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GastkommentarWir müssen global handeln, um die Coronakrise zu bezwingen

Die Coronakrise stellt die Weltgemeinschaft nicht nur vor einen gesundheitlichen Notstand, sondern auch vor einen wirtschaftlichen. Das lässt sich nur gemeinsam lösen.Angel Gurría 25.03.2020 - 03:55 Uhr

Der Autor ist Generalsekretär der OECD.

Foto: Action Press [M]

Die Corona-Pandemie fordert zahlreiche Todesopfer und verursacht großes menschliches Leid. Es ist eine Gesundheitskrise, wie wir sie noch nie erlebt haben. Sie stellt unsere kollektive Reaktionsfähigkeit auf eine harte Probe.

Sie ist der dritte – und bislang größte – wirtschaftliche, finanzielle und soziale Schock des 21. Jahrhunderts, nach dem 11. September und der weltweiten Finanzkrise von 2008. Es ist ein doppelter Schlag: Zum Produktionsstillstand in den betroffenen Ländern, der die Lieferketten weltweit beeinträchtigt, kommt ein tiefer Nachfrage- und Vertrauenseinbruch.

Die ergriffenen harten Maßnahmen sind unerlässlich, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Sie versetzen unsere Volkswirtschaften jedoch in eine Schockstarre nie gekannten Ausmaßes. Es wird nicht einfach sein, diesen Zustand zu überwinden.

Das Wichtigste ist jetzt, die Zahl der Todesopfer und Krankheitsfälle zu begrenzen. Die Pandemie löst aber auch eine große Wirtschaftskrise aus, mit deren Folgen wir noch Jahre zu kämpfen haben werden. Wir werden dieser Herausforderung nur mit gemeinsamen, koordinierten internationalen Anstrengungen gerecht werden können.

Das schiere Ausmaß des derzeitigen Schocks macht wirtschaftliche Prognosen schwierig wie nie zuvor. Es ist zunehmend wahrscheinlich, dass das Bruttoinlandsprodukt weltweit und in den verschiedenen Weltregionen in diesem und auch in den nächsten Quartalen 2020 schrumpfen wird.

Ausmaß schwierig abzuschätzen

Zwar ist es noch zu früh, um abzuschätzen, welche Auswirkungen Covid-19 auf viele Entwicklungsländer haben wird. Klar ist jedoch: Selbst wenn sie das Glück haben sollten, von der Gesundheitskrise nicht mit voller Wucht getroffen zu werden, dürften sie großen wirtschaftlichen Schaden erleiden.

Diese Krise wird für unsere Gesellschaft zu einer schweren Belastungsprobe werden. Wenn die schlimmste Phase der Gesundheitskrise überstanden ist, werden wir uns mit der Beschäftigungskrise auseinandersetzen müssen, die auf sie folgt.

Schon lange vor dem Ausbruch der Epidemie waren strukturelle Schwächen der Weltwirtschaft deutlich geworden: die hohe Verschuldung des Unternehmenssektors und die Handelsspannungen zwischen den großen Volkswirtschaften. Sie drohen nun den von Covid-19 ausgelösten Wirtschaftsabschwung zu verschlimmern.

Sehr bedenklich sind auch die Einkommens-, Vermögens- und Beschäftigungsungleichgewichte vieler Länder, die für einen erheblichen Teil der Bevölkerung zu einer Bedrohung werden könnten. Über ein Drittel der Haushalte im OECD-Raum lebt in finanziell unsicheren Verhältnissen: Sie würden in Armut abgleiten, wenn sie drei Monate kein Einkommen hätten.

Die in den vergangenen Jahren stark gewachsenen Handelshemmnisse könnten nicht nur die Versorgung mit dringend nötigen medizinischen Gütern beeinträchtigen, sondern auch zu Störungen in den Lieferketten für die Produktion von Nahrungsmitteln und anderen wesentlichen Waren und Dienstleistungen führen. Damit steigt die Gefahr eines noch schlimmeren Verlaufs der Epidemie und einer noch tieferen und längeren Rezession.

Schwächen im Gesundheitssystem

Dringend notwendig sind jetzt groß angelegte Maßnahmen auf subnationaler, nationaler und internationaler Ebene. Als Erstes muss die Gesundheitskrise eingedämmt werden, zweitens muss die Wirtschaft wieder aufgerichtet und zum Laufen gebraucht werden, und drittens müssen neue Politikkonzepte erarbeitet werden, die es braucht, um die entstandenen Schäden zu beheben und für künftige Schocks besser gerüstet zu sein.

Die Covid-19-Krise hat eklatante Schwächen in unseren Gesundheitssystemen offenbart, angefangen bei der Zahl der Intensivbetten und der Personalausstattung über das Unvermögen einiger Länder, ausreichend Schutzmasken bereitzustellen oder Tests durchzuführen, bis hin zu Defiziten bei der Erforschung und Bereitstellung von Medikamenten und Impfstoffen.

Neben der unmittelbaren gesundheitspolitischen Reaktion braucht es entschlossene und ambitionierte Maßnahmen, um den Konjunkturabschwung abzufedern und besonders gefährdete Gruppen zu schützen. Nur wenn unverzüglich umfassende und koordinierte Maßnahmen ergriffen werden, kann der Wirtschaft ein rascher und kräftiger Neustart gelingen.

Erfreulicherweise wurden bereits viele maßgebliche Bemühungen und Initiativen angekündigt. Es ist jedoch mehr internationale Abstimmung notwendig, damit diese Initiativen die besten Resultate erzielen, die Märkte beruhigen und die besonders gefährdeten Länder stützen können.

