Gastkommentar: Warum eine Union für Künstliche Intelligenz in Europa notwendig ist
Der Gastautor Gert Mengel ist Schulleiter in Rostock, Podcaster für Themen rund um Bildung und Künstliche Intelligenz und Berater für Bildungs-Start-ups.
Foto: HandelsblattWenn in China ein Sack Reis umfällt, dann weiß Peking ganz genau, wie viele Körner in ihm drin sind. Wie das funktioniert – dafür interessiert sich die deutsche Politik kaum. Sollte sie aber.
Mit massiven Investitionen hat China Künstliche Intelligenz (KI) in den Mittelpunkt seiner politischen und wirtschaftlichen Strategie gestellt. Zweifellos hat das Land damit seinen Bürgern einen goldenen Käfig aus Technologie gebaut, in dem jeder Schritt überwacht wird. Doch Europa sollte das nicht abschrecken.
Ganz im Gegenteil. Es sollte vom Engagement Chinas in Bildung und Start-up-Förderung lernen – und zwar auf europäische Weise: nämlich auf der Grundlage seiner Errungenschaften wie Aufklärung, Menschenrechte und Demokratie. Diese gilt es in die Welt der KI zu übertragen.
China hat das Unterrichtsfach KI flächendeckend in Grundschulen eingeführt
Seitdem ChatGPT Ende 2022 auf den Markt gekommen ist, übt sich Deutschland in Zögerlichkeit statt Entschlossenheit – gerade in den Schulen. Eine für 2024 geplante Fachveranstaltung der Kultusminister zeigt: Deutschland bummelt.
In den Kinderzimmern ist KI mit Snapchat, Tiktok und Co. längst omnipräsent. Kinder und Jugendliche konsumieren medial das, was die KI will. Höchste Zeit, dass auch Lehrer sie erklären lernen. Zum Vergleich: China hat seit 2018 das Unterrichtsfach KI in der Grundschule flächendeckend eingeführt.
Deswegen schlage ich vor: erstens eine bundesfinanzierte Bundeslizenz für eine datensichere Version eines großen Sprachmodells für alle Schulen und zweitens eine Montan-Union KI, die ein europäisches Sprachmodell binnen drei Jahren für Schulen zur Verfügung stellt.
Die Bundesregierung fördert so gut wie keine Bildungs-Start-ups
Die aktuelle Situation in Deutschland sieht trostlos aus: kein nationaler Bildungsplan KI, kein Digitalpakt 2.0, kein Bildungsgipfel. Großzügige Förderungen? Fehlanzeige!
In der laufenden Legislaturperiode investiert das Bundesforschungsministerium 1,6 Milliarden Euro in KI. Das ist ungefähr das Jahresbudget für die KI-Förderung einer mittelgroßen chinesischen Stadt.
China verfügt über zehn Mal mehr Start-up-Einhörner als Deutschland. Das Start-up-Strategiepapier des Bundeswirtschaftsministeriums berücksichtigt so gut wie keine Bildungs-Start-ups, also sogenannte Edtechs.
Dabei hat die Bildungswirtschaft alle Lösungen für zukunftsweisende digitale Bildung zur Verfügung.
In Ermangelung neuer gesetzlicher Vorgaben müssen die klassischen Anbieter wie Klett oder Cornelsen eher unfreiwillig Bücher und Arbeitshefte als Lehrmittel des letzten Jahrtausends verkaufen. Neue Player, wie Bettermarks oder Modus Operandi, bleiben mit ihren digitalen Angeboten meist in den Startblöcken.
Deutsche Schulen haben dafür kein Budget. Der Staat fördert auf diese Weise prekäre Verhältnisse – sowohl in unterfinanzierten Edtechs als auch bei armen Familien, die sich keine teuren Apps leisten können. Das staatliche Hilfsprogramm nach Corona war zwar gut, aber nicht nachhaltig.
Mecklenburg-Vorpommern zeigt, wie KI in Schulen funktioniert
Was möglich ist, zeigt Mecklenburg-Vorpommern. Das Bildungsministerium hat für alle Schulen datenschutzkonforme KI des Anbieters Fobizz als Landeslizenz erworben.
Technologie für aktuelle Herausforderungen: binnendifferenzierte Materialien für Inklusionsschüler, Transkriptionen von Videos für ukrainische Geflüchtete, Übersetzung von Elternbriefen ins Arabische.
Und Lehrer können damit Klausuren blitzschnell kontrollieren – alles in allem eine Art Burn-out-Prophylaxe für ein museales deutsches Schulsystem, das immer noch im Arbeitszeitmodell des Kaiserreichs gefangen und durch Fachlehrermangel und Integration gebeutelt ist.
Jeder Cent Förderung ist ein Investment in gesellschaftlichen Frieden und Wohlstand. Die Bildungswirtschaft ist Zukunftsindustrie! Aber kein Wissen ohne Gewissen – eine nationale Lösung reicht nicht.
Deutschland und Frankreich sind zwar in strategischen KI-Gesprächen. Ist das aber tatsächlich auch ein Austausch, der die Bildungswirtschaft zur Schlüsselwirtschaft erhebt, Schulen und Hochschulen zu Orten der Transformation macht, vom Willen getragen, unabhängig von fernöstlicher Technologie zu sein?
Der europäische Artificial Intelligence Act (European AI Act) will dieses Dilemma gesetzlich regulierend auflösen. Doch kann eine Lösung aus Europa sinnvoll für ein globales Phänomen sein?
Die Idee der Montanunion, nach dem Krieg Symbol der Zusammenarbeit und des Wiederaufbaus in Europa, kann uns leiten. Damals waren Kohle und Stahl die wichtigsten Rohstoffe, heute ist es KI
Jetzt bedarf es einer KI-Union als europäisches Leitprojekt. Ihr Kern: eine KI im Einklang mit den Prinzipien der europäischen Aufklärung; eine KI, die den Menschen dient und nicht überwacht; eine KI, die die Bildung unserer Kinder fördert und nicht ihren Willen unterdrückt; eine KI, die mit Trainingsdaten gefüttert wird, die Urheberrechte beachtet und Diskriminierungen diskriminiert. Kurzum eine KI, die technologisch führend und tief in unseren Werten verwurzelt ist. Ein solches Projekt ist viel mehr eine Haltungs- als eine Gesetzesfrage.
Der Autor:
Gert Mengel ist Schulleiter in Rostock, Podcaster für Themen rund um Bildung und Künstliche Intelligenz und Berater für Bildungs-Start-ups.
Erstpublikation: 21.11.2023, 04:25 Uhr.