalten, um Produktionsanlagen bauen zu können. Denn Venture-Capital-Unternehmen scheuen die Investition in Dinge, die sie nicht verstehen – und davon gibt es hierzulande leider eine Menge.
Im gesamten Jahr 2018 wurden in Deutschland laut einer vom Verband der Chemischen Industrie in Auftrag gegebenen Studie insgesamt nur 2,4 Millionen Euro an Risikokapital im gesamten Bundesgebiet in Chemie-Start-ups investiert. Ein klares Marktversagen.
Auf der anderen Seite ist der Anteil der EU am chemischen Weltmarkt in den letzten zwanzig Jahren bis 2018 von 33 auf 17 Prozent gesunken. Es liegt sehr nahe anzunehmen, dass es da einen Zusammenhang gibt.
Deutschlands Chemieproduktion ist die größte in der EU. Aber wie lange noch?
In den USA bekommen Chemie-Start-ups schon mal dreistellige Millionenbeträge an staatlichen Zuschüssen, wie kürzlich das Unternehmen Phlow, weil ihnen zugetraut wird, einen signifikanten Beitrag zu einer nachhaltigen Versorgungssicherheit zu leisten. In Deutschland wäre so etwas undenkbar. Hier wird lieber Altes unterstützt, als Neues zu wagen. Es ist bekannt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse bei uns kaum in den Markt gelangen.
Die Altindustrie übernimmt sie nur selten. Sie bevorzugt, dass alles beim Alten bleibt. Denn Risiken einzugehen und gegebenenfalls zu scheitern, hat schon so manche Industriekarriere gekostet. Das führt zu Vorsicht.
Start-ups als Innovationstreiber hätten das Potenzial, diese Lücke zu schließen. Nur haben wir in Deutschland noch immer kein einziges Instrument geschaffen, das dem oben beschriebenen Marktversagen begegnet.
Die Bundesregierung hat zwar gerade in ihrer Start-up-Strategie verkündet, dass sie ein Modul „prüft“, mit dem „junge, innovative Unternehmen Finanzierungen erhalten sollen, die bislang keinen Zugang zu Venture-Capital-Fondsfinanzierungen hatten“. Der Ausgang dieser Prüfung ist jedoch ungewiss.
Dabei ist die chemische Industrie mit rund 190 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr die drittgrößte im Lande. Wir sind neben Japan die drittgrößte Chemienation der Welt und als größter europäischer Produzent allein für knapp 40 Prozent des Chemieumsatzes in der EU verantwortlich. Aber für wie lange noch?
Die europäische Industrie hat über einen Zeitraum von zwanzig Jahren ihre Investitionen bis 2018 gerade einmal um sieben Prozent auf insgesamt 22,8 Milliarden Euro erhöht. Im gleichen Zeitraum haben chinesische Chemieunternehmen ihre Investitionen um mehr als 174 Prozent und US-Unternehmen um 112 Prozent auf 30,6 Milliarden Euro erhöht. Sowohl Unternehmenslenker als auch der Staat haben es in den vergangenen Jahren verpasst, wichtige Weichen zu stellen, um die chemisch-pharmazeutische Industrie zukunftsfähig in Deutschland zu machen.
Wir werden nicht wie bei der Automobilindustrie eines Tages überrumpelt aufwachen können, um verwundert festzustellen, dass der Wert eines ausländischen Unternehmens größer ist als der Wert der gesamten im Dax notierten Branchengrößen zusammen. Dazu sind die Versäumnisse zu offenkundig.