Die Abstimmung zwischen den Zentralbanken ist begrüßenswert; zudem hat die G7 in ihrer jüngsten Erklärung in kraftvollen Worten eine klare Richtung vorgezeichnet, und die Staats- und Regierungschefs der G20 treten nächste Woche per Videokonferenz zu einem Sondergipfel zusammen. Dennoch ist dringend eine wesentlich intensivere Abstimmung über die gesamte Bandbreite der Politikbereiche erforderlich.

Internationale Bemühungen

Die OECD ruft die Staaten auf, durch umfangreiche, glaubwürdige und international abgestimmte Bemühungen für die notwendigen Ressourcen zu sorgen, um den akuten Gesundheitsnotstand zu bewältigen, den Konjunkturschock abzufedern und die Voraussetzungen für eine Erholung zu schaffen. Vier Bereiche sind dabei maßgeblich:

  1. Die Staaten sollten die internationale Zusammenarbeit bei der Bekämpfung der Gesundheitskrise verstärken. Die Forschungskoordination auf diesem Gebiet ist beeindruckend. Sie muss jedoch durch Maßnahmen ergänzt werden, die dafür sorgen, dass Impfstoffe und Behandlungsmöglichkeiten so schnell wie möglich für die Bevölkerung bereitstehen. Wäre zur Zeit des Sars-Cov-1-Ausbruchs ein Impfstoff entwickelt worden, könnte nun schneller ein Impfstoff für das aktuelle Virus gefunden werden, da zwischen den beiden Viren eine 80-prozentige Übereinstimmung besteht. Jetzt sollten die Arzneimittelbehörden wie die FDA in den Vereinigten Staaten und die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA zusammenarbeiten, um regulatorische Hürden für Impfstoffe und Arzneimittel zu beseitigen.
  2. Die Regierungen sollten gemeinsam handeln, anstatt unkoordinierte Maßnahmen zu ergreifen. Sie sollten Soforthilfen finanzieren, um die negativen Auswirkungen auf die Konjunktur abzufedern und eine schnellere Erholung zu ermöglichen. Dazu zählen Sofortausgaben für Maßnahmen im Gesundheitswesen wie umfassende Tests, die Behandlung aller Patienten (auch unversicherter), die Unterstützung für Gesundheitsfachkräfte, die Rückkehr von Ruheständlern in Gesundheitsberufe bei entsprechendem Schutz von Hochrisikogruppen, eine bessere Ausstattung mit Schutzmasken, Intensivbetten und Beatmungsgeräten. Nötig sind aber auch Soforthilfen für Arbeitskräfte: Kurzarbeit, niedrigere Hürden für den Bezug von Arbeitslosengeld, Geldleistungen an Selbstständige sowie Unterstützung besonders bedürftiger Gruppen. Und es zählen Hilfen für Unternehmen dazu: die Stundung von Steuer- und Abgabenschulden, die vorübergehende Herabsetzung oder Aussetzung der Umsatzsteuer, ein besserer Zugang zu Betriebskapital durch Kreditlinien oder staatliche Bürgschaften, spezielle Hilfspakete für klein- und mittelständische Unternehmen, insbesondere im Dienstleistungs- und Tourismussektor.
    Wenn der Höhepunkt der Krise überwunden ist, sollte prioritär ein gut konzipiertes und länderübergreifend abgestimmtes Investitionsprogramm umgesetzt werden, das insbesondere Investitionen in Forschung, Entwicklung und Infrastrukturen im Gesundheitswesen umfassen sollte.
  3. Die Zentralbanken haben bereits entschlossene Maßnahmen eingeleitet, um die Wirtschaft zu stützen; die Finanzmarktregulierung und -aufsicht ist jedoch ein weiterer Bereich, in dem Koordinierung zu besseren Ergebnissen führen könnte. Die durch die Covid-19-Krise verursachten wirtschaftlichen Verwerfungen treffen die Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte sowie die Bankerträge und -bilanzen. Ein koordiniertes Vorgehen bei der Überwachung, der Diagnose aufkommender Spannungen und der Regulierung wäre viel effektiver als isolierte und nicht abgestimmte Reaktionen.
  4. Wir müssen alles tun, um Vertrauen wiederherzustellen. Dafür ist es entscheidend, die Ausbreitung des Virus unter Kontrolle zu bringen. Es wäre jedoch auch hilfreich, die Faktoren anzugehen, die das Vertrauen geschwächt haben, bevor Covid-19 ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte, insbesondere den Abbau von Handelsbeschränkungen.

In unserer globalisierten Welt können viele Fragen nicht mehr innerhalb nationaler Grenzen behandelt werden, unabhängig davon, ob es sich um ein Virus, Handel, Migration, Umweltschäden oder Terrorismus handelt. Multilaterales Handeln führt zu positiven Übertragungseffekten, von denen die Länder stärker profitieren, als wenn sie allein handeln. Unsere Zielsetzung muss so ambitioniert sein wie der Marshall-Plan, in dessen Rahmen die OECD gegründet wurde. Und wir brauchen eine Vision, die dem New Deal – den Wirtschafts- und Sozialreformen in den USA in den 1930er-Jahren – entspricht, allerdings auf weltweiter Ebene.

Mit kühlem Kopf, individueller und kollektiver Disziplin, erhöhtem Solidaritätsbewusstsein und gemeinsamem Engagement werden wir diese unerwarteten und schwierigen Herausforderungen bewältigen.

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