Gastkommentar: Wie eine kapitalgedeckte private Altersvorsorge aussehen sollte
Das jüngste Rentenpaket der Großen Koalition verschärft die bestehende Schieflage der Alterssicherung. Anstatt – wie von der Vorgängerregierung geplant – mit dem „Generationenkapital“ den Einstieg in eine Kapitaldeckung zu wagen, wird die Mütterrente ausgebaut.
Für die Jüngeren ist das eine schlechte Nachricht. Kein Wunder, dass laut einer aktuellen Umfrage von YouGov rund drei Viertel der Befragten der Rente misstrauen. Fehlen überzeugende Antworten, werden Zweifel zu Ängsten – ein Zustand, der nicht von Dauer sein darf.
Die Lösung liegt auf dem Tisch: eine reformierte, leistungsfähige dritte Säule der privaten Altersvorsorge. Sie ergänzt die beiden Säulen aus betrieblicher Altersversorgung und gesetzlichem Pflichtsystem.
Rentenreformen sind heikel. Die aktuelle Rentnergeneration reagiert sensibel auf jede Kürzungsdebatte – aus Angst vor sozialem Abstieg und dem Verlust der gefühlten Lebensleistung.
Jüngere Beitragszahler hingegen nehmen die Probleme oft nur abstrakt wahr, da sie weit in ihrer Zukunft liegen. Diese Asymmetrie begünstigt eine Politik der Gegenwartspräferenzen.
USA: Vorbild bei der privaten Altersvorsorge
Die Herausforderung besteht darin, unvermeidbare Leistungsbegrenzungen in der gesetzlichen Rente durch höhere Zusatzeinkommen aus privater Vorsorge abzufedern. Eine Reform der dritten Säule wäre damit zugleich ein Fundament für spätere Anpassungen der ersten Säule - die des gesetzlichen Pflichtsystems.
Die Große Koalition setzt stattdessen auf Projekte wie die „Frühstart-Rente“ für Schulpflichtige – nett, aber nicht entscheidend. Wichtiger ist, was nach dem Eintritt ins Erwerbsleben passiert.
Hier lohnt ein Blick in die USA: Rund 55 Millionen Menschen sparen dort in sogenannten 401(k)-Konten – eigenverantwortlich geführte Wertpapierdepots mit steuerlicher Förderung. Einzahlungen erfolgen aus dem Bruttolohn, teils vom Arbeitgeber mitfinanziert.
Erträge bleiben bis zur Auszahlung steuerfrei, wodurch der Zinseszinseffekt voll wirkt. Vorzeitige Entnahmen sind steuerlich unattraktiv, was die Bindung stärkt. Bemerkenswert: Zwischen 2018 und 2023 erzielten 401(k)-Konten im Schnitt 9,7 Prozent Rendite pro Jahr.
Fünf Vorschläge für eine deutsche Reform
Ein vergleichbares Modell in Deutschland könnte so aussehen:
Erstens sollte der Staat die Anlage in ein Altersvorsorgedepot privilegieren. Einzahlungen erfolgen demnach aus dem unversteuerten Bruttoeinkommen, alle Erträge und Veräußerungsgewinne bleiben steuerfrei, erst Auszahlungen nach dem Renteneintritt werden besteuert.
Somit kann der Zinseszins ungeschmälert wirken, und die Steuerpflicht erfolgt mit dem zumeist geringeren Durchschnittssteuersatz im Rentenalter. Das allein wäre ein Gamechanger.
Zweitens sollte der Staat wie bei Riesterverträgen einen Anreiz geben. Die frühere Bundesregierung hatte geplant, Sparraten bis zu 3000 Euro im Jahr mit 20 Cent pro Euro zu fördern.
Mehr war mit Rot-Grün nicht möglich, weil beide Menschen für nicht förderungswürdig hielten, die mehr sparen können. Um die qualifizierte Mittelschicht, die unser Land trägt, nicht zu vergessen, wäre aber eine Kappung frühestens bei 6000 Euro sinnvoll.
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Drittens sollte der Staat bei den Anlageentscheidungen Wahlfreiheit ermöglichen. Versicherungsbasierte Lösungen könnten ebenso Teil des Systems sein wie depotgebundene Varianten mit flexibler Asset-Allokation.
Für diejenigen, die keine Entscheidung treffen möchten, braucht es Standardmodelle mit automatisierter Portfolio-Steuerung. Doch die individuelle Entscheidung darf nicht zur Ausnahme werden, sondern sollte den Regelfall markieren.
Eine Zertifizierung zugelassener Produkte würde das Modell bürokratisch machen. Besser scheinen mir prozentuale Obergrenzen für Anlageklassen wie Einzelaktien, ETF oder Bitcoin. Und ja, dieses Kryptoasset sollte möglich sein.
Von einer Reform profitiert auch die Aktienkultur
Viertens sollte Arbeitgebern ermöglicht werden, als Form der betrieblichen Altersvorsorge in das individuelle Depot ihrer Beschäftigten einzuzahlen.
Am Ende sollten fünftens die Sparerinnen und Sparer im Rentenalter entscheiden können, ob sie ihr Kapital als Leibrente bis zum Lebensende ausgezahlt bekommen wollen oder als befristeter Auszahlungsplan. Letzteres wird für viele ökonomisch sinnvoll sein, während von Leibrenten Versicherer profitieren.
Das Altersvorsorgedepot würde Durchschnittsverdienern ermöglichen, über das Erwerbsleben hinweg ein beachtliches Kapitalpolster aufzubauen – mit positiven Effekten für die Aktienkultur, die privaten Investitionen und den Kapitalmarkt insgesamt.
Es würde Ängste vor Altersarmut mindern und der Politik Spielraum verschaffen, den Sozialstaat angesichts des demografischen Wandels zu entlasten.
Der beste Zeitpunkt für diesen Richtungswechsel wäre vor 25 Jahren gewesen. Der zweitbeste Zeitpunkt ist jetzt.
Der Autor: Christian Lindner (FDP) war bis November 2024 Bundesfinanzminister.